Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

1037
Lebensversicherung
Verwandte, treue Diener, alte lcdige Personen, Bei-
bilfe zu Erziehungskosten, Mitgift, Berufsstudium,
Geschäftseinrichtung, Freiwilligendienst, Kautions-
stellung, Auseinandersetzung bei Geschäftsaufgabe
und andern Liquidationen, Schulden- und Hypo-
thekentilgung u. a. m.
Die Prämie richtet sich nach dem Alter des Ein-
tretenden und seinem Gesundheitszustand. Normale
Prämieneinschätzung genießen nur absolut gesunde
Personen; bei den meisten Versicherten ist ein Aus-
schlag nötig wegen früherer Krankheiten, erblicher
Krankheitsanlagen, schlechter Ernährung, ungesun-
der Wohnung, schädlicher Gewohnheiten, körperlicher
Fehler, erschöpfter Gesundheit oder Berufsgefahr
u. s. w. Für Übernahme einer zeitweilig erhöhten
Gefahr (Kriegs- und Scedienst u. s. w.) wird Ertra-
prämie erhoben. (S. Kricgsvcrsichcrung.) Ein Teil
der Tarifprämie entfällt für Verwaltungskosten, ein
weiterer für den Bedarf zum Ausgleich vorzeitiger
Sterbesälle, der Nest ist die sog. Ncttoprämie:
eine durch die benutzte Sterblichkeitstafel und den
angenommenen Zinssuß bestimmte mathem. Größe,
welche notwendig ist, aber auch ausreicht, um in
jedem einzelnen Jahre die fällig werdenden ver-
sicherten Leistungen zu decken und außerdem die-
jenigen Beträge zurückzustellen, welche mit den
künftig hinzutretenden Teilen der Prämie und
Zinseszinsen der Gesellschaft die Gewähr geben,
daß M die von ihr versicherten Leistungen an den
voraussichtlichen Fälligkeitsterminen voll zahlen
kann. Der nach Abzug des für die erwartungs-
mäßigcn Sterbefälle des laufenden Jahres (das
sind die "fälligen versicherten Leistungen") erforder-
lichen Teils verbleibende Rest der Nettoprämie ohne
die eben erwähnten künftig hinzutretenden Präniien-
anteileistdiePrämienreserve. IndcrRegelbleibt
nämlich die nach Maßgabe des Eintrittsalters jedes
Versicherten berechnete Tarifprämie trotz des steigen-
den Alters des Versicherten für die folgenden Jahre
gleich. Mit dem Alter steigt aber die Sterblichkeits-
wahrscheinlichkcit; es tritt also im Lauf der Versiche-
rung ein Moment ein, von welchem ab die Prämie
nicht mehr ausreicht, die durch die Sterblichkeit er-
forderten jährlichen Kapitalzahlungen zu decken.
Deshalb enthält jede Prämie von vornherein einen
Betrag, der das anfängliche Risiko übersteigt, aber
von den Gesellschaften aufgespart werden muß, um
durch Zins und Zinseszins so anzuwachsen, daß er
das Minus der spätern Jahresprämie gegenüber
dem Plus der spätern Sterblichkeit vollständig
ausgleicht. Dieser Betrag in seiner Gesamtsumme
heißt der Prämienreservesonds und ist nichts
anderes als das Deckungskapital der Gesellschaft
für die Verbindlichkeiten, die sie ihren Versicherten
gegenüber durch den Vcrsichernngsvertrag über-
nommen hat, also Eigentum der Versicherten, be-
lastet mit der Bestimmung, daraus das höhere
Prämienerfordernis ihres spätern Alters zu decken.
Je geringer der Zinssnß ist, den man der Berech-
nung zu Grunde legt, desto größer muß natürlich
die zurückzustellende Reserve sein; dieser rechnerische
Zinsfuß muß geringer sein als der Satz, zu dem sich
die Kapitalanlagen wirklich verzinsen. Wenn das
der Fall, wenn außerdem die wirkliche Sterblichkeit
geringer ist als die rechnungsmäßige, ferner die Ge-
schäftsunkosten womöglich unter dem dafür in der
Tarifprämie mitcrhobencn Veitrag bleiben, so muß
die betreffende Gesellschaft bei genügender Geschästs-
ansdehnung bestehen können und sogar Überschuß
erzielen. Eine richtig berechnete Prämicnrescrvc in
sichern Werten ist der Prüfstein für die Zablungs-
säbigkeit einer Lebensversicherungsgesellschaft.
Je nach der Dauer ihres Bestandes hat jede
einzelne Police durch den für sie berechneten und
zurückgestellten Prämienreserveanteil einen gewissen.
Zeitwert, bis zu dessen Höhe sie von der Gesellschaft
be liehen werden kann, während letztere auf Ver-
langen für drei Viertel des Zeitwertes das Doku-
ment vom Versicherten zurückkauft, wenn es eine
bestimmte Zeit, etwa 3-5 Jahre, bestanden hat-
Die Gesellschaften ermutigen indes den Rückkauf
nickt, da durch ihn der eigentliche Zweck derL., Ver-
sorgung der Hinterbliebenen, verloren geht. Für die
Verteilung der Jahresüberschüsse bieten die gegen-
seitigen Lebensversicherungsgesellschaftell ihren Mit-
gliedern oder die Aktiengesellschaften ihren mit An-
teil am Gewinn Versicherten die Auswahl unter ver-
schiedenen, mehr oder weniger gleichwertigen Plänen
(Dividendenpläne).
Außer der Prämienreserve hat jede vorsicbtige
Anstalt noch einen aus den Überschüssen anzusam-
melnden Sicherheitsfonds zur Deckung für un-
verhofft große überstcrblichkeit (bei Epidemien,
u. s. w.) oder direkte Verluste sowie eine Schaden-
rcserveund einen Prämienübert r a g. Erstere-
ist die Rücklage für angemeldete, aber noch nicht
regulierte Todesfälle, letzterer (fehr oftungchöriger-
weise beim Rechnungsabschluß mit der Prämien-
reserve zusammen in einer Ziffer ausgedrückt) die
Summe der für Zeiträume über den Schluß des
jeweiligen Rechnungsjahres hinaus vorausbezahl-
ten, also noch nicht verdienten Prämien.
Die Urkunden, auf Grund deren derLebcnsver -
fich erungs vertrag abgeschlossen wird, sind der-
Antrag des Bewerbers und die Police des Ver-
sicherers; zum Antrage gehört der Altersnachweis
(Geburtsurkunde u. s. w.) und bei einer Reihe von
Lebensversicherungsformen ein ärztliches Zeugnis.,
Der Lebensversicherungsvertrag beruht recht eigent-
lich auf Treue und Glauben; der Antrag muß des-
halb durchaus wahrhafte Angaben enthalten, denn.
er ist die maßgebende Grundlage für den Vertrags-
willen des Versicherers; wird der Versicherer ge-
täuscht, so sind die Voraussetzungen, unter denen
er den Vertrag einging, unzutreffend und es kann
von ihm Erfüllung des Vertrags nicht beansprucht
werden. Mit diesem Grundsatze der vom Antrag-
steller zu fordernden "Vertragstreue" steht und sällt
die rechtliche Grundlage des Vertrags. Macht der-
Versicherer sich verbindlich, das Versprochene zu
leisten, auck) wenn sich herausstellt, daß er vom An-
tragsteller hintergangen ist und daß die Voraus-
setzungen des Vertragsabschlusses falsch waren,,
so hört der Vertrag auf, Versicherungsvertrag zu
sein. Die Unanfechtbarkeit der Police, die-
188ll von einigen deutschen Anstalten (in Amerika,
und England kannte man sie schon länger) eingeführt
wurde, und die übrigens erst nach Ablauf einiger
Jahre eintritt, aber gegen offenbaren Betrug auch
dann nicht schützen soll, wird von anderer Seite bc-
stritten. Sie bernht auf dem Gedanken, den Ver-
sicherungsnehmer vor dem beunruhigenden Gefühl
zu bewahren, daß sich nach seinem Tode Streitig-
keiten zwischen der Gesellschaft und seinen Hinter-
bliebenen ergeben könnten, welche die letztern der
Gefahr ausfetzen, die Versicherungssumme zu ver-
lieren. Aus den Angaben des Antragstellers, verbun-
den mit dem Altcrsnachweis, dem ärztlichen Zeugnis-