Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

446

Großbritannien und Irland (Geschichte 1865-74)

an die Spitze eines Ministeriums, das im wesentlichen aus den Männern des liberalen Kabinetts von 1866 bestand; einen Zuwachs bezeichnete der Eintritt John Brights als Handelsminister.

Sofort nahm Gladstone die irische Frage wieder auf, über die Disraeli gestürzt war. Am 1. März 1869 forderte er in seiner irischen Kirchenbill die Entstaatlichung der irischen Kirche und die Einziehung ihres reichen Eigentums, das nun zu einem Teil für die Erhaltung der Kirche, zum andern für wohlthätige Zwecke verwendet werden sollte. Die Bill wurde 26. Juli 1869 Gesetz und die Session 11. Aug. geschlossen. Im folgenden Jahre ging Gladstone gegen das Hauptübel Irlands vor und legte Hand an die Ordnung der ländlichen Zustände durch seine 15. Febr. eingebrachte Landbill, die den abziehenden Pächtern Entschädigung für die auf den Gütern gemachten Verbesserungen und Erleichterung des Erwerbs von Grundbesitz verschaffen sollte, sowie ferner für Streitigkeiten zwischen Grundherren und Pächtern Schiedsgerichte einsetzte. Am 24. Mai wurde sie im Unterhause, 8. Juli von den Lords angenommen und 1. Aug. von der Königin vollzogen. Ein wichtiges Gesetz war die zunächst nur für England und Wales bestimmte Erziehungsbill, durch die eine Einteilung des Landes in Schuldistrikte und eine Untersuchung des Schulwesens und Gründung neuer Schulen angeordnet wurde. Diese sollten der Beaufsichtigung durch Regierungsinspektoren unterstellt und kein Schüler gegen den Willen seiner Eltern zur Teilnahme am Religionsunterricht gezwungen sein. (S. Englisches Schul- und Universitätswesen, Bd. 6, S. 141.)

So waren beträchtliche Erfolge für die innere Entwicklung durch das liberale Ministerium erzielt worden. Weit weniger bewährte es sich in der auswärtigen Politik, die nach des tüchtigen Lords Clarendon Tod (27. Juni 1870) Lord Granville übernommen hatte. Drei schwierige Fragen standen hier zur Erledigung: die Stellungnahme Großbritanniens gegenüber dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 und 1871, die Pontusfrage und neue Mißhelligkeiten mit Amerika. Gegenüber den kriegführenden Mächten Deutschland und Frankreich erklärte England 19. Juli 1870 seine Neutralität, ließ aber durch Privatleute, trotz der deutschen Einrede, die umfassendste Ausfuhr von Kriegsbedarf aller Art nach Frankreich geschehen. Die Sympathien waren anfangs für Deutschland, neigten aber später der franz. Republik zu, ohne daß England den geringsten Einfluß auf den Gang und die schließliche Entscheidung der Dinge ausüben konnte. Die geringe äußere Machtstellung Englands zeigte sich noch viel deutlicher in der Pontusfrage, als Rußland die Beseitigung der seit dem Pariser Frieden 1856 bestehenden Neutralität des Schwarzen Meers forderte. Da Frankreich niedergeworfen war und Deutschland sich den Forderungen Rußlands günstig zeigte, sah sich Großbritannien genötigt, den Vorschlag Bismarcks, die Sache durch eine Konferenz in London (17. Jan. bis 31. März 1871) zu regeln, anzunehmen. Diese endete mit der Anerkennung der russ. Forderungen, und England verschleierte seine Nachgiebigkeit nur durch einige formelle Anstandsforderungen, die ihm gewährt wurden.

Auch mit Amerika setzte man sich in ähnlicher Weise auseinander. Die lange schwebende sog. Alabamafrage (s. d.) sowie Differenzen über die canad. Fischerei (s. Fischereifrage) und die Grenze zwischen Nordamerika und Britisch-Columbia sollten nach dem Vertrag von Washington 8. Mai 1871 durch Einsetzung von Schiedsrichtern geschlichtet werden. Das geschah im wesentlichen zu Gunsten Amerikas, während England Landabtretungen und bedeutende Geldzahlungen, 15 1/2 Mill. Doll., an die Vereinigten Staaten machen mußte. Die Isoliertheit Englands, die sich bei diesen Gelegenheiten zeigte, und das geringe Ansehen, das seine thatsächliche Schwäche ihm nach außen hin bereitete, ließen an eine Stärkung der eigenen Macht denken. Die kriegerischen Ereignisse auf dem Festlande hatten die ungenügende Beschaffenheit der eigenen Armee erkennen lassen, und schon 16. Febr. 1871 hatte der Kriegsminister Cardwell einen Antrag zur Heeresreorganisation vorgelegt, der im ganzen den Charakter des engl. Soldheers beibehielt und nur den Stellenkauf der Offiziere beseitigte. Im Unterhause fand das Gesetz Zustimmung; der bedrohte eigene Vorteil ließ aber die Anhänger des alten Systems im Oberhause sich widersetzen, sodaß schließlich das in diesem Fall (weil der Stellenkauf nur auf königl. Verordnung beruhte) noch zu Recht bestehende Verordnungsrecht der Krone zu Hilfe genommen werden mußte, um die notwendige Forderung auch ohne Oberhauszustimmung durch königl. Reskript 1. Okt. 1871 durchzusetzen. Eine wichtige innere Maßregel war die Einführung der geheimen Abstimmung bei Parlamentswahlen durch die Ballotbill, die 18. Juli 1872 zunächst auf acht Jahre bewilligt wurde. Dafür schien die irische Frage, deren Vertretung Gladstone ins Amt geholfen hatte, der Anlaß zu seinem Sturze zu werden. In der Session von 1873 brachte er eine irische Universitätsbill ein, die den höhern Unterricht in Irland neu ordnen sollte, aber auf beiden Seiten anstieß, da sie der kath. Hierarchie, welche die volle Herrschaft über das Unterrichtswesen beanspruchte, bei weitem nicht genug bot und wieder Konservativen und Radikalen zu große Zugeständnisse an die Katholiken machte. Mit kleiner Mehrheit wurde sie 12. März 1873 abgelehnt; weil aber Disraeli mit dem bestehenden Parlament die Regierung nicht führen zu können meinte, so blieb Gladstone im Amt und nahm nur einige Personaländerungen im Ministerium vor. Die irische Universitätsbill wurde erst sechs Jahre später (1879) in veränderter Form unter Disraeli durchgebracht. In Irland nahm die Bewegung der Home-Ruler, die eine selbständige irische Regierung anstrebten, stetig zu und wurde von den kath. Bischöfen Englands selbst unterstützt. Auch in England breitete sich der Katholicismus stark aus, Kirchen und Klöster wurden gegründet und mehrere Aufsehen erregende Konversionen fanden statt. Die Besorgnis deswegen lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Kulturkampf in Deutschland, Meetings wurden 1874 abgehalten, die der deutschen Regierung ihre Sympathien aussprachen; und Gladstone zog selbst mit der Feder gegen den Vatikanismus zu Felde (s. Gladstone). DieProtestantenmeetings hatten eine kath. Gegenversammlung zur Folge, die nun wieder für die deutschen Katholiken eintrat (15. Nov. 1874). Die unsichere Stellung des Kabinetts bewog Gladstone endlich eine Entscheidung herbeizuführen. Am 24. Jan. 1874 geschah auf seinen eigenen Wunsch die Auflösung des Unterhauses, und da die Neuwahlen eine beträchtliche konservative Mehrheit ergaben, räumte er 17. Febr. 1874 Disraeli das Feld.