Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italien (Geschichte 774-1056)

Corsica und Sardinien in der Hand der Vandalen in Nordafrika verblieben. Die röm. Verfassung und Verwaltung des Landes blieb erhalten. Vernichtet wurde die Herrschaft Odoakers nach nur kurzer Dauer durch die Ostgoten (s. d.), die wiederum ein halbes Jahrhundert später durch Belisar und Narses dem oström. Kaisertum unterlagen. Unruhen und Einfälle anderer german. Stämme wiederholten sich auch in den nächsten Jahren, bis die Langobarden der byzant. Provinzialverwaltung im größern Teil von I. ein Ende machten. Als (565) Narses abberufen worden war, drangen jene 568 von Panonien her in I. ein, um schrittweise Friaul, Venetien und Ligurien zu gewinnen; Pavia, das nach dreijähriger Belagerung 572 eingenommen wurde, machte der Langobardenkönig Alboin zur Hauptstadt seines neuen Reichs. Während die Griechen sich auf Ravenna und Süditalien zurückgedrängt sahen, gewannen jetzt in Rom die Päpste mehr und mehr ihre beherrschende Stellung. Nach Alboins Ermordung wählten die 36 Herzöge zunächst keinen König, sondern setzten ihre Eroberungen auf eigene Faust fort. Ein Angriff der Franken bewirkte endlich 584 die Anerkennung Autharis, welcher nun die mit den Griechen verbündeten Franken zurückwarf und der beherrschten röm. Bevölkerung Erleichterung schuf. Die Aussöhnung mit der letztern trat aber erst unter seinem Nachfolger Agilulf (590-615) ein, der zum Katholicismus übertrat. Die Erschlaffung unter Agilulfs Nachfolgern trat vorübergehend zurück unter Rothari. Die Folgezeit aber brachte Reichsteilungen und Einfälle der Franken, Avaren und Griechen. Der Besitz der letztern in I., der Exarchat (s. d.) und Unteritalien, wozu Sicilien, Sardinien und Corsica kamen, hing zusammen durch das nur zeitweilig an die Langobarden verlorene Perugia und trennte seinerseits die Herzogtümer von Spoleto und Benevent von der Hauptmasse des Langobardenreichs ab. Neue Bedeutung gewannen die Langobarden unter dem tüchtigen Liutprand (713-744), als Papst Gregor II. sich im Bilderstreit mit den byzant. Kaisern auf jene zu stützen genötigt sah. Als jedoch an Stelle der Abhängigkeit von Byzanz eine solche von den Langobarden zu treten drohte, rief Papst Stephan II. die Franken um Hilfe an, die unter Pippin herabstiegen und den Langobardenkönig Aistulf (s. d.) zur Auslieferung des Exarchats und der Pentapolis an den röm. Stuhl und zur Anerkennung der fränk. Oberhoheit zwangen, der sich bald nachher auch die Herzöge von Spoleto und Benevent unterstellten. (S. Historische Karten von Italien 1.)

2) Vereinigung des langobardischen I. mit dem Reiche Karls d. Gr.; I. unter den sächsischen und ersten fränkischen Kaisern (774-1056). Die Stellung des letzten Langobardenkönigs Desiderius hatte sich zu befestigen geschienen durch seine Verschwägerung mit Karl d. Gr.; der erbitterte Streit jedoch, der sich vielmehr an diese knüpfte, bewog Karl d. Gr. um so mehr, dem Rufe des von den Langobarden aufs neue im Exarchat und selbst in Rom bedrängten Papstes Folge zu leisten. 773 stieg Karl über den Mont-Cenis und St. Bernhard herab und erzwang im Juni 774 die Übergabe von Pavia; Desiderius verschwand in einem frank. Kloster, während das Langobardenreich dem Fränkischen angegliedert wurde. Es verblieben jedoch jenem seine eigenartigen Einrichtungen, nur daß an Stelle der langobard. Herzöge meist fränk. Grafen gesetzt wurden. Der Papst, an welchen außer Rom der ganze früher griech. Besitz in Mittel- und Oberitalien kam, gewann zwar so einerseits an Macht, geriet aber gleichzeitig in eine thatsächlich abhängige Stellung gegenüber Karl d. Gr., der bei seinem dritten Zug nach I. (780/781) sein Söhnchen Pippin, das dann in Pavia blieb, vom Papste zum König von I. krönen ließ. Das übrige Unteritalien sowie Sardinien, Sicilien und Corsica blieben in der Hand der Griechen. Von Papst Leo III. gerufen kam Karl d. Gr. im Winter 799 zum fünftenmal nach I., um sich am Weihnachtsfeste 800 zum Kaiser krönen zu lassen. Kaum etwas hat auf die Geschichte I.s in den folgenden Jahrhunderten einen so beherrschenden Einfluß ausgeübt, als die Bemühungen der Päpste, sich von der Obmacht des so in der Hand der Germanen wiederhergestellten abendländ. Kaisertums zu befreien, und die immer erneuerten Gegenanstrengungen der deutschen Kaiser. Mit den Griechen und Benevent machte Karl d. Gr. nach dem Tode Pippins 812 Frieden und übertrug 813 die ital. Königskrone an Pippins Sohn Bernhard, nach dessen Blendung Ludwig der Fromme I. seinem Sohne Lothar gab. In den Wirren, in welche Ludwigs des Frommen spätere Reichsteilungen das Abendland stürzten, verblieb zwar Lothar I., aber Sicilien ging an die Saracenen 828 verloren. Die Plünderungszüge dieser gegen Unteritalien und selbst Rom dauerten auch unter Lothars Sohn und Nachfolger Ludwig II. (855-875) fort. Nach des kinderlosen Ludwig Tod setzte sich rasch Karl der Kahle von Frankreich in den Besitz der italienischen und der Kaiserkrone. Diesem folgten als Könige von I. die Söhne Ludwigs des Deutschen, Karlmann und Karl der Dicke. Nach Karls des Dicken Tod (888) erhob sich in I., in dessen Süden die örtlichen Fehden und Saraceneneinfälle fortgedauert hatten, Berengar, der Markgraf von Friaul und nahm im Febr. 888 in Pavia die Krone von I., erkannte aber alsbald die Oberhoheit Arnulfs an. Unmittelbar darauf jedoch wurde er von Guido von Spoleto angegriffen und in den Osten von Oberitalien zurückgedrängt, woraus sich dieser gleichfalls in Pavia krönen ließ, um dann 891 auch die Kaiserkrone an sich zu reißen und 892 seinen Sohn Lambert zum Mitregenten zu erheben. Arnulf, von Berengar gerufen, machte zwei Heerzüge nach I., auf deren erstem er 894 in Pavia die Krone von I. nahm und auf deren zweitem er Berengar entsetzte und sich in Rom zum Kaiser krönen ließ. Nach seinem Abzug erhoben sich Berengar und Lambert aufs neue und verständigten sich über eine Teilung I.s. Als Lambert kurz vor Arnulf den Tod gefunden hatte (898), machte König Ludwig von Burgund auf dessen Besitz in I. Ansprüche, und Berengar, hierüber mit ihm in Streit geraten, sah sich 901 und dann wieder 904 zur Flucht vor Ludwig gezwungen, brachte ihn aber dann 905 zugleich mit Verona in seine Hände, worauf er nochmals das karolingische I. vereinigte. Die Saracenen, unter deren Raubzügen das zerrissene Unteritalien fortgesetzt zu leiden hatte, setzten sich auch in Frassineto fest; ferner rief eine Anzahl widerspenstiger Adliger gegen den 916 zum Kaiser gekrönten Berengar den König Rudolf von Hochburgund herbei, welcher 922 in Pavia die Krone nahm. Darauf zog Berengar seinerseits die Ungarn ins Land, die nun verheerend bis in die Provence vordrangen, während Berengar selbst von einem