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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1865-74)

Aber wieder konnte man sich nicht entschließen, den fortdauernden öffentlichen Lärm zur That werden zu lassen, zumal die Königin sehr entschieden gegen ein bewaffnetes Einschreiten war. Die schließliche Erklärung im Parlament 27. Juni 1864, daß England in seiner Neutralität beharren würde, war wiederum das Zugeständnis einer beschämenden Niederlage.

Indessen hatten sich die innern Verhältnisse des Landes befriedigender gestaltet. Trotz des noch nicht beseitigten Notstandes in den Fabrikdistrikten entwickelten Handel und Industrie neues Leben. Eine große Zahl neuer Aktiengesellschaften wurde gegründet (263 im J. 1863). Die Finanzverwaltung arbeitete mit Steuerermäßigungen und Überschüssen, die zur Tilgung der Nationalschuld verwendet wurden, und trotz der großen Aufwendungen für Flotte und Küstenbefestigungen hatte man seit 1861 gegen 14 Mill. Pfd. St. an Steuern abgeschafft. Dem durch die amerik. Wirren vorübergehend beeinträchtigten Handel waren durch die Verträge mit Frankreich, Italien, China, Japan und Siam neue Absatzquellen eröffnet. Eine schwierige Aufgabe erwuchs durch die Gestaltung der Dinge in Irland, wo das Umsichgreifen der Verschwörung der Fenier (s. d.) ein energisches Einschreiten nötig machte. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen und eine Reihe belasteter Persönlichkeiten vor Gericht gezogen, von denen mehrere zu schweren Strafen verurteilt wurden. Bei der Fortdauer der Aufregung mußte noch Jan. 1866 Stadt und Grafschaft Dublin in Ausnahmezustand erklärt und die Habeas-Corpus-Akte aufgehoben werden.

Ein Negeraufstand, der 11. Okt. 1865 in Jamaika ausgebrochen war, zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, besonders durch die empörende Grausamkeit mit der er von dem Gouverneur unterdrückt wurde. Es zeigten sich solche Mißstände, daß die Regierung sich zur Einsetzung einer Untersuchungskommission und zur Absetzung des Gouverneurs veranlaßt sah und die Änderung der Verfassung der Kolonie beschlossen wurde. Bald darauf rief auch der Ausbruch des Deutschen Krieges von 1866 lebhafte Erörterungen in beiden Häusern hervor, und bei den obwaltenden Sympathien für Österreich waren die preuß. Siege der brit. Diplomatie wenig willkommen.

10) Die zweite Parlamentsreform und die Irische Frage (1865-74). Schon lange hatte im Kampf der Parteien die Frage einer neuen Reform des Unterhauses eine hervorragende Rolle gespielt, mehrfach war sie aufgeworfen, immer wieder zurückgesetzt worden. (S. Reformbill.) 1865 trat sie wieder in den Vordergrund, und in einer Reihe öffentlicher Versammlungen wurde für Herabsetzung des Wahlcensus und Neuverteilung der Parlamentssitze agitiert. Nach dem Tode Lord Palmerstons (18. Okt. 1865) hatte Russell die Leitung des Ministeriums übernommen, und in der neuen Session brachte Gladstone 12. März 1866 die verheißene Reformbill vor das Unterhaus. Sein Antrag, der die Wähler nur in geringem Maße vermehrte, enttäuschte die Reformfreunde, und da die Regierung auf demselben bestand, so trat eine Spaltung in der liberalen Partei ein. Ein Teil derselben unter der Führung von Horsman und Lowe schlug sich in der Opposition zu den Konservativen; diese Fraktion erhielt durch ein Scherzwort Brights den Beinamen der "Adullamiten" (s. d.). Die Macht der konservativ-adullamitischen Vereinigung zwang die Regierung zu Zugeständnissen; aber die Annahme eines von der Opposition beantragten Zusatzparagraphen, der den städtischen Wahlcensus von 7 auf 9 Pfd. St. erhöhte, veranlaßte Gladstone auf das so umgestaltete Gesetz Verzicht zu leisten und führte den Sturz des Ministeriums herbei.

In dem nachfolgenden konservativen Kabinett des Grafen Derby (25. Juni 1866) erhielt Disraeli das Schatzkanzleramt und die Führung des Unterhauses, Lord Stanley das Auswärtige und Spencer Walpole das Innere. Der Antritt dieses Ministeriums verstärkte sofort die Reformbewegung in der Öffentlichkeit; die Reformliga arbeitete eifrig, die Aufregung wuchs, besonders als die Regierung ein Reformmeeting im Hyde-Park (Juli 1866) untersagte und es darüber zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen Volk und Polizei kam. Die öffentliche Meinung drängte die Regierung zum Vorgehen, Massenversammlungen fanden in allen großen Städten statt. Der erste von Disraeli 25. Febr. 1867 vorgelegte Reformentwurf befriedigte niemand, der neue vom 18. März war dafür radikaler als sein liberaler Vorgänger. Mit großem Geschick führte Disraeli die Erörterung mit den reformabgeneigten Männern der eigenen Partei und den weiter drängenden Liberalen, denen er noch mehrere unvermeidliche Zugeständnisse machen mußte. Nach der Annahme von beiden Häusern erhielt die Parlamentsreform 15. Aug. 1867 Gesetzeskraft. Die Ausdehnung des Wahlrechts für alle selbständigen städtischen Haushalter ohne Censusbeschränkung hatte dasselbe außerordentlich demokratisiert und eine in ihren Folgen höchst ungewisse Neuerung geschaffen, die Graf Derby mit dem bekannten Wort als einen "Sprung ins Dunkle" bezeichnete. Außerdem brachte die Session von 1867 noch eine Reihe wichtiger kolonialer und auswärtiger Fragen: ein Gesetz wurde im April angenommen, das die Staaten von Britisch-Nordamerika als Dominion of Canada (s. Canada, Bd. 3, S. 892) in einer gemeinsamen Verfassung vereinigte. Das Verfahren Kaiser Theodors von Abessinien, der engl. Unterthanen willkürlich in Gefangenschaft hielt, führte im Herbst 1867 zu einem Kriege, der erst im folgenden Jahre durch die Eroberung Magdalas 13. April 1868 beendet wurde. (S. Abessinien, Bd. 1, S. 37.)

Im Vordergrund aber standen die fortdauernd gärenden Verhältnisse in Irland. Man hätte von der Durchführung der Parlamentsreform einen beruhigenden Einfluß auch hier erwarten können; aber die fenischen Mordversuche in mehrern irischen Städten, ferner in Chester und Manchester sowie die Sprengung der Umfassungsmauer des Clerkenwellgefängnisses in London (13. Dez. 1867) gaben genügenden Beweis vom Gegenteil. Gladstone gebührt das Verdienst, zuerst eine irische Reformpolitik in großem Stil angeregt zu haben, indem er zunächst die Forderung aufstellte, daß der irischen Kirche ihr Charakter als Staatskirche genommen werde (disestablishment). Disraeli, der an Stelle des erkrankten Derby Premierminister geworden war (24. Febr. 1868), forderte Aufschub, erlitt aber 27. April eine parlamentarische Niederlage. Dennoch blieb er im Amt und wartete den Erfolg der demnächst bevorstehenden Neuwahlen ab. Zum erstenmal geschahen diese auf Grund des neuen Reformgesetzes, und ihr Ergebnis war 2. Dez. 1868 eine liberale Mehrheit von 118 Stimmen. Disraeli legte sein Amt nieder, und Gladstone trat 9. Dez.