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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Nervenelektricität; Nervenentzündung

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Nervenelektricität - Nervenentzündung

salis vereinzelt ausgeführt worden sind, hat man als schädlich aufgegeben.

Nervenelektricität, die elektrischen Erscheinungen, welche an den Nerven beobachtet werden. Schneidet man aus dem Tierkörper einen Nerv aus und legt an ihn zwei künstliche Querschnitte an, so tritt, wenn gewisse Punkte des Nervenlängs- und -Querschnitts durch Elektroden (s. Elektrolyse) mit einem Galvanometer verbunden werden, eine der Stärke des elektrischen Stroms entsprechende Ablenkung ein; diese Eigenschaft gehört ebenso wie die Fähigkeit, durch Reize in den Zustand der Thätigkeit übergeführt zu werden, nur dem lebenden Nerven an. Leitet man ferner einen konstanten Strom durch einen Nerv, so wird der Nervenstrom verändert: man bezeichnet diesen Zustand als Elektrotonus. Es tritt, je nachdem der konstante (polarisierende) Strom dem Eigenstrome des Nerven gleich oder entgegengesetzt gerichtet ist, eine Zu- oder Abnahme des ursprünglichen Stroms ein. Zugleich wird aber auch durch das Hindurchleiten eines galvanischen Stroms die Nervenerregbarkeit verändert, indem am positiven Pole eine Herabsetzung, am negativen eine Erhöhung eintritt (Anelektrotonus und Katelektrotonus). Die Kenntnis der Gesetze über die elektrischen Eigenschaften der Nerven ist für die sachkundige Anwendung der elektrischen Ströme bei den einzelnen Nervenkrankheiten von großer Bedeutung. - Vgl. Du Bois-Reymond, Untersuchungen über tierische Elektricität (2 Bde., Berl. 1848-84); ders., Gesammelte Abhandlungen zur allgemeinen Muskel- und Nervenphysik (2 Bde., Lpz. 1875-77).

Nervenentzündung (Neuritis) befällt als selbständige Erkrankung fast ausnahmslos mehrere Nerven zu gleicher Zeit; man bezeichnet sie demgemäß gegenüber der seltenen umschriebenen Form (Neuritis circumscripta), welche sich dann entwickelt, wenn lokalisierte Knochen- oder Muskelentzündungen (eiterige) auf einem anliegenden Nerven fortkriechen, als Neuritis multiplex oder Polyneuritis. Anatomisch handelt es sich um eine mit Rötung und Schwellung des Nervenstammes einhergehende Entzündung, welche im Beginn bald auf die Nervenfasern, bald auf das sie umgebende Bindegewebe beschränkt ist, schließlich aber zu einem mehr oder weniger ausgedehnten Zerfall der Nervenfasern führt. Die feinern Gewebsveränderungen, welche dabei beobachtet werden, sind folgende: die Markscheide quillt zunächst auf, das Mark gerinnt und ballt sich zu größern oder kleinern Tropfen und Klumpen zusammen, um dann zu einer feinkörnigen Masse zu zerfallen, welche durch die Lymphbahnen aufgenommen und fortgeschwemmt werden. Mit der Erkrankung des Nervenmarkes treten auch Veränderungen im Achsencylinder ein, welche gleichfalls unter Aufquellung zum vollständigen Zerfall führen können. Auf diese zerstörenden Vorgänge folgen Wucherungserscheinungen der bindegewebigen Hülle (Schwannsche Scheide); die Neubildung der zerfallenen Nervenfasern erfolgt von dem centralen Ende aus in der Weise, daß der centrale Stumpf des Achsencylinders in die peripherischen Bahnen hineinwächst und sich allmählich wieder mit Nervenmark umkleidet; die Zeitdauer, welche z. B. die Extremitätennerven bei erheblicher Zerstörung zu ihrer Wiederherstellung gebrauchen, ist oft eine sehr lange (Monate bis Jahre), ist aber leicht verständlich, wenn man bedenkt, daß Nervenstrecken von 1/2 bis 1 m Länge sich wieder aufbauen müssen. Die Ursachen der Polyneuritis sind sehr mannigfache; man unterscheidet mit Rücksicht auf die Ätiologie zweckmäßig primäre und sekundäre Formen. Die erstern sind selten und entstehen entweder anscheinend von selbst oder im Anschluß an Schädlichkeiten, von deren Wirkungsweise man noch keine sichere Vorstellung hat. Die letztern sind die häufigern und treten nach Vergiftungen mit Arsenik, Blei, Alkohol, Tabak, ferner im Gefolge von Diabetes und Gicht, und im Verlaufe der verschiedensten akuten und chronischen Infektionskrankheiten wie Diphtherie, Typhus, Variola, Pneumonie, Pleuritis, Pyämie, Tuberkulose, Syphilis u. s. w. auf. Der Verlauf der Erkrankung ist bald akut, bald chronisch.

Die durch den entzündlichen Prozeß hervorgerufenen Erscheinungen bestehen in motorischen, sensiblen und vasomotorischen und trophischen Störungen (s. Nerven); die von den erkrankten Nerven versorgten Muskeln werden schwach und schließlich gelähmt, oder sie verlieren die Fähigkeit, durch geeignetes Zusammenwirken geordnete Bewegungen auszuführen (Inkoordination); gelegentlich werden auch motorische Reizerscheinungen: Zuckungen (unwillkürliche) beobachtet. Fast ausnahmslos machen sich im Beginn auch Störungen der Empfindungsnerven geltend; bei leichten Erkrankungen scheinen sie häufig die einzigen Veränderungen darzustellen; Schmerzen in wechselnder Stärke von bohrendem, reißendem, stechendem Charakter, Parästhesien und vollständige Gefühlslähmungen werden beobachtet. Ferner stellen sich in den von den erkrankten Nerven versorgten Organen Ernährungsstörungen ein, die Muskeln schwinden, die Haut wird trocken, schwillt an (Ödem) oder schwindet und wird spröde (Atrophie), die Nägel werden rissig, sonderbar gekrümmt, fallen gelegentlich aus u. s. w. Der Ausgang der Polyneuritis richtet sich nach der Schwere der Erkrankung und nach der Lokalisation der Entzündung; sind lebenswichtige Nervenbahnen, wie z. B. der Herznerven, der Atemnerven (nervus vagus und phrenicus) befallen, so kann rasch und plötzlich der Tod eintreten. Da diese Nerven jedoch nur relativ selten ergriffen werden, so ist der Verlauf meist ein günstigerer; selbst in Fällen ausgebreiteter und schwerer Lähmung mit bedrohlichem, allgemeinem Kräfteverfall pflegt bei geeigneter Behandlung fast vollständige Heilung einzutreten; nur der Ausfall der Sehnenreflexe scheint meist dauernd zu werden. Die richtige Erkennung der Polyneuritis ist für die Behandlung sowohl wie die Beurteilung des Falles von großer Bedeutung, hat aber oft nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten. In erster Linie hat die Behandlung auf die Ursache der Krankheit Bezug zu nehmen; ist die ursächliche Schädlichkeit beseitigt, so gilt es, ihre zerstörende Wirkung auf die Nervenfasern wieder auszugleichen. Kräftigendes diätetisches Verfahren (nahrhafte, leicht verdauliche gemischte Kost, stärkende Arzneimittel wie Chinin, Eisen, Arsen u. s. w.), größte Schonung (Bettruhe) im Beginn und auf der Höhe der Krankheit mit entsprechender Beachtung der Gelenkstellungen (zur Vermeidung von Gelenkdeformierungen) kommen hier in Frage. Von besonderer Heilkraft ist die Anwendung des galvanischen (event. auch, in der vorgeschrittenen Rekonvalescenz, des faradischen) Stroms und der Massage und der Gebrauch von warmen Bädern. Zur Nachbehandlung sind Kuren in Nauheim, Oeynhausen, Baden-Baden u. s. w. zu