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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Marcinelle - Marco Polo
Marcinelle <spr. -ßin^ll), Ort in der belg. Pro-
vinz Kcnncqau, an der Sambre, 2 km südöstlich von
Charleroi, hat (1890) 11187 E., Kochofen, Kohlen-
gruben, Steinbrüche, Eisen- und Zicgclindnstrie.
Marcion, Gnostiker, der Stifter'der Marcio-
nlten, einer gnosüschen Partei ls. Gnosis) von vor-
herrschend ascetisch-praktischer Richtung llnd kirchcn-
reformierender Tendenz, war der Sohn eines Bi-
schofs von Sinope in Pontus. Wegen seiner häre-
tischen Ansichten von seinem Vater exkommuniziert,
ging er um 14l) nach Rom, schloß sich hier an den
syr. Gnostiker Ccrdon an und starb um 170. M.
nahm zwei Principien an: den höchsten guten
Gott und den gerechten Weltschöpfer (Denuurg),
der aus der Materie (Hyle) die Welt geschaffen habe.
Unter der Herrschaft des Demiurgcn stand die vor-
christl. Zeit. Das jüd. Volk wählte er sich zunr Eigen-
tum aus, gab ihm das Gesetz, strafte aber die
Menschen nach seiner strengen Gerechtigkeit mit
Verdammung. Da erbarmte sich der höchste gute
Gott der Menschheit und sandte seinen Sohn Christus
auf die Erde, um die Juden und Heiden zu erretten
und zu erlösen. Mit einem Scheinkörper angethan,
trat Christus plötzlich in Kapernaum auf, verkün-
digte zuerst den bis dahinvöllig unbekannten höchsten
guten Gott, fand aber Widerstand bei dem De-
miurgcn. Derselbe veranlaßte die Kreuzigung Jesu,
die jedoch, ebenso wie dessen Tod und Auferstehung,
nur Schein war. (S. Doketismus.) Als Bedingung
der Seligkeit bezeicbnet M. im Anschluß an Paulus
den Glauben an Christus, woraus die freie Liebe
zum Guten hervorgehe; doch forderte er zur christl.
Vollkommenheit ein streng ascetischcs Leben mit
Fasten und Entbaltung von der Ehe. Seine An-
hänger teilten sich in Gläubige und Katechnmenen.
Nach seinen Ansichten vom Judentum muhte er not-
wendig das Alte Testament verwerfen. Bei M.
findet sich die frübeste Spur einer Sammlung neu-
testamentlicher Schriften (das Apostolikon, s. d. und
Bibel, Bd. 2, S. 956 ^). Seine Anhänger verbreiteten
sich in Ägypten, Palästina u. s. w. und bestanden als
kirchlich geordnete Partei unter vielen Spaltungen
trotz strenger Gesetze bis ins 6. Jahrh., verschmolzen
aber dann mit den Manichäern (s. d.). - Vgl. Volct-
mar, Das Evangelium M.s (Lpz. 1852); Meyboom,
N. Oii äs NarcionwtLn (Leid. 1888).
Marcius, Gnäus, s. Coriolanus.
Maercker, Marimilian,Agrikulturchcmiker, geb.
25. Okt. 1842 zu Calbe a. S., studierte Cbemie in
Greifswald und Tübingen, wurde 18l!0 Assistent
an der landwirtschaftlichen Versuchsstation Braun-
schweig, 1867 an der Versuchsstation Wccnde-Göt-
tingen, 1871 Vorstcber der agrikulturcbem. Ver-
suchsstation der Provinz Sachsen zu Halle a. S.,
1872 aufterord. Professor an der dortigen Univer-
sität und 1891 ord. Professor. M. führte zahlreiche
Untersuchungen über die Düngung fast sämtlicher
Kulturpflanzen aus; auch war er auf dem Gebiete
der Gärungsgcwerbe thätig und organisierte die
Versuchsthätigkeit der praktischen Landwirte auf
dem Gebiete der Tüngungs- und Füttcrnngslehre.
Sein Hauptwerk ist: "Handbuch der Epiritusfabri-
tation" (6. Aufl., Verl. 1894); ferner schrieb er: "Die
Kalisalze" (ebd. 1880), "Wesen und Verwertung der
Diffusionsrückstände der Zuckerfabriken" (mit Mor-
gen, ebd. 1891), "Das Flußsäurevcrfabren in der
Spiritusfabrikation" (ebd. 1891), "Fütterung und
Schlachtergebnis" (mit Morgen, ebd. 1893), "Die
Kalidüngung in ibrcm Wert für die Erhöhung und
> Vcrbilligung der landwirtschaftlichen Produktion"
^ (2. Aufl., ebd. 1894). ^mcr.
Marc-Monnier, franz. Schriftsteller, s. Mon-
Ik2.ro<>, s. Mark (Gewicht).
Marcobrunnen, Martobrunnen, eigentlich
Markbrunnen, ein Brunnen im Rbeingaukreis
des preuß.Reg.-Bez. Wiesbaden, mit einer in Stein
gehauenen Überschrift, an der Grenze der Gemar-
kungen von Erbach und Hattenhcim. Im anliegen-
den Weingebicte, das schon in einer Urkunde von
' 1104 erwähnt und jetzt von der Eisenbahn durch-
, schnitten wird, wäcbst der Markobrunner, einer
^ der geschätztesten, besonders im Alter bochedeln
Rheinweine ersten Ranges.
Marco Polo, der bedeutendste Reisende im
Mittclalter, der Sobn des Venetianers Nicolo
Polo, geb. 1254. Sein Vater batte in der Beglei-
! tnng seines Bruders Maffco eine Reise zum Groß-
chan der Mongolen, Chubilai (Mlblai), gemacht,
war dort wohlwollend empfangen, viele Jahre ge-
blieben und 1269 nach Italien zurückgekehrt, um
dem Wunsche des Cbans gemäß den Papst um Zu-
sendung einiger christl. Missionare zu bitten. 1271
gingen sie in Begleitung zweier Dominikaner und
des jungen M. P. zum zweitenmal nach Asien, die
Geistlichen blieben aber sckon in Armenien zurück.
Die Polo zogen über Bagdad zum Persischen Meere,
von Ormus aus quer durch Iran zum obern Orus
und über das Hockland Pamir am Lob-nor vorbei
nack China (Kathai) zur "^tadt des Cban" (Kaan-
bali), das als Cambaln lange mit den Vorstellungen
größter Fürstenpracht verbunden wurde. Der junge
M. P. gewann die Gunst des Großckans in bohem
Grade, machte in dessen Angelegenheiten Reisen im
Chinesischen Reiche und wurde sogar Stattbalter
der Provinz Kiang-nan. Ungern entließ ihn der
Chan nebst seinem Vater und Obcim, als die Sehn-
sucht sie endlich nach dem Vaterlandc zurückzog.
Sie fuhren (1295) im Gefolge einer Prinzessin des
kaiscrl. Hauses, die sich mit Ärgun-Cban, dem Groß-
neffen Chubilais, in Pcrsien vermählen sollte, zu
Schiff durch das Eüdchinesische Meer. besuchten die
Sunda-Inseln und Vorderindien und landeten in
Ormus. Von hier kehrten die Reisenden über Persicn,
Armenien und Trapezunt nach Venedig zurück, wo
sie 1295 anlangten. (S. Karten zur Geschickte
der Geographie II, beim Artikel Geographie.)
M. P.s fernere Schicksale sind, 250 Jahre später,
von Ramusio aus Erzählungen und Sagen anderer
zusammengestellt worden. 1298 geriet M. P. in
dein Sectreffen bei Curzola in die Gefangenschaft
der Genuesen, von denen er mit großer Auszeich-
nung bebandelt wurde. Wäbrend dieser Gefangen-
schaft diktierte er dem gelehrten Rusticiano de Pisa
seinen Reisebericht, und zwar in franz. Sprache.
Nach 1299 zurückerlangtcr Freibeit wurde er Mit-
glied des Großen Rats in seiner Vaterstadt Venedig
und starb daselbst 1323, sieben Jahre nach dem
Tode seines Vaters Nicolo.
Sein Reisebericht ist von böchster Wichtigkeit, denn
M. P. war der erste Reisende, der ganz Asien der
Länge nach durchzog und die einzelnen Länder be-
schrieb. Sein Blick reichte von Japan bis Mada-
gaskar, von Sibirien bis Sumatra. Er schilderte
zuerst Hockasien und das von Menschen wimmelnde
Cbina und crwäbnt den Gebrauch dcr Steinkohlen
und des Papiergeldes. Er gad überhaupt eineMenge
von Nachrichten über die ctbnogr. und polit. Ver-
bältnisfe in der Zeit, wo das von Dscbingis-Chan