Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

986

Jüdische Litteratur

Seine letzten tüchtigen Nachfolger waren Scherira (980), Haja (1038) und Samuel Chofni (1034). Ebenfalls Nordafrika gehören an der philos. Arzt Isaak Israeli (um 950), sein Schüler Dunasch ben Taamim (um 960), die Bibel- und Talmuderklärer Chananel und Nissim ben Jakob, sämtlich aus Kairuan; als Lexikograph that sich Juda ben Koreisch (950) hervor, der zuerst eine Vergleichung der semit. Dialekte wagte. Auch nach Italien griff diese Kulturwelle hinüber, wo Sabbatai Domnolo aus Oria (etwa 960) ein astron.-philos. Werk über die Schöpfung schrieb und der sog., seinem wirklichen Namen nach unbekannte, Josippon mit vielem Geschick unter der Maske des Josephus die jüd. Geschichte erzählte. Im Anfang des 12. Jahrh. entstand das berühmte Lexikon des Rabbi Nathan ben Jechiel von Rom, das bis heute eine Fundgrube für hebr. Sprachforschung bildet. Es sei hierbei der seiner Herkunft nach zweifelhafte Elasar ben Qalir erwähnt, der zuerst von den arab. Kunstformen die Reime und das Akrostichon in die synagogale Lyrik einführte und den sog. piut (poësis, gottesdienstliche Poesie) begründete. (Vgl. Rapoport in "Bikkure haïttim", Wien 1829-30.) Am großartigsten aber erscheinen die litterar. Schöpfungen der spanischen Juden während der Chalifenperiode, in deren Anfang ihnen in dem hochgestellten jüd. Staatsmann Chasdai Schaprut (gest. um 970) ein Mäcen erstand. Als Dichter wetteiferten damals Menahem ben Saruk und Dunasch ben Labrat. Letzterer ward durch Übertragung der arab. Metrik auf die hebr. Sprache der eigentliche Begründer der neuhebr. Poesie. Die Sprachwissenschaft förderten der obengenannte Menahem durch sein Wörterbuch (hg. von Filipowski, Lond. 1854), Hajjug, der zuerst die Triliteralität der Stämme erkannte, und im höchsten Maße Abulwalid (Jona ben Gannach, um 1050), der in seiner arabisch geschriebenen Grammatik den ersten Entwurf einer systematischen Darstellung des hebr. Sprachbaues und in seinem Wurzelwörterbuch (hg. von Neubauer, Oxf. 1875) zuerst einen tiefern Einblick in die geschichtliche Entwicklung der hebr. Sprache und ihr Verhältnis zu andern semit. Dialekten bot. Nicht als Sprachkenner aber als genialer Dichter und Denker überragte alle Salomo ben Gabirol (s. d., um 1070). In seinen Spuren gingen Joseph ben Zaddik, Moses ben Esra u. a. Als Dichter stand in dieser Periode am höchsten Juda ha-Levi um 1140, der Verfasser des arabisch geschriebenen sog. Kosribuches (Kusari, Buch Al-chazari, das Jehuda ibn Tibbon ins Hebräische übersetzte; vgl. H. Hirschfeld, Das Buch Al-chazari, Lpz. 1886-87), einer Verteidigung der Wahrheit des jüd. Glaubens, der in seiner "Zionide" die ergreifendsten Klänge für die schmerzliche Sehnsucht Israels nach Zion erfand. Bei Abraham ibn Esra (1160), der zugleich Religionsphilosoph, Kommentator und Grammatiker war, sind die dichterischen Flügel durch zu viel Gelehrsamkeit beschwert. Den großartigen Abschluß dieser Periode bildete Rabbi Mose ben Maimon (Rambam, Maimonides) 1135-1204, der größte Systematiker und Philosoph des Judentums. In seiner Mischne Thora (jad hachazaka) gab er eine systematische Darlegung der talmudischen Stoffmassen. In seinem "More Nebukhim" suchte er mit den Mitteln der Aristotelischen Philosophie dem Judentum den Charakter einer Wissenschaft zu erringen. Über die Abhängigkeit des Thomas von Aquino von ihm vgl. Guttmann, Das Verhältnis des Thomas von Aquino zum Judentum (Gött. 1891).

In den exakten Wissenschaften thaten sich damals in Spanien hervor: auf den Gebieten der Mathematik und Astronomie Abraham ben Chijja, auf dem der Geschichte Ibn Daud (1180?), auf dem der Geographie der berühmte Reisende Benjamin von Tudela (um 1170). Von der span. Kultur wurde auch das südl. Frankreich, insonderheit die Provence, einigermaßen beeinflußt. Hier wirkten die berühmten Gelehrtenfamilien der Kimchiden und Tibboniden, deren größte Leistungen aber in der folgenden Periode liegen. In dieser Periode trat besonders als Exeget hervor Salomo ben Isaak aus Troyes (Raschi, 1040-1115), der die Bibel und fast den ganzen Talmud kommentierte (daher Parschandatha, "Gesetzeserklärer") und zuerst auf genaue Erfassung des Wortsinnes drang. (Vgl. Zunz in der "Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums", Berl. 1822.) Eine Reihe von Schülern (Tossafisten, Glossatoren genannt) schloß sich seiner Richtung an. (Vgl. Zunz, Zur Geschichte und Litteratur, Bd. 1, Berl. 1845, S. 29-60.) Auszuzeichnen ist sein Enkel Samuel ben Meir (Raschbam, um 1150). Als Sammler der Hagadahs sind vorzugsweise Moses (Haddarschan, um 1150) und Simon, der Verfasser des großen Sammelwerks "Jalqut Schimeoni" zu nennen.

VI. Periode. Die sechste Periode kann man von 1204 bis 1492 rechnen, vom Höhenpunkte bis zum Untergange der jüd.-span. Litteratur. Der Anfang dieser Periode war erfüllt von den Kämpfen über die Geltung Maimons, der zunächst in den oben erwähnten Tibboniden eifrige Übersetzer seiner Werke aus dem Arabischen in das Hebräische fand (Jehuda ibn Tibbon, 1167; Samuel ibn Tibbon, 1230; Mose ibn Tibbon, 1250). Fanatiker, wie Meir Halevi Abulafia (1244), Juda Alfachar in Spanien, Jona ben Abraham Gerundi u. a. aus Frankreich beschuldigten ihn, daß seine "Jad hachazaka" den Talmud verdrängen wolle und daß sein "More Nebukhim" die jüd. Gotteslehre auflöse. Vergeblich suchten Männer wie David Kimchi, der namhafte hebr. Lexikograph (1160-1232), und Rabbi Mose ben Nachman (Ramban, 1200-72), der philos. Exeget, diese Leuchte Israels zu retten. Es kam zur Verbrennung seiner Schriften. Unwillkürlich sank infolgedessen das geistige Niveau. Salomo ben Aderet (1234-1310), Schemtob Palquera (1264) zeichnen sich wohl noch durch Gelehrsamkeit, aber nicht durch philos. Produktivität aus. Tieferes Suchende treibt die Furcht vor Verketzerung zur Mystik. Die Kabbala wird angebaut durch Todros ben Josef (1283), Joseph Gekatilia (um 1230), Abraham Abulafia (1240-92) und Mose ben Schemtob Leon (1283), den angeblichen Autor des Buches Sohar. Dabei vermochte wohl die Poesie einen Aufschwung zu nehmen, während die Philosophie verkümmerte. Der größte Virtuos der hebr. Poesie erstand im 13. Jahrh. in Juda ben Salomo Harizi, dessen "Tachkemoni" in Nachahmung der arab. Makamen des Hariri der hebr. Sprache wahre Wunderleistungen abzwang. (Vgl. Kämpf, Zehn Makamen aus dem Tachkemoni des Charisi, Prag 1858; ders., Nichtandalus. Poesie andalus. Dichter, ebd. 1858; Judae Harizii macamae, hg. von Lagarde, Gött. 1883.) In seinen Bahnen gingen Abraham ben Chasdai, der Sammler hagadischer Gedichte, der Fabeldichter Isaak ibn Sahula (1244) u. a. In der Provence zeichneten sich aus: Josef Ezobi (1235)