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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Ora pro nobis - Orawitza
Ora. pro uodis (lat.), "bitte für uns", in der
kath. Kirche Gebetsformel beim Anrufen der Heiligen.
Oratio (lat.), Rede; 0. pi-o clomo (neuere Les-
art "66 äoiuo 8ulr", Titel einer Rede Ciceros), Rede
fürs (eigene) Haus, im weitern Sinne: für das
eigene Interesse; 0. äominica, Gebet des Herrn,
Vaterunser; 0. äii-seta, direkte Rede; O. odliqua
(iuäireota), indirekte Rede (s. Direkte Rede).
Oratorianer, Oratoristen, Priester vom
Oratorium, Name einer geistlichen Genossen-
schaft, die in einen ital. und einen franz. Zweig
zerfällt. Der italienische Zweig wurde begrün-
det von Filippo Neri (s. d.), erhielt aber erst nach
dessen Tode durch Varonius schriftliche Statuten,
die 1612 von Paul V. bestätigt wurden. Diese
O. bilden keinen Orden, sondern eine Genossenschaft
von Weltgeistlichen ohne Gelübde und ohne einheit-
liche Leitung durch einen General. Sie haben nur
in Italien Verbreitung gefunden, wo sie auch ?i1ip-
pini (Philippiner) genannt werden. Die fran-
zösischen O., Priester vom Oratorium Jesu,
wurden von dem Priester Peter de Berulle (geb.
1575, 1627 Kardinal, gest. 1629) 1611 zu Paris
gegründet, 1613 von Paul V. bestätigt. Sie stehen
unter einem Generalsuperior und leiteten früher
viele Lehranstalten und Seminare. Unter ihren
Mitgliedern waren bedeutende Gelehrte, I. Morin,
Richard Simon, Thomassin, Malebranche, Mas-
sillon u. a., im 19. Jahrh. A. Gratry. Nach dem
Vorbilde der italienischen O. sind seit 1847 durch
die Konvertiten I. H. Newman (s.d.), F. W. Faber
u. a. auch in England mehrere Oratorien gegründet
worden. - Vgl. Herbst, Litterar.Leistungen der fran-
zösischen O. (in der "Theol. Quartalschrift", Tüb.
1835); Villarosa, Nkmoris äsM scrittori I^ilip-
pini (Neap. 1837); Ingold, ^88ai ä6 didliogr^pliie
Or^wrißQns (Par. 1882); Lallemand, I^kiLtoire
ä6 I'eäucation äan8 I'aneisn Oi'Ätoii'6 (ebd. 1888).
Oratörisch (lat.), rednerisch.
Oratoristen, s. Oratorianer.
Oratorlum (lat.), Vethaus, in der Kirchen-
sprache jeder zum Beten bestimmte, gottesdienstlich
eingerichtete Raum außerhalb der eigentlichen Kir-
chen oder an denselben, wie Kapellen, Vetsäle u. dgl.
Messe darf darin nur mit Genehmigung des Bischofs
gehalten werden. (S. Kapelle.)
In der Musik bezeichnet O. ursprünglich das
geistliche Musikdrama, das sich aus den in den Ver-
sammlungen der von Filippo Neri (s. d. und Orato-
rianer) begründeten ^onFre^axionk äoli'Oratorio
aufgeführten "I^uä68 8piriwa1<38" (ital. I^uäi 8pi-
i-iwaii), geistlichen Gesängen, entwickelte. Das O.
entstand zur selben Zeit und in denselben Kreisen
wie die Oper. Es bildete deren christl. Gegenstück
und war der praktische Protest der Kirche gegen die
mytholog. Richtung des neuen Musikdramas, von
dem sie einen Rückfall ins Heidentum fürchtete. In
den musikalischen Formen entwickelte sich Oper und
O. fast ein Jahrhundert lang vollständig gleichmäßig
und noch viel länger wurden die O. wirklich scenisch
aufgeführt oder doch im Hinblick auf die Aufführung
auf der Bühne entworfen. Der grundsätzliche Unter-
schied lag im Terte. Die O. wählten anfangs ihre
Stoffe aus der christl. Allegorie und Legende und
schlössen sich darin an die Mysterien des Mittel-
alters an, mit denen sie zum Teil auch die Gattungs-
bezeichnung teilten. So war das älteste O. (von
Emilio del Cavaliere) betitelt: "Rappi-L^ntaxionk
äi aniiull. s äi coi-po", d. i. das Spiel vom Leib
und von der Seele (1600). Gegen das 18. Jahrh,
(möglicherweise wirkten hierfür die biblischen Can-
taten Carissimis anregend) suchte das O. seine
Stoffe aus der Bibel, fast ausschließlich aus dem
Alten Testament, und uahm den Titel a^ions 8acra
an. Es trennte sich hierbei auch äußerlich dadurch
von der Oper, daß die Handlung in zwei Teilen ent-
wickelt wurde, während die Oper regelmäßig drei
Akte hatte. In der musikalischen Komposition unter-
schied sich von derselben Zeit ab das O. dadurch
von der Oper, daß es Chöre brachte, in der Regel
zwei, auf die die weltliche Oper so gut wie ganz ver-
zichtete. Eine wesentliche auf Würde der Handlung
und des Stils gerichtete Reform erfuhr die Orato-
riendichtung durch A. Zeno und P. Metastasio.
Ihre "K2ion6 8aer6" dienten allen Musikern zur
Unterlage, die in der Italienischen Schule im Laufe
des 18. Jahrh, und später O. komponierten. Diese
Werke enthalten Musterleistungen im Ausdruck
frommer und erhabener Stimmungen und Situa-
tionen durch die Mittel des Sologesangs. AlA
Hauptmeister sind zu nennen L. Leo und A. Hasse.
Dieses alte italienische O. hatte einen festen Boden
in der Knltur seiner Zeit. Es bildete an den Tagen,
an denen weltliche Theatervorstellungen verboten
waren, den natürlichen Ersatz und war mit dem
geistigen Leben des christl. Volks durch viele nicht
bloß künstlerische oder gar ausschließlich musikalische
Fäden verknüpft.
Diesen kirchlichen Grundboden hat das O. in un-
serm Jahrhundert mehr und mehr, in der Gegen-
wart fast vollständig verloren. Den ersten Anstoß
hierzu gab Händel mit seinen an sich großartigen
O. Sie verpflanzten zum erstenmal nachhaltiger
das O. in die prot. Welt und in den Bereich der
freien Kunst. Händel führte mit ihnen einen dop-
pelten Schlag zugleich gegen das alte katholische O.
und gegen die alte ital. Oper, deren mytholog. Tand
überlebt und schal geworden war. An seine Stelle
setzte er dem Volke eine gesunde und von Kindheit
an vertraute Poesie vor: bedeutende Vorgänge aus
der Geschichte des Volks Israels, und bot sie ihm
in der dreiaktigen Form, die es aus dem ital. Musik-
drama gewohnt war. Zugleich schritt er über die
Einseitigkeit des bisherigen Musikdrama^ weg und
setzte den Chor wieder in seine alten Rechte ein und
schuf mit diesen Mitteln und mit der Krast seines
hohen und einzigen Geistes Kunstwerke, die bis heute
unerreicht geblieben sind. Das beste, was das mo-
derne O. aufweisen kann (Mendelssohn), ist auf das
Muster Handels zurückzuführen. Die neuere Zeit ist
der Gattung im ganzen nicht günstig gesinnt. Das
O. hat nacheinander alle seine wesentlichen Grund-
züge, den dramatischen, den kirchlichen, den biblischen,
aufgegeben, ohne Ersatz zu finden. Dem weltlichen
O., das, auf Vorlagen Handels fußend, R. Schu-
mann einführte und das in M. Bruch seinen Haupt-
vertreter besitzt, steht kaum eine andere ins Weite
wirkende Legitimation zur Verfügung als der Be-
darf der Chorvereine an Werken, die einen Konzert-
abend füllen. So ist der Begriff des O. heute ganz,
unbestimmt und unklar geworden. Man versteht
darunter ein ausgedehntes Chorwerk. - Vgl.
Böhme, Geschichte des O. (2. Aufl., Gütersloh 1887);
Kretzschmar, Führer durch den Konzertsaal, Bd. 2,
Abteil. 2 (Lpz. 1890).
Oraviczabänya (spr. -witzabahnja), ungar.
Name von Deutsch-Orawitza (s. d.).
Orawitza, ungar. Stadt, s. Deutsch-Orawitza.