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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Hallstätter Zeit; Hallstättersee

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Hallstättersee - Hallstätter Zeit

sind schon über 1000 Gräber geöffnet, die fast ohne Ausnahme ein reiches archäol. Material geliefert haben. Das Merkwürdige ist, daß hier Leichenbrand, Leichenbestattung und beides zusammen, d. h. teilweise Verbrennung und teilweise Bestattung, nebeneinander vorkommen. Von den Metallen sind Bronze und Eisen am meisten vertreten, mehrfach kommt auch Gold vor, Silber gar nicht; dann finden sich Thongefäße der verschiedensten Art, ganz roh, sowie fein und geschmackvoll ornamentiert, aber noch ohne Scheibe hergestellt, ferner Glas, Bernstein, Elfenbein; Waffen sind nicht zahlreich, die bronzenen und die noch häufigern eisernen Schwerter sind ziemlich lang, ganz gerade, zweischneidig und unten in einem stumpfen Winkel als spitze endend. Mehrere scheinen absichtlich zerbrochen ins Grab gelegt worden zu sein. Lanzenspitzen und Celte kommen ebenfalls sowohl von Eisen wie von Bronze vor. Bei weitem häufiger sind in den Gräbern aber die Schmucksachen, prachtvolle Gürtel aus ganz dünn getriebenem Bronzeblech, zum Teil mit phantastischen Tier- und Menschenfiguren, Fibeln, meist aus zwei durch eine Schleife verbundenen Scheibenspiralen von Bronzedraht bestehend, Armringe, Fußringe, Haar- und Gewandnadeln und alle möglichen andern Zierate mit Klapperblechen von Bronze, Halsketten von Bernstein- und Glasperlen. Von hervorragendster Bedeutung sind auch die Bronzegefäße, die in allen Formen und Größen als Näpfe, Eimer, Kessel, Schöpfgefäße u. s. w. vorhanden sind. Sie sind getrieben oder aus mehrern Platten zusammengenietet. Das Löten scheint damals noch unbekannt gewesen zu sein. Alle diese verschiedenen Fundstücke sind zum Teil entschieden einheimische Arbeit, teilweise aber auch Importartikel von fremden Völkern; so weist z. B. der Bernstein zu den Völkern an der Ostsee hin und manche Bronzen verraten deutlich die altetrusk. Herkunft; auch das häufige Vorkommen von Glas und das Elfenbein, das zu Einlagen benutzt wurde, bezeugt den regen Handelsverkehr der alten Hallstätter mit den alten Kulturvölkern am Mittelmeer.

Über das ungefähre Alter dieses Gräberfeldes ist man ziemlich einig, nämlich daß etwa die Blüte desselben von 700 bis 400 v. Chr. gewesen sein muß (s. Hallstätter Zeit). Gleichwohl glaubt Freiherr von Sacken (Das Gräberfeld von H.) den Anfang desselben noch um einige Jahrhunderte herausrücken und es ziemlich bis in die röm. Zeit ausdehnen zu müssen. Die Bevölkerung war sicher eine keltische, deren Vorliebe für Schmuck und Putz ja auch oft im Altertum erwähnt wird. Die Funde sind dem Wiener Hofmuseum einverleibt. - Vgl. Meyer, Das Gräberfeld von H. (Dresd. 1885).

Hallstättersee, der schönste unter den größern Seen des österr. Salzkammergutes, am Nordfuße des Dachsteingebirges in 494 m Höhe, ist 8 km lang, 1,5 km breit, umfaßt 857 ha und erreicht eine Tiefe von 125 m. Der See, welcher von der Traun durchflossen wird, hat ernsten Charakter. Seinem Ostufer folgt die Salzkammergutbahn, während die Straße Ischl-Aussee oberhalb Goisern das Traunthal verläßt, um über die Pötschenhöhe (982 m) hinweg die große südwärts gerichtete Äusbiegung des Hauptthals (H. und Koppenschlucht) abzuschneiden. Am Westufer verläuft eine Straße von Goisern nach Hallstatt, welche neuerdings bis in die Lahn verlängert worden ist und um das Südende des Sees herum bis nach Obertraun weiter geführt werden soll. Bemerkenswert sind am südl. Rande der Hirschbrunnen und der Kessel, zwei Wasserbehälter, die sich bei eintretender Schneeschmelze auf den Alpen plötzlich ergießen; ferner 5 km von Hallstatt die größten Wasserfälle des Salzkammergutes, der 100 m hohe Waldbachstrub und der fast gleich hohe Schleierfall, weiter im Süden des Sees das Karlseisfeld auf der gewaltigen Bergmasse des Dachsteins (2996 m) und Thorsteins. Hauptorte am See sind Hallstatt (s. d.), Obertraun und Steg.

Hallstätter Zeit bedeutet die Zeit des Hallstätter (s. Hallstatt) Gräberfeldes (etwa vom 7. bis 4.Jahrh. v. Chr.) und ist allgemeiner wissenschaftlicher Ausdruck geworden für die ganze Kulturperiode, die durch das Hallstätter Gräberfeld am hervorragendsten repräsentiert wird; Hallstatt ist also keineswegs der Ausgangspunkt dieser Kultur. Diese Zeit ist eigentlich die Periode des Überganges von der Bronzekultur zur Eisenkultur, da aber die Bronze auch in Hallstatt selbst, ferner auch im übrigen Österreich und in Süddeutschland während dieser Zeit noch in vieler Beziehung überwiegt, in vielen Teilen Norddeutschlands sogar noch allein herrschend ist, hat man sich daran gewöhnt, den Ausdruck H. Z. meist synonym mit der jüngern Bronzezeit zu gebrauchen. Die zahlreichen Bronzen dieser Zeit sind teils Importartikel von den Völkern am Mittelmeer, besonders den Etruskern und den griech. Kolonien, zum Teil aber auch schon einheimische Arbeiten, denen allerdings fremde Muster vorgelegen haben. Es sind zum großen Teil Gräberfunde aus Hügel- und Flachgräbern, in Norddeutschland meist mit Leichenbrand in Urnen und Steinsetzungen, im Süden sehr oft auch mit Leichenbestattungen, zum Teil aber auch sog. Depotfunde oder Schatzfunde oder Votivfunde, die gerade für diese Zeit sehr charakteristisch sind. Man findet nämlich häufig entweder tief in der Erde in großen Steinsetzungen oder ohne solche, oder auch in Seen oder Sümpfen oder kleinen Pfützen versenkt größere, aus vielen Stücken bestehende Bronzefunde, die keine Gräberfunde sind, weil keine Knochen eines bestatteten oder verbrannten Körpers dabei gefunden sind. Sie werden als Weihgaben an die Götter aufgefaßt, die vielleicht auch dem Spender selbst dereinst zu gute kommen sollten. Merkwürdigerweise bemerkt man bei solchen Funden oft die absichtliche Zerstörung vieler Stücke, ehe sie versenkt sind, was wohl mit irgend einem unbekannten Aberglauben zusammenhängen mag, wenn man nicht vielleicht nur damit jeden fernern praktischen und profanen Gebrauch dieser der Gottheit geweihten Stücke verhindern wollte. Unter den Bronzen finden sich Gefäße in den verschiedensten Formen, Zierate, wie Gürtel, Fibeln, Beschläge u. s. w. aus dünnem Bronzeblech mit getriebenen Verzierungen, ferner Halsringe und Armringe, die oft aus einem vierkantig ausgehämmerten Stab hergestellt und dann nach verschiedenen Richtungen gewunden sind (torques, Wendelringe, s. Tafel: Urgeschichte III, Fig. 9), andere massive Ringe mit linearen eingeritzten Ornamenten oder ohne solche, Fibeln mit Scheibenspiralen an beiden Seiten oder kleine Bügelfibeln mit zurückgebogenem Fuß, Celte mit Schaftlappen und Hohlcelte, Messer in den verschiedensten Formen, Lanzenspitzen und Schwerter. In Norddeutschland sind die Metallbeigaben in den Gräbern dieser Zeit oft ziemlich spärlich, selbst die an Thongefäßen so unendlich reichen Gräberfelder der Lausitz enthalten immer nur wenige primitive