Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Komprimierte Luft

apparaten, der Preßluftgründung, den Preßluftwerkzeugen, Gesteinsbohrmaschinen u. s. w.

Auf den menschlichen Körper wirkt K. L. einerseits physikalisch durch den äußern Druck auf alle Körperteile, insbesondere auch auf die Atmungsorqane,andererseits chemisch durch reichlichere Sauerstoffaufnahme in das Blut auf die Mischung desselben. Diese Wirkungen suchte man für die Medizin auszunutzen. Zuerst wurden pneumatische Apparate unter der Bezeichnung "Cloches pneumatiques" zu solchem Zwecke 1864 von Tabarié und andern Ärzten zu Montpellier, Lyon und Nizza aufgestellt und mit denselben sowohl bei Gesunden als auch bei Kranken Versuche angestellt. Das pneumatische Kabinett (s. die nachstehende Fig. 1) ist gewissermaßen eine Nachahmung der Taucherglocke zu ebener Erde; es stellt einen aus schmiedeeisernen, fest vernieteten Platten bestehenden glockenförmigen Raum dar, in welchem mehrere Personen bequem sitzen können. Mittels einer mit einer Dampfmaschine in Verbindung stehenden Pumpe wird durch eine am Fußboden des Kabinetts einmündende Röhre a fortwährend frische, durch Baumwolle filtrierte, bis zu einem gewissen Grade (1½ bis 1 3/7 Atmosphären) verdichtete Luft in den Raum b eingepreßt und kann am entgegengesetzten Ende durch das Abzugsrohr d wieder in das Freie gelangen; die mit dem Kabinett in Verbindung stehende Vorkammer c erlaubt das Ein- und Austreten, ohne daß dadurch der Luftdruck im Apparat wesentlich verändert wird. Den meist auf eine bis zwei Stunden bemessenen Aufenthalt in einem solchen Raume unter dem Einflüsse der komprimierten Luft nennt man ein pneumatisches Bad. Mehrere deutsche Ärzte, wie J. Lange, G. von Vivenot u. a., stellten durch Experimente die Wirkung solcher Bäder auf den Organismus genauer fest, wobei sich zeigte, daß die Lungen mechanisch erweitert werden, indem ihnen ein größeres Luftvolumen zugeführt wird; die Atemzüge werden minder häufig, doch tiefer; diese Erscheinungen dauern auch nach dem Aufenthalt im pneumat. Apparat fort. Ferner wird die Ausscheidung von Harn und Kohlensäure, somit auch der gesamte Stoffwechsel, in weiterer Folge die Gesamternährung vermehrt; auch vermindert sich die Füllung der feinsten Blut-(Kapillar-) Gefäße, während sich die Aufsaugung der Lymphe beschleunigt. Indem durch die K. L. dem ganzen Körper in reichlicher Menge Sauerstoff zugeführt wird, erhöht sich schließlich das Kraftgefühl der Muskulatur. Auf Grund dieser Ergebnisse stellte man alsbald an vielen Orten Deutschlands pneumat. Apparate auf und nahm nun mit gutem Erfolge Kuren mit K. L. vor bei Krankheiten des Kehlkopfes mit Auflockerung der Schleimhaut und mit Blutüberfüllung dieses Organs, ferner bei langdauernden Kehlkopf- und Luftröhrenkatarrhen, namentlich aber bei dem auf Lungenemphysem beruhenden Asthma. Gegen Schwerhörigkeit zeigte sich die K. L. insofern günstig, als sie katarrhalische Affektionen der innern Teile des Gehörorgans tilgt.

^[Flg. 1.]

Kaum hatte man bei der Anwendung dieser pneumat. Kabinette die günstige Wirkung der K. L. im allgemeinen für eine Reihe von Krankheitsformen festgestellt, so wurden auch andere transportable pneumatische Apparate ersonnen, durch welche es möglich wurde, den Kranken mit größerer Leichtigkeit nicht bloß eine Luft einatmen zu lassen, die einen bestimmten Grad der Dichtigkeit hat, sondern auch abwechselnd verdichtete und verdünnte Luft (mittels sog. Doppelapparate) bei der Ein- und Ausatmung darzubieten. Hiermit war eine genauere individuelle und der Krankheit angepaßte, mehr oder minder kräftig einwirkende Verwendung verdichteter und verdünnter Luft ermöglicht. Nachdem schon 1870 Hauke in Wien ein Instrument zur beliebigen Vermehrung und Verminderung des Grades der Luftverdünnung oder Verdichtung konstruiert hatte, eröffnete 1873 Waldenburgs pneumatischer Apparat eine Reihe hierhin gehörender Erfindungen, die in vielfacher Weise den Kranken beim Atmungsprozesse verdichtete oder verdünnte Luft zuführen. Der Waldenburgsche Apparat gleicht im wesentlichen einem Gasometer (s. Fig. 2). In einem großen blechernen Cylindergefäß a, das bis zu einer gewissen Höhe mit Wasser gefüllt ist, bewegt sich ein zweiter nach unten offener, oben geschlossener Cylinder b; in diesem innern Cylinder nun wird die Luft durch Zug verdünnt oder durch Druck verdichtet. Der Zug wird durch Anhängen von Gewichten c an Schnüren, die vom Cylinder aus über Rollen d gehen, bewirkt, der Druck durch Auflegen von Gewichten auf den Cylinder. Die Atmung erfolgt durch den mit dem innern Cylinder in Verbindung stehenden, mit einer

^[Fig. 2.]

^[Artikel die man unter K vermißt, sind unter C aufzusuchen.]