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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hofrecht - Hofsystem
Ministerialrat. Demnach ist in Osterreich gegen-
wärtig noch der H. ein wirklicher hoher Funktionär',
doch wird auch jetzt, und zwar noch häufiger als
sonst, Titel und Rang eines H. an Beamte höhern
Ranges, Gelehrte n. s. w. erteilt. (S. auch Geheimer
Rat und Staatsrat.)
Hofrecht, im deutschen Recht die Gesamtheit
derjenigen Bestimmungen, welche das Verhältnis
zwiscken dem Grundherrn und den von ihm ab-
hängigen Bauern, Zinspftichtigen, Hörigen und
eigenen Leuten festsetzten. In der alten Zeit hingen
die Unfreien großenteils von der Gnade des Herrn
ab; allmählich bildeten sich aber auch für diese Ve-
ziebungen Rechtsnormen aus, besonders seitdem
ursprünglich viele Freie, um Schutz zu finden, in
den Hofverband traten. Das H. ward den Hof-
hörigen zur Erhaltung der mündlichen Überliefe-
rung auf eigenen Hoftagen in feststehenden Fragen
und"Antworten "gewiesen", später auch schriftlich
aufbewahrt (Weistümer), und hinderte namentlich
alle Allforderungen der Herrschaft über das von
alters her bestehende Maß. Hierbei muh man unter-
scheiden die bäuerlichen, gemeinen oder sog. Ding-
hofr echte und die ritterlichen oder edeln Dien st-
und Hof rechte, unter den letztern wieder das
eigentliche Lehn(hof)recht als das H< der ritterlichen
Lehnsleute (Vasallen) und das Dienstmannenrecht
als das H. der ritterlichen Dienstleute, Ministerialen.
Seit dem Eindringen der fremden Rechte ver-
mehrten einzelne Gefälligkeitsleistungen, aus denen
sich früher kein Schluß auf eine bestehende Pflicht
machen ließ, wenn sie sich während der Verjährungs-
zeit wiederholt hatten, die Last der Unterthanen
bleibend. Durch die neuere Staatsverfafsung und
die Ausgleichung der Ständeunterschiede ist das H.
beseitigt worden. - Vgl. G. 3. von Maurer, Ge-
schichte der Fronhöfe, Bauernhöfe und der Hof-
oenassung in Deutschland (4 Bde., Erlangen 1862
-63); Wackernagel, Das Bischofs- und Dienst-
mannenrecht von Basel (Bas. 1852); Zöpfl, Alter-
tümer des Deutschen Reichs und Rechts (3 Bde.,
Lpz. 1860-61). Zahlreiche Quellen des H. sind
vereinigt in Jak. Grimms und R. Schröders "Weis-
tümer" (7 Tle., Gott. 1840-78).
Hofstaat, die Gesamtheit der Personen, welche
einen regierenden Fürsten und dessen Familie am
Hofe umgeben. Der Umfang des H. ist je nach
der Machtstellung des betreffenden Fürstenhauses
verschieden; an den größern Höfen zerfällt der H.
in Obersthofämter (Oberstkämmerer, Schenk,
Truchseß, Marschall, Jägermeister u. s. w.), Obcr-
bofchargen (Oberhofmarschall, Oberstallmeister,
Oberccremonienmeister, Oberküchenmeister u. s. w.)
und deren Viceoberhofchargen, ferner in die Hof-
chargen (Ceremonienmeister, Schlohhauptleute,
Hofjägermeister, Hofstallmeister), Kammerherren
und Kammerjunker. Die Damen eines Hofs, an
deren Spitze die Oberhofmeisterin der regieren-
den Fürstin steht, sind Palastdamen, Hof- und
Ehrendamen. Zur dienstlichen Unterstützung
treten die Hofbeamten und die Hofoienerschaft hinzu.
Hofstede de Groot, Petrus, holländischer
reform. Theolog, geb. 8. Okt. 1802 zu Leer inOstfries-
land, wurde 1826 Prediger zu Ulrum, 1829 Pro-
fessor und Universitätsprediger zu Groningen, wo er,
1872 emeritiert, 7. Dez. 1886 starb. H. war das
Haupt der sog. Groninger Schule, deren Anhänger
sich selbst die "Evangelischen" nennen und die theol.-
^vchliche Mittelpai'tei zwischen den "Modernen" und
den "Orthodoxen" bilden. Als chr Organ diente
1837-72 die von H. mit van Oordt und Pareau
herausgegebene Zeitschrift "^Vaariieiä 6n I.i6tä6".
Von seinen Schriften seien außer seinem die Ge-
schichte der Alten Welt unter dem Gesichtspunkt einer
Vorbereitung auf Christum betrachtenden Haupt-
werk "OpvosäinF äsr N6N8c1iii6iä" (3 Bde., Gro-
ningen 1847; 2. Aufl. 1855) genannt: "luätiwtionss
Ki8toria6 6cci68iH6" (ebd. 1835; 2. Aufl. 1852),
"In8titutio tli60i0^ia,6 naturai^" (Utr. 1841;
4. Aufl. 1861), "Nne)^i0i)3.6äia.t1i60i0Fj ekriMaiii"
(mit Pareau, ebd. 1844), "Die Unruhen in der nie-
derländ.-reform. Kirche während der 1.1833-39"
(anonym; deutsch von Gieseler, Hamb. 1840), "Die
Groninger Theologen" (1854; deutsch, Gotha 1863),
"Toi-t ovslöiFt van äs Iser ä6r xonäe" (Groningen
1856), "0v6r äe 6vcmZ6li8e1i-cg.t1i0ii6k6 ^od^ieerä-
Iieiä als 6s Aoä^sleerädsiä äsr W6l!0iri8t" (ebd.
1856), "ve 26näiiiF, 66N6 V00ltßg.kmä6 0p6Qdai'jn8
VHQ (^oä" (Rotterd. 1860), "N6ä6(i66lillF6u omtrem
NHttbi'll.8 O12U(IW8" (Groningen 1861), "Ü6t 6VÄU-
F6Ü6 äsr 3.p08t6i6n t6F6N0V6r 66 t^vij fsiinFeu en
äs ^iMeiä der ^ereiä" (Haag 1861), "Basilides
am Ausgang des apostolischen Zeitalters als erster
Zeuge für Alter und Autorität neutestamentlicher
Schriften" (1866; deutsch, Lpz. 1868), "Die moderne
Theologie in den Niederlanden" (1869; deutsch,
Bonn 1870), c<^olmn ^V688ol 69.n26V00i-t" (Gro-
ningen 1871), "50 Mkn in äs ikeoloM" (ebd.
1872), "0uä-c9.t1w1i6k6 d^s^inF in kst lickt äsr
Il6lIiF68cdi6ä6iii8" (ebd. 1877), "Honäsrä ^arsn
uit äs (^68cdi6ä6iii8 äkr HsrvoruiinF in äs ^säer-
lauäLn 1518-1619" (Leid. 1884).
Hofsystem, im Gegensatz zum Dorfsystem (s.d.)
die Ansiedelung der landwirtschaftlichen Bevölke-
rung auf gesonderten Einzelhöfen, in der Weise,
daß jeder Wirt den ihm gehörenden Grundstücks-
komplex bewohnt. Man findet die Ansiedelung
in Einzelhöfen in größtem Umfange verbreitet in
Nordamerika, wo die eigentümliche Kolonisations-
gesetzgebung der Vereinigten Staaten und Canadas
dazu geführt hat, daß thatsächlich die gesamte acker-
bautreibende Bevölkerung in Einzelgehöften haust
und wesentlich nur die gewerb- und handeltreibende
Bevölkerung geschlossene Ansiedelungen bildet. (Vgl.
Sering, Die landwirtschaftliche Konkurrenz Nord-
amerikas, Lpz. 1887, S. 106 fg.) Innerhalb Eu-
ropas sind die Einzelgehöfte besonders verbreitet in
Norwegen und dem nördl. Schweden, in Irland,
der Bretagne und im südl. Frankreich, in einem Stück
der westfä'l. Ebene westlich derWeser und am Nieder-
rhein; endlich in den Alpen, den südl. Vogesen und
dem südl. Schwarzwald. Hier wie in Norwegen ist
es die Hochgebirgsnatur gewesen, welche das H. her-
beigeführt hat. In Westfalen hat dasselbe schon zu
Tacitus' Zeit bestanden, und man nimmt an, daß
es die dort eindringenden Germanen von den ver-
drängten Kelten übernommen haben, wie denn die
Einzelhöfe da, wo sich der kelt. Typus am reinsten
erhalten hat, in Irland und der Bretagne, bis zur
Gegenwart vorherrschen und auch in Südfrankreich
von den Kelten herstammen. Das H. bietet den wirt-
schaftlichen Vorzug, daß die Geschlossenheit des Be-
sitzes gegenüber dem Dorfsystem an Vewirtschaf-
tungskosten und wegen des Wegfalls von Flurwegen
und Grenzen an Boden sparen läßt, daß es den
einzelnen Wirt selbständiger macht und keinen Flur-
zwang (s.d.), keine Hinderung im Anbau der Grund-
stücke durch Nachbarn kennt.
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