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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Jesuitenstil; Jesuitenthee; Jesuitinnen; Jesus

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Jesuitenstil - Jesus

oftmalige Wechsel der Lehrer und die Verwendung der Scholastiker für den Unterricht in den untern Klassen. Trotz aller Mängel waren aber die J. lange Zeit im allgemeinen besser als die meisten andern kath. Schulen; von den andern Orden machten ihnen nur die Oratorianer in Frankreich, die Piaristen in Italien erfolgreich Konkurrenz. Der Hauptfehler der J. war, daß sie bis zu ihrer Aufhebung an der unveränderten Ratio und meist auch an den veralteten Lehrbüchern festhielten. – Die von den Jesuiten (lateinisch) vorgetragene Philosophie war und ist wesentlich die aristotelisch-scholastische. Die (gleichfalls lateinisch gelehrte) Theologie umfaßte Exegese der Heiligen Schrift, die scholastische Theologie und Kasuistik. Kirchengeschichte und Kirchenrecht sind erst in der neuern Ausgabe der Ratio von 1832 hinzugekommen.

Bis zur Aufhebung des Ordens leiteten die Jesuiten in allen Ländern, wo sie sich niedergelassen hatten, zahlreiche Mittelschulen. Auch die theol. und philos. Fakultäten an manchen Universitäten, in Deutschland zu Ingolstadt, Wien, Prag, Würzburg, Freiburg u. s. w., wurden mit Jesuiten besetzt. Sie hatten auch mehrere eigene Universitäten, an denen freilich fast nur Philosophie und Theologie gelehrt wurden: Dillingen, Breslau, Mainz u. s. w. Gegenwärtig haben die Jesuiten namentlich in Belgien, England und Nordamerika mittlere und höhere Schulen (in Löwen neben der kath. Universität). In Österreich, wo sie vor der Aufhebung 200 Gymnasien und Progymnasien hatten, wurden ihnen 1854, obschon sie sich weigerten, den staatlichen Lehrplan anzunehmen und die Lehrer das staatliche Examen machen zu lassen, mehrere Gymnasien überwiesen, 1868 aber wieder entzogen (seitdem ist ihre bedeutendste Lehranstalt, die zu Feldkirch, nur Privatschule). 1857 wurde die theol. Fakultät zu Innsbruck mit Jesuiten besetzt; seit 1874 sind aber dort auch zwei Weltgeistliche Professoren. – Vgl. außer der bei Artikel Jesuiten angeführten Litteratur noch Kleutgen (Jesuit), Über die alten und neuen Schulen (2. Aufl.; Bd. 3 der «Kleinern Werke», Münst. 1872); Kelle, Die Jesuitengymnasien in Österreich (Prag 1873 und Münch. 1876).

Jesuitenstil, vorzugsweise Bezeichnung für den Baustil des 17. Jahrh., der sich durch großartige Überladung in der Dekoration, durch leeren Prunk bei phantasieloser Komposition des Ganzen charakterisieren sollte. Diese Erklärung paßt nur auf einzelne Kirchen der Jesuiten aus dem Ende des 17. Jahrh. In den Jesuitenkollegien lehrte man vielmehr die Baukunst als Teil der Mathematik im Sinne des Klassicismus (s. d.) nach den Anweisungen des Vignola (s. d.). Mustergültig ist die ursprüngliche Anlage der 1568–75 erbauten, später erst ausgeschmückten Kirche del Gesù in Rom und die prächtige Michaelskirche in München (1582–97). Die spätern deutschen Jesuitenkirchen sind einförmig, klar, oft sogar nüchtern entwickelt und reich mit Stuckornamenten verziert. (S. Barock.)

Jesuitenthee, das im Juli gesammelte blühende Kraut des in Mexiko heimischen, auch in Süddeutschland verwildert vorkommenden wohlriechenden Gänsefußes (Chenopodium ambrosioides L.), früher vielfach gegen Nervenkrankheiten und Krampfzustände sowie als magenstärkendes Mittel gebraucht.– J. ist auch soviel wie Paraguaythee (s. d.).

Jesuitinnen (lat. Jesuitissae), s. Englische Fräulein. ^[Spaltenwechsel]

Jesus, der geschichtliche Name des Stifters der christl. Religion. J. ist griech. Umbildung des hebr. Jehoschua (Josua) oder Jeschua, d. h. Jehova hilft. Über Jesu Beinamen (Amtsnamen) s. Christus.

Seit in der christl. Kirche der Sinn für ein geschichtliches Verständnis ihrer Ursprünge erwacht ist, regte sich in ihr das Bedürfnis, frei von den dogmatischen Voraussetzungen einer frühern Zeit, das Lebensbild ihres Stifters auf rein geschichtlichem Wege zu gewinnen. Je fester jedoch das unmittelbare Interesse, das die Frömmigkeit an der Person Jesu Christi nahm, mit den kirchlich überlieferten Vorstellungen über ihn zusammengewachsen war, desto schwerer hielt es gerade auf diesem Gebiet, zu unangefochtenen Ergebnissen zu gelangen. Abgesehen von den Hindernissen, Vorurteilen und leidenschaftlichen Erregungen, mit denen jeder Versuch, das Leben Jesu als ein wahrhaft menschliches verständlich zu machen, noch fortwährend zu kämpfen hat, sind die Schwierigkeiten, die sich einem solchen Unternehmen entgegenstellen, bei der Beschaffenheit der Quellen so groß, daß wohl kaum jemals deren völlige Überwindung erhofft werden darf. Denn schon in den ältesten Darstellungen ist das Bild Jesu Christi durch die Bewegungen und Parteiungen in der ersten Christenheit verschieden gestaltet.

Die Evangelien bieten daher zunächst nur geschichtliche Denkmäler der bestimmten Weise, in der sich jenes Bild in dem Geiste der Urkirche spiegelte; und wenn es auch noch vielfach möglich ist, durch fortschreitende Forschung zu den ursprünglichen Lehren, Thaten und Schicksalen Jesu zurückzugelangen, so muß man doch oft anerkennen, daß die Quellen zu lückenhaft sind, um den ursprünglichen Sachverhalt festzustellen. Hierzu kommt, daß diese Quellen selbst durch vielfache Veränderungen hindurchgegangen sind, ehe sie ihre kirchlich überlieferte Gestalt erhielten, und daß uns in ihnen kein einziger Bericht eines Augenzeugen erhalten ist. (S. Evangelien und Evangelienkritik.) Bei dieser Sachlage wird die Forschung sich darein ergeben müssen, daß sie nicht sowohl eine eigentliche Biographie als vielmehr nur ein «Charakterbild» Jesu zu liefern im stande ist. Sind wir auch über Thaten und Schicksale Jesu nur sehr unvollständig unterrichtet, so besitzen wir doch in seinen Reden und Aussprüchen, die in den drei ersten Evangelien überliefert sind, einen in allem Wesentlichen echten Kern.

«Das Echteste des Echten», für die geschichtliche Würdigung des Selbstbewußtseins Jesu von unschätzbarem Werte, sind die in der sog. Bergpredigt (s. d.) zusammengestellten Sprüche. Aus ihnen, ebenso wie aus einer Reihe verwandter Gnomen und Gleichnisse können wir den innersten Mittelpunkt der Lehre Jesu erkennen. Sie sind der unmittelbarste, noch durch keine dogmatische Reflexion hindurchgegangene Ausdruck eines Gemüts, das im Bewußtsein der innigsten Gemeinschaft mit Gott es als seine Lebensaufgabe erkannte, diese Gemeinschaft auch auf andere zu übertragen, eines Gemüts, über das der tiefe innere Friede eines mit seinem Gott einigen und dadurch heldenhaft starken, seines eigenen wie des höchsten Ziels alles menschlichen Strebens unerschütterlich gewissen, darum auch in einziger Weise zur Offenbarung des göttlichen Heilswillens berufenen Lebens ausgebreitet liegt. Das Neue und Eigentümliche in dem Evangelium Jesu liegt daher in der Verkündigung, daß auf Grund einer solchen Gotteinigkeit, wie er selbst sie innerlich erlebte, die