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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Katharina II. (Kaiserin von Rußland)

Zerbst damals preuß. Generalmajor und Gouverneur war. Von der Kaiserin Elisabeth auf Friedrichs II. Vorschlag zur Gemahlin für deren Neffen und erwählten Nachfolger Peter, Herzog von Holstein-Gottorp, ausersehen, begab sie sich im Febr. 1744 nach Rußland und wurde, nachdem sie zur griech. Kirche übergetreten war, wobei sie die Namen Sophie Auguste mit Katharina Alexejewna vertauschte, 1. Sept. 1745 mit dem Thronfolger vermählt. Unter den Freunden ihres Gemahls zog seit 1753 Sergej Soltikow die Aufmerksamkeit der Großfürstin auf sich, und bald entstand zwischen beiden ein vertrautes Verhältnis. Später gewann Stanislaus Poniatowski ihre Zuneigung. Seit der Thronbesteigung Peters III., 5. Jan. 1762, mehrte sich die Spannung zwischen den beiden Gatten. Peter lebte mit dem Hoffräulein Elisabeth Woronzow so vertraut, daß seine Gemahlin befürchtete, er möchte sie verstoßen und seine Geliebte heiraten. Dabei machte sich Peter durch seine Vorliebe für die preuß. Kriegszucht, durch seinen Charakter und seine Politik auch seinen Unterthanen mit jedem Tage verhaßter. So kam durch den Hetman Grafen Rasumowskij, den Grafen Nikita Panin, die Fürstin Daschkow und einen jungen Gardeoffizier Gregor Orlow, der nach Poniatowskis Abgange K.s Zuneigung fesselte, und dessen Bruder Alexej Orlow eine Verschwörung gegen den Kaiser zu stande. Durch die Orlows wurde die Garde bewogen, ihr als Monarchin zu huldigen, während der nachmalige Senator Teplow vermocht wurde, in der Kasanschen Kirche die Erhebung K.s auf den Thron zu verkündigen. Peter III. wurde 17. Juli 1762 nach dem kaiserl. Landhause Rovscha gebracht und dort erdrosselt.

Die jetzt allein herrschende, hochbegabte Kaiserin K. wußte bald die Gunst des Volks zu gewinnen. Sie bewies der griech. Kirche große Achtung, ließ sich mit Pracht in Moskau krönen und war für die innere Verwaltung wie für die auswärtigen Verhältnisse Rußlands außerordentlich thätig. Ein Jahr nach ihrer Thronbesteigung zwang sie die Kurländer, den neuen Herzog Karl von Sachsen abzusetzen und den dem Adel verhaßten Biron zurückzurufen, was einer Vereinigung Kurlands mit Rußland gleichkam. Nach dem Tode des Kurfürsten August III. von Sachsen, Königs von Polen (1763), brachte sie es dahin, daß Stanislaus Poniatowski zu Warschau gekrönt wurde. In ihrem eigenen Reiche nahm aber inzwischen die Zahl der Mißvergnügten bedeutend zu, und in Moskau und Petersburg entstanden mehrfach Unruhen. Der junge Iwan (VI.), auf den die Verschworenen ihre Hoffnung setzten, wurde im Juli 1764 in der Festung Schlüsselburg ermordet und dadurch die Pläne der Unzufriedenen vernichtet. Um eine Verbesserung der Gesetzgebung herbeizuführen, wurden 1767 Abgeordnete aus allen Provinzen nach Moskau berufen: doch endigte das Unternehmen ohne Ergebnis. Die Versammlung wurde im Febr. 1768 nach Petersburg verlegt, im Dezember desselben Jahres entlassen und nie wieder berufen.

Durchgreifender war die Thätigkeit der Kaiserin nach außen. (S. Rußland.) Die erste Teilung Polens 1772 und der mit dem Frieden von Küčük-Kainardža 1774 endende Türkenkrieg vergrößerten Rußlands Macht, während im Innern fast um dieselbe Zeit durch die Unterdrückung des gefährlichen Aufstandes Pugatschews (s. d.) das Ansehen der Kaiserin aufs neue befestigt wurde; ihre Absicht, Griechenland zu befreien, erreichte K. indessen nicht, obgleich die Griechen sich auf ihren Wink erhoben und Graf Alexej Orlow die türk. Flotte bei Tschesme vernichtete. Einen unbeschränkten Einfluß auf K. übte seitdem der übermütige Potemkin aus. Als die Kaiserin, nachdem sie die wieder beruhigten Provinzen bereist hatte, 1787 auch Taurien kennen zu lernen wünschte, wurde durch Feste, theatralische Ausschmückungen und allerlei Blendwerk, darunter Anlage von Palästen, Dörfern (die sog. «Potemkinschen Dörfer») u. a., in der Steppe ein künstliches Bild des Glücks und Wohlbefindens hervorgezaubert. Auf dieser Reise verabredete K. einen für Rußland vorteilhaften Bund mit Kaiser Joseph II., welcher sie besuchte. Die Folge davon war ein neuer Türkenkrieg, der 1792 im Frieden von Jassy nicht minder Vorteile brachte als der erste. Ebenso vermehrten die beiden letzten Teilungen Polens und die Einverleibung Kurlands (28. März 1795) Rußlands Macht. An dem Kriege gegen Frankreich nahm die Kaiserin keinen Teil, um im Osten freie Hand zu behalten, obgleich sie alle Verbindungen mit der Französischen Republik abbrach, die Emigranten thätig unterstützte und mit England ein Bündnis gegen Frankreich schloß. Nachdem sie eben einen neuen Krieg gegen Persien eröffnet hatte, starb sie 17. Nov. 1796.

Bei allen schwächen ihres Geschlechts ist K. doch die Thatkraft einer großen Regentin nicht abzusprechen. Sie beförderte die Wissenschaften, begünstigte den Handel, verbesserte die Gesetzgebung, legte Städte, Kanäle, Hospitäler und Erziehungsanstalten an und bemühte sich, den Mißbräuchen in der Staatsverwaltung, Rechtspflege, sowie in der Erhebung der Abgaben ein Ende zu machen. Aber zwei Leidenschaften beherrschten sie fortdauernd, die Wollust und die Ruhmsucht. Die Stellung ihres jedesmaligen Liebhabers, der im Palast wohnte, einer bestimmten Geschäftsordnung in seinem Günstlingsberuf unterworfen war, bestimmte Vorrechte genoß, außerordentlich befördert wurde und große Geschenke erhielt, glich gewissermaßen einem Staatsamte. Ihre schriftstellerischen Leistungen waren mannigfach und meist von Wert. Unter ihren Arbeiten finden sich 11 Dramen, 7 Opern, 5 sog. Proverbes. Sie sind lebhaft geschrieben, natürlich im Dialog, mit gesundem Realismus der Typen. Am besten sind die Lustspiele «O Zeit!» und «Der Frau Wortschalina Namenstag» (beide von 1772). Eine Gesamtausgabe ihrer Schriften erschien Petersburg 1849 (neue Ausg. 1893). Für den «Gesellschafter» der Fürstin Daschkow schrieb sie witzige Satiren u. a. Ihre histor. Arbeiten sind gesammelt in «Aufsätze betreffend die russ. Geschichte» (7 Tle., Berl. 1786–88). Großes Aufsehen erregten die «Mémoires de l’impératrice C. écrits par elle-même et précédés d’une préface par A. Herzen» (Lond. 1859; deutsch Hannov. 1859). Sie hatte in Frankreich an Grimm einen litterar. Agenten, lud Voltaire mehreremal zu sich ein, schlug d’Alembert vor, seine Encyklopädie in Petersburg zu beendigen und die Erziehung des Großfürsten zu übernehmen, zahlte Diderot einen Jahresgehalt von 1000 Frs. auf 50 Jahre voraus. Abgesehen von zahlreichen, von ihr ausgegangenen amtlichen Schriften (wie den «Nakaz» [Instruktion] für die Gesetzeskommission) füllen allein die bisher edierten Briefe der Kaiserin K. eine große Anzahl von Bänden. Unter ihren Korrespondenten nehmen Friedrich II., Joseph II., Voltaire, Grimm,

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