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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kirchenpauer - Kirchenslawisch
Mittelalters. Die Entscheidung über Patronats-
streitigkeiten gehört zur Kompetenz der Civilgerichte.
Die neuen Synodalordnungen haben in der evang.
Kirche das K. mehrfach, so in Preußen, in Ver-
bindung mit der Kirchenverfassung gebracht. Parti-
kularrechtlich hat der Patron insbesondere einen
erheblichen Anteil an der kirchlichen Vaulast (s. d.). -
Vgl. besonders Hinschius, System des kath. Kirchen-
rechts, Bd. 2 u. 3 (Berl. 1878-82).
Kirchenpauer, Gust. Heinr., hamb. Staats-
mann, geb. 2. Febr. 1808 in Hamburg, studierte
die Rechte in Dorpat und Heidelberg und ließ sich
dann in Hamburg als Advokat nieder und wurde
1843 Senator. Als solcher verfaßte er mit Geffcken
die Senatorialdenkschrift gegen die Einführung
eines Differentialzollfystems in Deutfchland (Hamb.
1847; auch englisch). 1848 wurde er zum Gesandten
bei der Provisorischen Centralgewalt in Frankfurt
a. M. und 1851 zum Vundestagsgesandten ernannt.
1858-64 war K. Amtmann in Ritzebüttel bei Ham-
burg. Seit 1868 bekleidete er abwechselnd den Posten
eines ersten oder zweiten Bürgermeisters. Er starb
3. März 1887 in Hamburg. K. war auch auf zoolog.
Gebiete thätig. - Vgl. von Melle, Gustav Heinrich
K. (Hamb. und Lpz. 1888) und von Samfon, Gustav
Heinr. K. (Reval 1891).
Kirchenprovinz. In der Kirchenverfassung des
Oströmischen Reichs fielen die Staatsprovinzen und
die Metropolitanbezirke zusammen; seitdem verblieb
den letztern die Bezeichnung K. An der Spitze steht
ein Erzbischof, unter welchem Suffrag anbisch öfe die
Diöcesen regieren. Eine erhebliche rechtliche Be-
deutung haben heute die K. nicht mehr. In Deutsch-
land bestehen fünf K. (S. Deutfchland und Deut-
fches Reich, Bd. 5, S. 155d.)
In der evang. Kirche der preuß. Monarchie waren
fchon früher die Staatsprovinzen insofern zugleich
K., als sür jede Provinz ein Konsistorium bestand.
Seit Durchführung der Synodalverfasfung tritt
diefer Charakter noch stärker hervor, indem für jede
K. (d. i. Staatsprovinz) eine mit weitreichenden Be-
fugnissen ausgestattete Provinzialsynode (s. d.) und
neben dem Konsistorium ein ständiger Provinzial-
synodalausschuh (s. d.) besteht. Den Rechtscharakter
der jurist. Person räumt die preuß. Praxis der
evangelischen K. bis jetzt nicht ein.
Kirchenrat und Geheimer Kirchenrat, an
angesehene Geistliche, Professoren oder Konsistorial-
mitglieder verliehene Titel ohne amtliche Befugnisse.
(S. auch Oberkirchenrat; über Gemeindekirchenrat
s. Kirchenvorstand und Synodalverfassung.)
Kirchenraub (lat. 8aci-ii6Fiuiii), der Diebstabl
geweihter Sachen aus ungeweihten Orten, unge-
weihter Sachen aus geweihten Orten, geweihter
Sachen aus geweihten Orten. Die (^i-olina. (s. d.)
bedroht den Kirchenräuber für gewöhnlich mit dem
Tode. Das Deutsche Reichsstrafgesetzbuch §. 243,
Nr.1 droht Zuchthaus bis zu zehn Jahren, im Falle
mildernder Umstände Gefängnis nicht unter drei
Monaten, wenn aus einem zum Gottesdienste be-
stimmten Gebäude Gegenstände gestohlen werden,
die dem Gottesdienste gewidmet sind. (S. Diebstahl.)
Kirchenrecht, f. Kanonisches Recht.
Kirchenreformation, s. Reformation.
Kirchenregiment, f. Kirchengewalt.
Kirchenfachen (lat.rsg 6coi68ia,8tica,6), die kirch-
lichen Zwecken dienenden Sachen. Sie zerfallen einer-
seits in konsekrierte, d. h. solche, welche durch Salbung
mit Chrisma für den Kultus geweiht werden (Kir-
Artitel, die man unter K vermißt, sind unter C aufzusuchen.
chenaebäude, Altäre, die Abendmahlsgerätschaften
des Kelchs und der Patene), und gesegnete (Kirchhöfe,
Kirchenglocken u. s. w.), und andererseits in r65
6eci68iH8ti<:3.6 im engern Sinne, alle im Vermögen
der Kirchebefindlichennicht geweihten und gesegneten
Sachen, zu welchen auch die ?68 reiissioZas gehören,
d. h. die im Vermögen frommer Stiftungen befind-
lichen. Die evang. Kirche kennt keine Weihe und
Segnung von Sachen. Die K. können, vorbehaltlicd
der Wahrung ihrer Bestimmung, im Eigentum, auch
in dem privater Perfonen, stehen, fowie Objekte von
Rechtsgeschäften bilden, doch bestehen hierfür in
nicht unerheblichem Umfange besondere Rechtsvor-
schriften. Das Strafrecht kennt einen Begriff der
?68 83.61-3.6 infofern, als bestimmte Delikte, falls sie
in betreff solcher Sachen begangen werden, als qua-
lifizierte behandelt werden (Reichs-Strafgesetzbuch
ߧ. 166, 243,304, 306). - Vgl. Hinschius, System
des kath. Kirchenrechts, Bd. 3 u. 4 (Berl. 1880-88)',
Meurer, Der Begriff und Eigentümer der heiligen
Sachen (Düsseld. 1885).
Kirchensatzungen (lat. 03.1101168), die von der
kirchlichen Autorität aufgestellten Lehren und Gebote.
Kirchenschändung (lat. poiwtio), die Ent-
weihung einer Kirche durch Blutvergießen oder Un-
zucht. Die EntHeiligung erstreckt sich auf die Altäre
und den Kirchhof und wird durch rsconoiliatio,
früher neue Konsekration, gesühnt.
Kirchenschriftfteller (lat. 8eriptoi-68 ecels-
8ia,8tici), die um kirchliche Wissenschaft verdienten
Theologen der alten Kirche, z. B. Tertullianus, Ori-
genes, Theodoret u. a. (S. auch Kirchenlehrer.)
Kirchenslawisch, der slaw. Dialekt, in welchem
am Ende des 9. Jahrh, von Cyrillus (s. d.) und
Methodius und ihren Schülern zuerst Bibelüber"
setzung und liturgische Bücher niedergeschrieben
wurden. Je nach der verschiedenen Ansicht vom
Ursprünge der Kirchensprache wurde diese in der
WissenschaftbaldAltflowenifch(oderPannonifck-
Slowenifch), bald Altbulgarifch genannt. Hit
der Verbreitung der flaw. Liturgie unter den süd-
lichen und östlichen flaw. Stämmen verbreitete sich
auch das K. als Schriftsprache unter Stämmen, bei
denen als Sprache des täglichen Lebens ein anderer
slaw. Dialekt herrschte, bei Serben, Kroaten, Russen.
So entstand ein serbisch, russisch u. s. w. gefärbtes
K., im Gegenfatz zu welchem man wohl die Texte,
die von folchen Beimifchungen frei sind, altkirchen-
slawifch nennt. Heutzutage ist das K. nur noch
die gottesdienstliche Sprache bei den zur griech.-
kath. Kirche gehörenden Slawen. Das Altkirchen-
flawifche hat durch feine Altertümlichkeit für die
wifsenfchaftliche Erforfchung der slaw. Sprachen etwa
dieselbe Bedeutung wie das Gotische für die der
germanischen. Die handschriftliche Überlieferung
von Texten geht ins 10. bis 11. Jahrh, zurück; die
Handschriften sind in zwei verfchiedenen Alphabeten
überliefert, in dem cyrillischen (Cyrillica, Kyrillika)
und dem glagolitischen (Glagolica, s. d.). Besonderes
Verdienst um die Erforfchung des K. erwarben sich
Dobrowfky (s. d.), der ruff. Gelehrte Vostokov (durch
eine Grammatik, ein Wörterbuch, viele Einzel-
forfchungen, Herausgabe des Ostromirschen Evan-
geliums u. a.), Kopitar (s. d.), Miklosich (s. d.), Schlei-
cher, Die Formenlehre der kirchenslaw. Sprache (Bonn
1.852), Iagi<i(s.d.) durch Ausgaben und grammatische
Forschungen. Ein Hilfsmittel für akademifche Vor-
lesungen ist Leskiens Handbuch der altbulgar. (alt-
kirchenslaw.) Sprache. Grammatik. Texte. Glossar