Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

369
Kirchensteuer
Pius VII. hatte sich bereits stillschweigend in die
Aufbebung des K. gefügt, als Napoleon sich durch
die Schickfalsschläge von 1813 gezwungen sah, den
K. wieder auszurichten und den Papst sreizugeben,
der 24. Mai 1814 wieder in Rom einzog. Doch
mußte Pius VII. nochmals nacb Genua fliehen, als
Murat von den Alliierten abfiel; diese Erhebung
und Napoleons Rückkehr von "Elba gereichte aber
dem Papst zum Nutzen, insofern jetzt Consalvi in
Wien die Rückgabe von Camerino, Pontecorvo,
Benevent, der Mark Ancona, Macerata, Fermo, den
Legationen, Ravenna und Bologna erwirkte, und
Osterreich sich mit dem links vom Po gelegenen
serraresischen Striche und dem Besatzungsrecht in
Fcrrara und Comacchio begnügte; Avignon und
Venaissin wußte Talleyrand sür Frankreich zu retten.
Consalvi erreichte das Gleichgewicht im Staatshaus-
halt, das unter Leo XII. (1823-29) infolge der
kirchlichen Verschwendung wieder verloren ging. Das
Unterrichtswesen wurde gleichfalls durch Leo XII.
wieder den Jesuiten ausgeliefert und sank infolge-
dessen tief. Zugleich schoß das Banditentum wieder
üppig empor. Auf Leos XII. unfruchtbare Regierung
folgte die kurze Pius' VIII. (März 1829 bis Nov.
1830) und dann 2. Febr. 1831 die Wahl Gregors XVI.
Unaufhaltsam sah dieser die in Modena ausge-
brochene Revolution sich über den K. ausbreiten.
Auf sein Ansuchen unterwarfen die Österreicher das
Land dem hilflofen Papst; nach ihrem Abzug kam
es jedoch zu neuen Ausständen, infolge deren die
Österreicher Jan. 1832 in Bologna aufs neue ein-
zogen. Gleichzeitig befetzte Frankreich Ancona, um
es erst 1838 wieder zu räumen; im selben Jahre ver-
ließen auch die Österreicher abermals die Legationen.
Dem Drängen nach Reformen kam der 16. Juni
1846 gewählte Pius IX. entgegen; eine Bürgerwehr
wurde eingerichtet, endlich (12. Febr. 1848) fogar
eine Anzahl von Laien ins Ministerium aufgenom-
men. Diefes erste gemischte Ministerium muhte aber
10. März einem zweiten Platz machen, und 14. März
veröffentlichte Pius eine Verfassung, welche das alte
Priesterbeamtentum und das neue gewählte Laien-
element in einem Zweikammersystem zusammen-
schweißen sollte. Als der Krieg zwischen Österreich
und Piemont ausbrach, konnte Pius den Zusammen-
fluß von Freiwilligen und ihren Anschluß an Karl
Albert nicht hindern; gleichzeitig aber lehnte er
April 1848 den Krieg gegen Osterreich ab. Ent-
rüstet über diesen Schritt reichte auch das zweite
Ministerium seine Entlassung ein, und nach einem
kurzen Übergangsministerium Mamianis übernahm
Rossi (s. d.) die Leitung des Staates. Als dieser
15. Nov. die Kammer eröffnen wollte, wurde er er-
mordet. Dies war das Zeichen zum Aufruhr, dem
sich Pius in der Nacht vom 24. bis 25. Nov. durch
die Flucht nach Gaeta entzog. Darauf hin erfolgte in
Rom 9. Febr. 1849 die Verkündigung der Republik,
deren Leitung nach der Schlacht von Novara ein
Triumvirat übernahm, in das Mazzini eintrat. Am
24. April lieh der Präsident Napoleon 15 000 Mann
in Civitavecchia landen, und die Römer mußten
sich nach tapferer Verteidigung 3. Juli Oudinot er-
geben, welcher dem Papst die Schlüssel der Stadt
nach Gaeta sandte.
Pius IX., welcher Aug. 1849 den K. einer Re-
gierungskommission, bestehend aus den Kardinälen
Altieri, Della Genga und Vanicelli, unterstellt hatte,
kehrte selbst erst 12. April 1850 nach Rom zurück.
Der Italienische Krieg von 1859 (s. d.) war das
BrockhauZ' Konversations-Lcxikon. 14. Aufl. X.
Zeichen sür eine neue Erhebung im K.; Ravenna,
Bologna und die ganze Romagna standen auf, und
der Friede von Villafranca drängte die empörten
päpstl. Provinzen nur zum beschleunigten Anschluß
an Piemont. Am 18. Sept. 1860 schlug Cialdini
das päpstl. Heer bei Castelfidardo, das nach Ancona
floh, wo Lamoriciöre sich 29. Sept. ergeben muhte.
Nun wurden die Marken und Umbrien, die sich An-
fang November durch Volksabstimmung für die kon-
stitutionelle Monarchie Viktor Emanuels ausge-
sprochen hatten, einverleibt. Dagegen verpflichtete
sich Italien 1864 gegenüber Frankreich zum vor-
läufigen Verzicht auf die Einverleibung des auf
Rom, Comarca und Provinz Civitavecchia zusam-
mengeschmolzenen K., wogegen die sranz. Schutz-
truppen aus Rom abzogen. Die Wiederkehr dieser
Besatzung veranlaßte jedoch 1867 der unglückliche
Zug Garibaldis; franz. Truppen unter Failly tra-
fen noch rechtzeitig ein, um Garibaldi im No-
vember die schwere Niederlage von Mentana bei-
bringen zu können. So war es erst der Deutsch-
Französische Krieg, welcher Italien in die Lage setzte,
dem K. den Gnadenstoß zu geben, da er Frankreich
veranlaßte, seine Besatzung aus Rom zurückzuziehen.
Die ital. Truppen zogen 20. Sept. 1870 in Rom ein;
die Einverleibung dieses Restes des K. in Italien
erfolgte 9. Okt. auf Grund der Volksabstimmung
vom 2. Okt. 1870.
Außer der unter Italien, Papst und Rom an-
geführten Litteratur (namentlich Gregorovius, Reu-
mont, Papencordt, Ranke, Creighton und Pastor)
vgl.: Hasse, Vereinigung der geistlichen und welt-
lichen Obergewalt im römischen K. (Haarlem 1852);
Sugenheim, Geschichte der Entstehung und Ausbil-
dung des K. (Lpz.1854); Farini, I^o 8wto Roiuano
dali' anno 1815 ai 1850 (4 Bde., 3. Aufl., Tur.
1850-53); Theiner, (^oäßx äipIoniHticu3 äoiuwii
temporale sanetas 86äi8 (3 Bde., Rom 1861-62);
Maguire, Rom und sein Beherrscher Pius IX. (aus
dem Englischen, 2. Aufl., Köln 1861); de Mvius,
Hi8toil6 Ü6 i'invHZion ä63 Ntat8 ?0ntiücllnx 6N
1867 (Par. 1875); für die Neuzeit insbesondere:
Bianchi-Giovini, storia. äsi papi da. 8. ^ietro g.
No IX (10 Bde., 2. Aufl., Mail. 1853-78); Brofch,
Papst Julius II. und die Gründung des K. (Gotha
1878); ders., Geschickte des K. (2 Bde., ebd. 1878-
82); Silvagni, I^a coi-to 6 1a societä. romana. nei
86co1i XVIII 6 XIX (3 Bde., Rom 1883 - 85);
Mamiani, II MMto ue^ii nitimi ti-6 Lecoli (Mail.
1885); Raff. Cadorna, I^a lidsra^ions äi Iloma.
nei 1870 (1888); G. Vicini, 1.3. i-ivoluxionk äei-
1'anno 1831 nßUo 8taw koniano (Imola 1889);
G. Bastia, II äoiniiiio temporale äei I^xi 1815-46
(Bologna 1890).
Kirchensteuer, jede obligatorische Geldabgabe,
die von den Angehörigen der Kirche erhoben wird.
Die alte Kirche kennt den Begriff der K. nicht;
durch freiwillige Beiträge wurden alle erforder-
lichen Mittel reichlich aufgebracht. Solche freiwillige
Gaben sind in verschiedener Weise stets herkömm-
lich geblieben, und das heutige Kirchenrecht beider
Konfessionen hat dieselben unter der Bezeichnung
Kollekten (s. d.) übernommen. Schon im Mittel-
alter aber kommen eigentliche K. vor, so der Zehnt
ls. d.) an den Pfarrer, das sog. clUlisäraticuiii an
den Bischof, der Peterspfennig lf. d.) an den Papst.
Heute sind diese K. teils verschwunden, teils sind sie
freiwillige Gaben geworden, teils haben sie durch
die moderne Rechtsentwicklung eine grundsätzliche
24