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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Mythus und Mythologie

aus der Verschiedenheit der Kräfte ergiebt sich das Verhältnis der Neben- und Unterordnung der göttlichen Personen zu einander.

Die auf Naturwahrnehmung gestützten physischen Mythen haben also bei jedem göttlichen Wesen einen festen Hauptcharakterzug und ein bestimmtes Verhältnis sowohl zu andern Göttern wie zum Menschen ausgeprägt. Es wird nun auf Grund der ursprünglichen Gestaltung fortgebaut und der Charakter jedes Gottes nach Analogie des ursprünglichen Typus und unter Mitwirkung des Verhältnisses, in welchem er zu andern göttliches Wesen steht, ausgeführt. Die Folge ist, daß auch die Beziehung des so vollendeten, göttlichen Wesens zum Thun und Treiben des Menschen sich vermannigfacht und daß, je fester sich infolgedessen das religiöse Verhältnis setzt, um so mehr die ursprüngliche physische Gestaltung des göttlichen Wesens in den Hintergrund, die ethische dagegen in den Vordergrund tritt. Da jedoch auch auf dieser Stufe noch die den Mythus bildende Menschheit selbst nur nach Naturtrieben, nicht nach einem sittlichen Gesetz handelt, so kann sich dieses auch noch nicht bei der Schilderung der Götter und ihrer Handlungen zeigen. Aus dieser Zeit stammen die vielen, später unsittlich erscheinenden Züge der Göttersage, welche bei dem Fortschreiten des sittlichen Bewußtseins wohl hier und da abgeschwächt, nicht aber ganz getilgt worden sind. Das ist die Entwicklungsstufe, auf welcher die griech. Götter in der griech. Poesie und Kunst stehen: sie sind ethische, potenziert menschliche Wesen, denen aber auch alle menschlichen Schwächen anhaften. (S. Griechische Mythologie.) Auf gleicher Stufe stehen auch die nordgerman. Gottheiten.

Als letzte Phase dieser fortarbeitenden mythischen Thätigkeit ist die vollendete Vermenschlichung ursprünglich göttlicher Wesen zu bezeichnen. Diese ist nur dann möglich, wenn die Naturbedeutung gegen die ethische Entwicklung zurückgetreten ist, und sie erfolgt wohl am häufigsten durch die Berührung der verschiedenen Stämme, welche Gottheiten gleicher Geltung haben. Da, wo sich nicht beide miteinander völlig und unter einem Namen verbinden können, tritt die eine Gottheit in ein abhängiges Verhältnis zu der andern, oder sie wird gänzlich von ihr verdrängt. Letzteres ist namentlich bei feindlichem Zusammenstoß verschiedener Stämme anzunehmen. Die vermenschlichte Gottheit erhält dann eine neue menschliche Genealogie, in der sich ihr gegenüber die letzte Thätigkeit des Mythus offenbart, tritt aber dann aus dem Gebiete des Mythus in das der Sage (s. d.) über, welche auf ihre Weise an das vom Mythus Überkommene anknüpft und daran fortspinnt. Eine andere Reihe mythischer Gestalten entwickelt sich aus der Vorstellung, daß die Seelen der Verstorbenen in verschiedenen Formen fortleben und in mancherlei Gegenständen oder Wesen wirksam seien (s. Ahnenverehrung und Fetischismus).

Die Aufgabe der wissenschaftlichen Mythologie ist die Sammlung, Deutung und Geschichte der Mythen. Schon im Altertum haben viele Philologen und Philosophen Sammlungen oder Deutungen der Mythen unternommen. (S. Mythographen.) Die moderne wissenschaftliche Mythologie beginnt nach schwachen ältern Versuchen (Boccaccio, Lil. Gyraldus, Natalis Comes, Is.^[Isaac] Vossius, Banier) mit Heyne, Creuzer, Voß und O. Müller. Es sind die verschiedensten Principien der Mythendeutung aufgestellt, je nachdem man dem Mythus einen physischen, oder einen ethischen, oder einen pragmatisch-histor. Inhalt zuschrieb; je nachdem man ihn ferner aus dem Volksglauben oder aus uralter Priesterweisheit und Spekulation ableitete, und je nachdem man seine Quelle in Griechenland selbst oder im Orient suchte. Die Mythenforschung muß zuerst den umgekehrten Weg gehen, den die Mythenbildung gegangen ist: sie muß das allmählich Vereinigte auflösen, nicht sowohl um zu dem einen und letzten Kern des Mythus, der ursprünglichen Anschauung zu gelangen, als vielmehr, um die verschiedenen Phasen nachzuweisen, welche ein göttliches Wesen durchgemacht hat, und so den Stoff zu einer Geschichte der Mythen und des religiösen Glaubens zu liefern, welche die einzelnen Mythen und ihre Gesamtheit dann wieder von ihrer Entstehung bis zu ihrer Auflösung verfolgt, also Sammlung und Deutung der Mythen vereinigt. Dabei wäre es aber falsch, einen Sagenzug bloß deshalb für jung zu erklären, weil er nur in spätern Quellen überliefert ist, denn abgesehen davon, daß so viele ältere Schriftsteller verloren gegangen sind, aus denen derselbe entlehnt sein kann, sind sicherlich auch manche uralte in Lokalsagen erhaltene Mythen erst spät in die litterar. Tradition übergegangen.

Ähnlich wie bei der Philologie verstand man früher unter Mythologie ausschließlich oder in der Hauptsache die klassische Mythologie, d. h. die Mythologie der Griechen und der Römer, wie diese nach Aufnahme der griechischen und Verschmelzung mit einheimischen Elementen in röm. Litteratur und Kunst uns entgegentritt. Der Griechischen Mythologie (s. d.) ist die der verwandten indogerman. Völker (s. Indogermanen) zur Seite getreten, namentlich der Inder, Slawen (s. Slawische Mythologie), Kelten und Germanen (s. Deutsche Mythologie und Nordische Mythologie), und ebenso ist man an die Erforschung der einheimischen Mythologie und Religion der italischen Völkerschaften gegangen (s. Römische Religion). Die ursprünglich allen diesen Völkern gemeinsamen religiösen Vorstellungen und Mythen untersucht dann die Schwester der vergleichenden Sprachforschung: die vergleichende Mythologie. Als die bedeutendsten Vertreter dieser Wissenschaft sind Adalbert Kuhn, Max Müller, Wilhelm Mannhardt und E. H. Meyer zu nennen. Versuche einer Darstellung der gesamten vergleichenden Mythologie der indogerman. Völker machten Cox ("The mythology of the Aryan nations", 2 Bde., Lond. 1870; neue Aufl. 1882) und Schrader ("Die Grundzüge des altarischen Götterglaubens", 1880, und "Sprachvergleichung und Urgeschichte", Jena 1883). Dasselbe versuchte vom religionsphilos. Standpunkt aus Asmus ("Die indogerman. Religion in den Hauptpunkten ihrer Entwicklung", 2 Bde., Halle 1875-77); Lippert ("Die Religionen der europ. Kulturvölker", Berl. 1881) behandelt im besondern den Seelenkult. Doch hat neuere Forschung ergeben, daß keine von den Parallelen, aus denen man einen indogerman. Götterglauben erschlossen hatte, haltbar ist. - Vgl. O. Gruppe, Die griech. Kulte und Mythen in ihren Beziehungen zu den orient. Religionen, Bd. 1 (Lpz. 1887), worin neben der im Titel genannten Untersuchung eine scharfe Kritik aller bisherigen Methoden der Mythendeutung gegeben wird.

Endlich aber hat die Forschung noch weitere, endlose Gebiete betreten. Wenn die Völker indogerman. Stammes auch auf dem Gebiete der My-^[folgende Seite]