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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hundswut

finden sich keine charakteristischen Veränderungen, am häufigsten noch starke Blutüberfüllung innerer Organe, namentlich des Schlundes und Darmkanals. Häufig finden sich auch ungenießbare Gegenstände (Leder, Holz, Nägel, Haare und aus solchen zusammengefilzte Zöpfe, Steine u. s. w.), welche die Tiere in ihrer Wut verschluckt haben, im Magen oder Darm. Früher hielt man das Vorkommen von kleinen vereiternden Bläschen (Marochettische Bläschen) unter der Zunge zu beiden Seiten des Zungenbändchens für einen charakteristischen Sektionsbefund der Wut, doch finden sich dieselben auch bei gesunden sowie bei milzbrandkranken Hunden. Auch der sog. Tollwurm, d. h. eine vom Körper des Zungenbeins beim Hunde median in das Zungenfleisch eindringende normale Bandmasse, galt früher als Ursache der H. und wurde deshalb von den Jägern bei jungen Hunden operativ entfernt. Die Sektion bestätigt nur dann die Annahme der Wut, wenn sie im Körper sonst nichts findet, was die schwere Erkrankung erklärt. Die Erkennung der Tollheit ist mit großen Schwierigkeiten verbunden, und nur sorgfältige fortgesetzte Beobachtung sichert die Diagnose.

Die Wut wird nur durch Ansteckung fortgepflanzt, durch Übertragung eines specifischen Kontagiums, des sog. Wutgiftes, eines fixen, niemals flüchtigen oder verschleppbaren, sich nur im kranken Tierkörper vervielfältigenden Infektionsstoffs, welcher am Speichel und Geifer der kranken Tiere, am Blut und an den Speicheldrüsen haftet und bei seiner Übertragung auf zahlreiche andere Tiergattungen und den Menschen unter gewissen Bedingungen wiederum die tödliche Wutkrantheit erzeugt. Fol und Babès fanden im Gehirn wutkranker Hunde eigentümliche Mikroben in der Form glänzender Diplokokken von 0,5 bis 0,8 Mikromillimeter Durchmesser, welche sie als die eigentlichen Erreger der Tollwut betrachten. Von andern Forschern sind diese Angaben nicht bestätigt worden, sodaß gegenwärtig die Natur des Wutgiftes noch nicht festgestellt ist. Große Hitze und Kälte, Mangel an Wasser und guter Nahrung, Behinderung der Befriedigung des Geschlechtstriebes u. dgl. können vielleicht einen günstigen Boden für die Krankheit schaffen, sie aber nicht hervorrufen. Ebensowenig können die Einflüsse der Domestikation, der Zähmung und der Dressur als ursächliches Moment der Wut hingestellt werden, da die Krankheit sich ebenso häufig in Gegenden entwickelt, wo die Hunde, wie z.B. im Orient, in Algerien, in China, sehr große Freiheit genießen. Oft mag die Krankheit von Füchsen und Wölfen auf die Hunde und umgekehrt übertragen werden. Die Häufigkeit des Vorkommens der H. ist in den einzelnen Ländern und je nach der Strenge, mit welcher die staatlichen Schutzmaßnahmen gehandhabt werden, ungemein verschieden. Im Deutschen Reiche erkrankten 1886 im ganzen 578 Tiere an der Tollwut, nämlich 438 Hunde, 92 Rinder, 32 Schafe, 7 Schweine, 5 Pferde, 3 Katzen und 1 Ziege. Eine größere Frequenz findet sich in Österreich, Italien und Frankreich; so wurden 1883 in Österreich 837, 1884 sogar 911 wutkranke oder der Wut verdächtige Hunde gezählt.

Die Übertragung der H. erfolgt durch Einführung des Speichels in eine Wunde und geschieht auch, wenn eine wunde Stelle von einem kranken Tiere geleckt wird; doch erfolgt die Ansteckung nicht immer. Bei künstlichen Ansteckungsversuchen mit Speichel erfolgte dieselbe zu 23 Proz., und von 100 von tollen Hunden gebissenen Menschen erkranken gleichfalls etwa nur 20. Weniger ansteckend als der Speichel ist das Blut. Auf die unversehrte Schleimhaut des Verdauungskanals gebracht, ist das Wutgift unwirksam, weshalb Milch und Fleisch wutkranker Tiere in der Regel ohne Nachteil verzehrt und verfüttert werden können. Die Krankheit bricht in der Regel 60-70 Tage nach erfolgter Ansteckung aus, doch sind auch sichere Fälle bekannt, wo sie sich schon nach 14 Tagen oder erst nach einem Jahre und später zeigte; mit Sicherheit ist jedoch noch kein Fall beobachtet, bei welchem die Wut später als 14 Monate nach stattgehabtem Biß seitens eines tollen Hundes bei den Menschen oder Haustieren ausgebrochen wäre. Erkältungen, Gemütserregungen u. dgl. geben oft die Gelegenheitsursache zum Ausbruche ab. Bei den von einem tollen Hunde gebissenen Menschen nimmt die Wunde oder die Narbe einige Tage vor dem Ausbruch der Krankheit ein bläuliches Ansehen an und wird oft schmerzhaft; die Narbe bricht häufig wieder auf. Dann zeigen die Kranken eine auffällige Verstimmung, suchen die Einsamkeit, bekommen Angst und Beklemmung, der Schlaf wird unruhig und die Respiration nimmt einen krankhaften Charakter an. Endlich bricht die Krankheit selbst aus, die sich besonders dadurch charakterisiert, daß die Kranken beim Versuch, Flüssigkeiten zu schlucken, ja schon beim Anblick des Getränks das Gefühl haben, als schnüre sich ihnen Brust und Kehle zusammen; daher die immer intensiver werdende Wasserscheu. Dabei verbreitet sich der Krampf der Atmungsmuskeln auch auf andere Muskeln, die düstere Gemütsstimmung bleibt erhalten und wechselt, insbesondere bei roher Behandlung, mit Anfällen von Raserei und Tobsucht. Die Krampf- und Wutanfälle kehren zwei bis drei Tage immer häufiger wieder, verlieren sich dann mit der zunehmenden Schwäche des Kranken, und endlich tritt der Tod unter den Erscheinungen der Lähmung und Erschöpfung ein. In Preußen starben 1884-87 sechs Menschen an der Tollwut, während in Frankreich nach Brouardel die durchschnittliche Zahl der Sterbefälle jährlich etwa 30 beträgt.

Bei dem Verdachte, von einem tollen Tiere gebissen worden zu sein, umschnüre man sofort das verletzte Glied oberhalb der Wunde, lasse die letztere durch Drücken und Kneten der umgebenden Weichteile oder durch Setzen von Schröpfköpfen gehörig ausbluten, wasche sie sodann mit heißem Wasser oder einer starken Carbolsäurelösung tüchtig aus und ätze sie hierauf mit rauchender Salpetersäure, Ätzkali oder einer glühenden Kohle; die weitere Behandlung soll einem zuverlässigen Arzt überlassen bleiben. Nach Fol ist Terpentinöl, welches nur zu wenigen Tropfen mit Wasser geschüttelt wird, das beste Mittel, um die Mikroben der H. zu vernichten und die erlittenen Bißwunden sicher zu desinfizieren. Unter den innern Mitteln werden subkutane Einspritzungen von Pilokarpin (mehrmals täglich 0,01 g) in Verbindung mit Bromkalium und Chloralhydrat am meisten empfohlen. Das verdächtige Tier soll man nicht töten, sondern zur Beobachtung einsperren. Wutkranke beruhige man psychisch oder durch narkotische Mittel, Chloroform, Chloral und Morphium, und lasse ihnen besonders eine humane Behandlung zu teil werden. Die zahlreichen Geheimmittel gegen die H. (arcana antilyssica)