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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Israel
Denn da I. in Moses’ That die Hand des Jahwe vom Sinai erkannte, übernahm es den alleinigen Kult dieses als seines Volksgottes. Jedoch ist dies nicht so zu denken, als habe I. damals ein Gesetz übernommen oder als habe der Kultus des einzigen Gottes seit Moses in allen Volksschichten geherrscht; legeres kommt erst in späterer Entwicklung durch die Arbeit des Prophetentums zur Geltung, und es ist dieser Glaube an das sog. Mosaische Gesetz Produkt der Geschichte I.s. Das I. der Wüstenwanderung hat sicher nicht die absoluten monotheistischen Anschauungen des Prophetismus besessen. Sein Jahwe ist ein Gott neben andern. Daß Moses ein Priestertum und Orakel Jahwes begründet hat, ist zu vermuten. Durch diese ist in den folgenden Jahrhunderten der Wille des Volksgottes geltend gemacht worden. Daß Kades-Barnea das erste Standlager an den Grenzen des Heiligen Landes gewesen und von da ein vergeblicher Versuch zur Eroberung des Westjordanlandes gemacht worden ist, kann sehr wohl historisch sein. Dagegen spiegeln sich in den Erzählungen von der Eroberung des Ost- und Westjordanlandes sehr deutlich histor. Ereignisse viel späterer Zeiten wieder, sodaß sich nicht mehr sagen läßt, auf welchem Wege sich diese vollzogen haben. Nur das wird behauptet werden müssen, daß sie allmählich erfolgt sind, daß sich der durch Moses begründete Volksverband dabei gelöst hat, und daß durch Verschmelzung mit den Ureinwohnern eine völlige Umbildung des Volkskörpers eingeleitet worden ist. Im Zusammenhange hiermit sind die Einwanderer in die Kultur der Ureinwohner hineingewachsen und Ackerbauer geworden; sie haben die alten Heiligtümer der Ureinwohner und wohl auch vieles aus ihrem Kult übernommen. Diese Heiligtümer wurden solche des Volksgottes. Am frühesten sind die israel. Einwohner Herren des flachen Landes im Innern geworden. Die festen Städte haben länger widerstanden; einzelne, wie Sichem, Gibeon, Jebus (Jerusalem), sind noch in der ersten Königszeit kanaanitisch. Die Küste ist nie israelitisch geworden. Im N. hinderte das der Rückhalt, den die Ureinwohner an den phöniz. Küstenstädten hatten, im S. das Gemeinwesen der Philister (s. d.).
Die Vorstellung, daß zwischen Josua und Saul Richter geherrscht hätten, ist unhistorisch. Die einzig wirklich histor. Figur scheint Abimelech (Richter 9) gewesen zu sein. Unter der Richterzeit hat man die Zeit zu verstehen, in der I. die Eroberung des Westjordanlandes zu vollenden und sich im eroberten Teile zu behaupten bestrebt war. Das Volk spaltete sich in eine große Anzahl von Stämmen und Geschlechtern; die Ureinwohner des Westjordanlandes drangen wieder vor. Der israel. Angriff staute sich an. Nomadenstämme aus der Wüste suchten ins Westjordanland nachzudringen. Schließlich erschienen auch die Philister als Mitbewerber. Dies entschied zu I.s Ungunsten: es wurde von den Philistern unterworfen. Aus der Not dieser Fremdherrschaft aber ist das Königtum geboren.
II. I. unter Königen oder die Zeit bis zum Exil. Der Benjaminit Saul (s. d.) war der erste Volkskönig.. Beim Versuche, das Joch der Philister abzuschütteln, kam er um. Sein Nachfolger Isboseth (Eschbaal) wurde wieder Vasall. Erst der dritte König, David (s. d.), war glücklicher. Er befreite sein Volk und machte es zum herrschenden in Syrien. Er war der eigentliche Begründer des israel. Staates und damit auch der Nation im geschichtlichen Sinne. Durch die Eroberung der damals noch kanaanit. Stadt Jebus (des spätern Jerusalem) schuf er seinem Volke einen staatlichen Mittelpunkt und ermöglichte damit zugleich seine spätere kultische Entwicklung. Ein Heiligtum erhielt die neue Hauptstadt in der Lade Jahwes (s. Bundeslade). Unter Davids Sohne Salomo (s. d.) begann der junge Staat bereits zu sinken (10. Jahrh. v. Chr.). Die unterworfenen Nachbarvölker befreiten sich, und im Reiche der damascenischen Syrer entstand ihm ein Todfeind. Salomo verscherzte dem Volkskönigtum durch harte Ausbeutung der Steuer- und Arbeitskraft des Volks die Gunst der öffentlichen Meinung; doch hat er die Geschichte I.s und seiner Religion bleibend beeinflußt durch seinen Burgbau. Denn in Salomos Burg befand sich der Tempel, der infolge der religiösen Entwicklung der folgenden Jahrhunderte 621 v. Chr. das Centralheiligtum I.s geworden ist. Nach Salomos Tode machte sich dIe allgemeine Erbitterung Luft. Da Salomos Sohn Rehabeam der Bewegung ungeschickt begegnete, wurde er abgesetzt und Jerobeam, ein alter Empörer, gewählt. Doch behauptete sich Rehabeam in Jerusalem und Juda. Neben dem Reiche I. bestand, wie in den Zeiten Isboseths, ein Königreich Juda. Beide Staaten bekämpften sich beständig, ja Juda rief die Syrer zu Hilfe. Ein Umschwung trat erst unter der Dynastie Omris ein (s. Omri, Ahab, Ahasja, Joram, Josaphat, Joas). Die Familien Davids und Omris verbanden und verschwägerten sich und bekämpften gemeinsam die Feinde des Volks, durch die polit. Lage dazu genötigt. Nur mit Aufbietung aller Kräfte gelang es I., sich der Angriffe der damascenischen Syrer zu erwehren.
Eine verhängnisvolle Wendung trat um die Mitte des 9. Jahrh. v. Chr. durch den von der prophetischen Partei veranlaßten Sturz der Dynastie Omris ein. Omri und seine Nachfolger standen im Bündnis mit Tyrus. Infolge dieses hatte der tyrische Baal, d. i. Melkart (s. d. und Baal), in Samaria und Jerusalem einen Kult erhalten. Gegen diese Beeinträchtigung der Rechte Jahwes erhoben sich die Propheten (s. Elias, Elisa und Propheten). Es gelang ihnen, mit der Dynastie Omris auch den Baalsdienst auszurotten. Aber mit dieser Revolution erlahmte die Kraft des Volks im Kampfe gegen die Syrer; unter der Dynastie Jehus wurden I. und Juda vorübergehend den Syrern tributpflichtig. Neue religiöSe Gedanken hat diese ältere prophetische Bewegung der Religion I.s nicht zugeführt, sie hat nur den bedrohten Besitzstand der nationalen Religion gewahrt. Mit dem 8. Jahrh. (s. Joas, König von Israel) traten ruhigere Zeiten ein. Es gelang I. sich freizumachen. In beiden Staaten wuchs mit dem wiedergewonnenen Frieden der Wohlstand und das Gefühl der Kraft kehrte zurück. Aber dies war nur die Ruhe vor einem schlimmern Sturm, und I. verdankte die wiedergewonnene Freiheit weit mehr der günstigen polit. Lage als der eigenen Tüchtigkeit. Die Syrer erwehrten sich in jenen Jahrzehnten nur mühsam der Angriffe der westwärts drängenden Assyrer und vermochten daher nicht ihre volle Kraft gegen I. einzusetzen. Staatliche und sociale Zustände in I. waren ungesund, ein entartetes Beamtentum plünderte Bürger und Bauer, die Religion bot der Sittlichkeit keinen Halt. Sie bestand in der Darbringung der Gaben des Landes in den Heiligtümern, schützte die Sitte nur sofern sie als Volkssitte dem Willen des Volksgottes kon-^[folgende Seite]