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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Landwirtschaft

räte, das Feldinventar, die Bodennährstoffe u. s. w. Das gegenseitige Verhältnis dieser Kapitalien sowie der Bedarf davon ist natürlich sehr verschieden und von dem Betriebssystem abhängig. Bei der Arbeit ist Handarbeit, Gespannarbeit und Maschinenarbeit zu unterscheiden, und der Bedarf an Arbeit und Kapital giebt das Kriterium für die Intensität einer Wirtschaft ab. Bei sonst gut geleiteten und den Verhältnissen entsprechend eingerichteten landwirtschaftlichen Unternehmungen trägt der Ankaufspreis (das Grundkapital) kaum 50-70 Proz. der Zinsen, den das Geld sonst bei solider Anlage bringen würde; der Landwirt muß sich überhaupt mit ungefähr 2-3 Proz. im allgemeinen begnügen. Das dem größten Risiko ausgesetzte umlaufende Kapital verzinst sich mit 8-10 Proz., das weniger gefährdete Inventar mit 5-7 Proz. In dem genannten Abschnitt der Landwirtschaftslehre kommen noch die Absatzverhältnisse der Produktion zur Behandlung, die Betriebseinrichtung, die Betriebsleitung, der Betriebsersatz, die Statik, d. h. die Kenntnis des Gleichgewichts zwischen den dem Boden durch die Ernten entzogenen Pflanzennährstoffe und denjenigen, welche ihm in Form von Düngemitteln einverleibt sind, und endlich die Buchführung, welche den erzielten Erfolg der Unternehmung kontrolliert und ziffermäßig feststellt.

Geschichtliches. Die Geschichte der L. beginnt mit der Viehzucht und dem Nomaden- und Hirtenleben. In den nördl. Gegenden mußte zugleich für die Gewinnung des Winterfutters von den natürlichen Wiesen Sorge getragen werden. Erst mit dem eigentlichen Ackerbau trat die Ansässigmachung der Völker ein und bildete sich allmählich die Feldwirtschaft, die Wechselwirtschaft und der intensive Ackerbau in Verbindung mit Viehhaltung und Viehzucht heraus. Die steigenden Bodenpreise, das Aufhören der Naturalwirtschaft und Ersatz derselben durch die Geldlöhnung und die Verwendung von Kapitalien für Meliorationen des Bodens und als Betriebskapital, der Austausch der landwirtschaftlichen Erfahrungen verschiedener Gegenden und Länder sowie der Aufbau der Wirtschaftsmaßnahmen auf naturwissenschaftlicher Grundlage kennzeichnen die moderne L. Auch die verbesserten Verkehrsverhältnisse führten zu gleichen Zielen, wie dies von Thünen in seinem "Isolierten Staat" (Rostock 1863) so überzeugend ausführt. Die L. der alten Ägypter stand auf hoher Stufe, wie uns die Abbildungen in den Tempeln zeigen, über die L. der Phönizier wissen wir wenig, ebenso über diejenige der Assyrer und Perser, über arabische L. liegt die Abhandlung eines span. Arabers Ibn Awan vor, der die Vorschriften früherer Stammesgenossen sammelte. Die L. der Hellenen war bei der verhältnismäßig geringen Ertragsfähigkeit ihres Bodens nicht von hervorragender Bedeutung, dagegen blühte sie in den von ihnen gegründeten Kolonien. Eingehendere Nachrichten über L. liegen uns aus dem Römischen Reiche vor, vorzugsweise sind es Varro (s. d.) und Columella (s. d.), ferner Palladius, Cato, Plinius, Virgil u. a. Diese Schriftsteller gaben schon Rezepte für einen rentabeln Ackerbau, wie ihn die Römer durch ihre Eroberungen in Asien und Europa (Gallien) kennen gelernt hatten.

Über den Landwirtschaftsbetrieb in Deutschland stammen die ältesten Nachrichten von Cäsar und Tacitus. Nach den spärlichen Nachrichten wurde damals alljährlich nur ein kleiner Teil der Feldmark beackert und ausschließlich mit Getreide bestellt, die andern Flächen dienten als Wiesen und Weiden; sie wurden dem Ackerbau unterworfen, wenn die ersten keinen lohnenden Ertrag mehr gewährten. Auf die Entwicklung der deutschen L. in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters hat die durch die Klöster vermittelte Kenntnis der röm. landwirtschaftlichen Schriftsteller einen mächtigen Einfluß geübt, auch die im Westen und Süden zahlreichen röm. Kolonisten und ihre Nachkommen hielten die Traditionen des Stammlandes rege. Kaiser Karl d. Gr. war ein großer Freund der L., und seine Vorschriften für den Landwirtschaftsbetrieb auf den zahlreichen königl. Besitzungen sind uns noch erhalten. Mit der Erfindung des Buchdrucks erschienen zahlreiche dickleibige Werke, vorzugsweise auf den Vorschriften der Römer fußend; später diente die damals schon hochentwickelte italienische L. als Vorbild. Alle diese Bücher umfaßten das Gesamtgebiet der L., auch Fischerei und Jagd, und enthielten vielen Rezeptkram, der natürlich durchaus nicht für alle Gegenden und Bodenverhältnisse paßte. Bei der Bedeutung des Pferdes in damaliger Zeit spielte die Züchtung desselben eine große Rolle, und die sog. Hippier (wie von Markus Fugger) gaben für dieselbe sowie für das Gestütwesen überhaupt recht brauchbare Vorschriften. Nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges konnte die geringe und heruntergekommene Landbevölkerung nur einen Teil der früher blühenden Fluren bestellen. Die deutschen Fürsten mußten zur Besserung ihrer Einkünfte sich mit der Förderung des Landbaues durch eine geordnete Kameralverwaltung beschäftigen, und Lehrstühle der Kameralwissenschaft (s. d.) wurden auf deutschen Universitäten, zuerst 1717 in Halle, errichtet. Den vorzugsweise auf röm. Traditionen und Rechten beruhenden Lehren trat die Gruppe der Empiriker entgegen, die auf Grund der vorliegenden einheimischen Verhältnisse eine selbständige Gestaltung der Landwirtschaftslehre und der L. selbst forderten. Mit dieser Zeit beginnt ein Aufblühen der deutschen L. Die Einführung bis dahin unbekannter Kulturpflanzen (Tabak, Kartoffel, Klee), fremder nutzbringender Viehrassen (span. Merinos), und damit ermöglichter Futterbau auf dem Felde und Einführung der Sommerstallfütterung sowie Abschaffung der Brache charakterisieren diese Epoche.

Mit Thaer (s. d.) beginnt die Geschichte der rationellen L., welche sich auf naturwissenschaftliche Grundlagen stützt, und seine Nachfolger, Bürger, von Schwerz u. a., verbreiteten die Erfahrungen, die sie auf ihren Reisen gesammelt hatten. Besonders war es die englische L. mit ihrem ausgedehnten Futterbau und der hochentwickelten Viehzucht, die für den deutschen Betrieb zum Vorbild wurde und zu mannigfachen Fortschritten anregte. Rindvieh- und Schweinehaltung wurden einträglicher und die durch Merinokreuzung veredelten Schafe gaben bei den damaligen Wollpreisen zufriedenstellende Erträge. Die nächste Epoche der L. ist von ungefähr 1840 an zu rechnen, als Liebig sein Werk "Die Agrikulturchemie in Anwendung auf Agrikultur und Physiologie" herausgab und damit bahnbrechend wirkte, indem er, auf naturwissenschaftliche Forschungen sich stützend und volkswirtschaftliche Lehrsätze heranziehend, die Ernährungsgesetze der Pflanzen darlegte und Regeln für die Praxis gab. Nach Liebig ernähren sich die Pflanzen teilweise aus der Luft, indem sie aus dem unerschöpflichen Reservoir der-^[folgende Seite]