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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1833-46)

bestieg der bisherige Prinz-Regent 29. Jan. 1820 als Georg IV. (1820-30) den Thron. Seine erste Regierungshandlung, welche die ganze Gemeinheit dieses Mannes offen zu Tage treten ließ, die Anstrengung des skandalösen Scheidungsprozesses gegen seine Gemahlin Karoline, regte die allgemeine Erbitterung gegen Thron und Regierung nur noch stärker auf. Dazu gesellten sich unbequeme äußere Verwicklungen. Die von Castlereagh, dem leitenden Geist des Kabinetts Liverpool, geführte auswärtige Politik entsprach durchaus der reaktionären innern und schloß sich eng an das System der Heiligen Allianz und deren Legitimitätsgrundsätze an. Von diesem Standpunkt aus sah Castlereagh auch die Revolutionen in Spanien, Neapel und Griechenland an; er selbst wollte gerade zum Fürstenkongreß nach Verona abreisen, als er sich in einem Irrsinnsanfall selbst entleibte (12. Aug. 1822), worauf Canning mit der Leitung des Auswärtigen betraut wurde, der sogleich einen Umschwung einleitete. Er vertrat in der europ. Politik im Gegensatz zu Metternich und seinen Anhängern den Grundsatz der Nichteinmischung und sprach die Anerkennung der von Spanien abgefallenen südamerik. Kolonien als selbständiger Freistaaten aus. Er verschärfte auch das schon früher durchgesetzte Verbot des Sklavenhandels, indem er ihn mit denselben Strafen belegte wie Seeräuberei. Der steigenden Bewegung in Irland unter Führung Daniel O'Connells für die Befreiung der Katholiken von ihren bürgerlichen Beschränkungen suchte er mit einem Gesetzesvorschlag entgegenzukommen, den aber die Lords verwarfen (1824). Der liberale Umschwung, der mit Cannings Eintritt in das Toryministerium Liverpool zur Erscheinung gekommen war, wuchs, als er im April 1827 dessen Chef wurde. Zwar der schon vorher mit seinem Freunde Huskisson gemachte Versuch, durch die Einführung der "gleitenden Skala" (s. Getreidezölle) einen ersten Schritt gegen die Kornzölle zu thun, hatte durch den Widerstand der Lords nur einen Teilerfolg (1828). Dafür aber bahnte er in der auswärtigen Politik noch das Eintreten der Mächte für die Griechen an, ehe er selbst einem frühen Tode erlag (8. Aug. 1827). Nach einem Übergangsministerium Goderichs (s. Ripon) trat Wellington, der unter Canning als strenger Tory ausgeschieden war, an die Spitze der Regierung.

Das Ministerium Wellingtons hatte sowohl bei seinem Eingreifen in die griech.-türk. Verhältnisse (s. Griechenland) wie in Portugal Mißgeschick; vor allem aber wuchs die Unzufriedenheit in Irland, weil man in der Ernennung Wellingtons die Ankündigung neuen Rückschrittes sah. Dieser zeigte sich jedoch zu Konzessionen bereit. Die thatsächlich längst nicht mehr zur Ausführung gekommene Korporations- und Testakts wurde 1829 auf Russells Antrag auch formell aufgehoben, und damit erhielten wenigstens die prot. Dissenters gesetzliche Gleichstellung. Aber der erneute Versuch, die Ausschließung der Katholiken vom Parlament zu beseitigen, scheiterte anfangs im Oberhause, und auch den Starrsinn Georgs IV. mußte Wellington erst durch die Drohung mit seinem Rücktritt brechen; die Bill ging endlich auch bei den Lords durch, und 13. April 1829 war die Katholikenemancipation Gesetz.

Diese Niederwerfung der religiösen Schranke war nur der Anfang zu der weit tiefer greifenden Reform des Unterhauses in seiner ganzen Zusammensetzung. Die Verteilung der Vertretung im Unterhause und des Wahlrechtes überhaupt war in den Jahrhunderten seines Bestehens für die modernen Verhältnisse zur reinen Karikatur geworden; thatsächlich wurden die meisten Unterhaussitze von der Krone und mächtigen Adelsfamilien geradezu vergeben oder durch Bestechung erkauft, nur wenige hatten ihre Selbständigkeit wahren können. Alle Anträge, die Besitzer der Macht zu einer Reform zu bewegen, waren bisher zurückgewiesen worden. (S. Reformbill.) Mit der Annahme der Katholikenbefreiung wurden auch die so oft getäuschten Hoffnungen auf Parlamentsreform wieder lebendig, aber zunächst noch ohne Erfolg; einen dahin zielenden Antrag Russells (Febr. 1830) verwarfen schon die Gemeinen. Etwas besser wurden die Aussichten, als nach Georgs IV. Tode (26. Juli 1830) sein Bruder, der bisherige Herzog von Clarence, als Wilhelm IV. (1830-37) den Thron bestieg. Im November trat Wellington zurück, und ein alter, maßvoller Vorkämpfer der Reform, Graf Grey, übernahm als erster Schatzlord die Leitung eines Whigkabinetts. Sein erstes Reformgesetz (Febr. 1831) fiel im Unterhause. Das nach einer Parlamentsauflösung neu gewählte nahm die zweite Reformbill an (März 1832), sie scheiterte aber im Oberhause, bis endlich unter persönlicher Einwirkung des Königs bei der dritten Reformbill die Lords nachgaben. Am 7. Juni 1832 wurde sie Gesetz. Verrottete Wahlflecken (rotten boroughs, s. Borough) wurden angehoben, bisher nicht vertretene Städte mit dem Wahlrecht begabt, dieses gegenüber der frühern Willkür gleichmäßiger verteilt, sodaß alle städtischen Steuerzahler, deren Wohnung mindestens 10 Pfd. St. Mietwert hatte, wahlberechtigt wurden, sowie von den Landbewohnern die Freigutsbesitzer mit mindestens 10 Pfd. St. und alle Pächter auf 20 Jahre mit 50 Pfd. St. Rente. Diese Reform bezeichnet einen der wichtigsten Abschnitte in der engl. Geschichte, denn sie verdoppelte die alte Wählerzahl von 400000 Seelen, befreite das Wahlrecht einigermaßen von den alten Schranken der Patronage und Bestechung und gab statt einer engen, durch das Unterhaus herrschenden Adelsoligarchie dem Mittelstand die ausschlaggebende Macht im Staatsleben. Thatsächlich scheidet sich hier das früher von der Krone, dann von einer Adelsoligarchie regierte alte England von dem England des 19. Jahrh., das sich den aus Frankreich stammenden, unser Jahrhundert beherrschenden demokratischen Ideen geöffnet hat. Großartiges hatte die alte Parlamentsoligarchie geleistet; ihr war vor allem die Ruhe und Stetigkeit verliehen, die Dauerministerien, wie Walpoles und Pitts, möglich gemacht hat. Nur eine Oligarchie der Welt, der röm. Senat, ist an polit. Einsicht und Leistungsfähigkeit mit der des engl. Parlaments im 18. Jahrh. vergleichbar. Dennoch konnte sie nie den Charakter einseitiger Klassenvertretung abstreifen und zeigte ihre Unfähigkeit, den innern staatlichen Aufgaben der neuern Zeit zu genügen.

7) Die ersten Jahre nach der Parlamentsreform bis zu den Zoll- und Finanzreformen Peels (1833-46). Am 5. Febr. 1833 begannen die Sitzungen des ersten, nach der Reform gewählten Parlaments. Weitaus das Übergewicht hatten die Whigs, aber neben diesen hatte sich eine neue radikale Partei gebildet, der die bisherige Reform bei weitem nicht genug that. Der Brennpunkt der ersten polit. Kämpfe war die irische Frage. Mit der 1829 den widerstrebenden Tories abgerungenen Katholikenbefreiung waren weder die Forderungen