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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Orléans (Fürstengeschlecht)
entsandte die deutsche Oberleitung 6. Okt. 1870 das
1. bayr. Korps, die 22. Infanterie- und die 2. und
4. Kavalleriedivision unter General von der Tann
gegen Chartres und O. Am 10. Okt. stießen die in
verschiedenen Kolonnen vorgehenden Deutschen bei
Artenay-Ormes-Laon auf die Nachhut des unter
General La Motterouge stehenden 15. Korps, das
bereits den Rückzug über die Loire angetreten hatte,
und warfen den Feind gegen O. zurück. Hart wurde
am 11. im Norden der Stadt (Vorstadt St. Jean)
qekämpft und diese am Abend genommen. Die
Franzosen verloren allein 1800 Mann an Gefange-
nen. Die schnell wachsende gegnerische Streitmacht
veranlaßte von der Tann 9. Nov. O. zu räumen;
gleichzeitig erlitt er eine Schlappe bei Coulmiers
(s. d.); doch versäumten die Franzosen die Fort-
setzung ihrer begonnenen Offensive gegen Paris.
Diese Versäumnis gestattete es dem in Eilmärschen
mit dem 3., 9. und 10. deutschen Korps herannahen-
den Prinzen Friedrich Karl, vereint mit der inzwischen
formierten Armeeabteilung des Großherzogs von
Mecklenburg, konzentrisch gegen O. vorzugehen und
die Loire-Armee in mehrern gewaltigen Schlägen,
bei Beaune-la-Rolande (s. d., 28. Nov.) und bei
Loigny ff. d., 2. Dez.), zu erschüttern, zu teilen und
O. wiederzunehmen. Am 3. Dez. begann der ge-
meinsame konzentrische Vormarsch von Norden her
gegen O. Das 3. Korps drang (gegen das 15. sranz.
Korps) durch den Wald von O. bis Loury vor, die
22. und 17. Division erreichten Chevilly; die Bayern
mit der 4. Kavalleriedivision gewannen Patay, das
10. Korps besetzte Neuville-aux-bois, das 9. Korps
ging in hartnäckigem Gefecht auf der Straße von
Artenay vor. Alle diese Bewegungen endeten mit
dem Rückzüge der Franzosen. Am 4. Dez. wurde
die verstärkte Stellung von Cercottes-Gidy vom
9. Korps und der 17. Division genommen, zu
gleicher Zeit die östl. Eingänge von O. durch das
3. Korps, die südwestlichen von den Bayern und
der 17. Division. Darauf wurde die Stadt über-
geben, den franz. Truppen freier Abzug gewährt
und O. um Mitternacht von den Truppen des Groh-
herzogs besetzt. Am 5. Dez. wurde sofort eine Vor-
hut auf das linke Loire-Ufer vorgeschoben und zur
Verfolgung des Feindes Kavallerie auf die Straßen
nach Tours, Vierzon und Gien entsendet. Gegen
18000 franz. Gefangene und 74 Geschütze fielen den
Deutschen in die Hände. Friedrich Karl hielt 5. Dez.
seinen Einzug in O., das bis zur Beendigung des
Krieges der Stützpunkt gegen die franz. Loire-Armee
blieb. - Vgl. Bimbenet, llistoire äo 1a vilw ä'O.
(3 Bde., Orleans 1884-87); von der Goltz, Feld-
zug von 1870 und 1871. Die Operationen der Zwei-
ten deutschen Armee an der Loire (Berl. 1874);
Kunz, Die Schlacht von O. am 3. und 4. Dez. 1870
(ebd. 1894).
OVlöans (spr. -äng), Fürstengeschlecht. Die
Stadt O. war früher mit ihrem Gebiet ein Lehn der
Krone Frankreich, das unter den Valois und Vour-
bons mehrern Seitenzweigen des königl. Hauses
unter dem Titel eines Herzogtums verliehen wurde.
Philipp, geb. 1336, der vierte Sohn König Phi-
lipps VI. aus dem Hause Valois und Bruder König
Johanns, erhielt 0.1343, starb jedoch 1375 ohne
legitime Erben, worauf das Herzogtum an die Krone
heimfiel. - König Karl VI. gab es 1391 seinem
Bruder Louis, Grafen von Valois, geb. 1372.
Derselbe riß, als der König in Wahnsinn verfiel,
im Verein mit der Königin Isabeau die Regent-
schaft an sich, fand aber an dem Herzog Philipp
dem Kühnen von Burgund und dessen Sohn Jo-
hann dem Unerschrockenen gefährliche Nebenbuhler.
Die Gegnerschaft stieg so weit, daß Johann ihn
23. Nov. 1407 in Paris niederhauen ließ. Dieser
Mord führte den wütenden Parteikampf der Ar-
magnacs und Bourguignons herbei, der Frankreich
zuletzt den Waffen Heinrichs V. von England preis-
gab. (S. Frankreich, Geschichte.) Herzog Louis von
O. hinterließ außer einem legitimen Nachkommen
<s. unten) einen natürlichen Sohn, den Grafen
Dunois (s. d.), den sog. Bastard von O.
Charles, Graf von Angouleme, geb. 26. Mai
1391 zu Paris als der Sohn und Erbe des vorigen
Herzogs von O., galt als das Haupt der gegen Bur-
gund und England gerichteten Partei, siel aber schwer
verwundet in der Schlacht von Azincourt 1415 in die
Hände der Engländer und erhielt erst 1439 seine
Freiheit. Nach seiner Heimkehr zog er sich auf sein
Schloß zu Blois zurück; von dem Widerstände des
Hochadels gegen Karl VII. hielt er sich nicht ganz
fern. Er starb 4. Jan. 1465. Es sind von ihm
über 100 Chansons, Balladen, 400 Nondeaur u. a.
erhalten. Er hat auch in lat. und engl. Sprache
gedichtet. Seine Sprache ist anmutig und klar; durch
seine Gedichte geht oft ein moderner Empfindung
nahe stehender Zug. Seine Werke erschienen als
"?068i68 com^6t68 ä6 01iari68 ä'O." (hg. von C.
d'Hencault, 2 Bde., Par. 1874). - Vgl/Veaufils,
^tuä6 8ur lg. V16 6t 168 P068163 cls ()1iai'i68 ä'0.
(Coutances 1861); W. König, Zur franz. Litteratur-
geschichte (Halle 1877); Bullrich, über Charles
d'O. und die ihm zugeschriebene engl. Übersetzung
seiner Gedichte (Programm, Verl. 1893). Aus sei-
ner dritten Ehe mit Maria von Cleve entsprang
sein Sohn und Erbe Louis. Dieser bestieg 1498
als Ludwig XII. (s. d.) den Thron von Frankreich,
infolgedessen das Herzogtum O. wieder an die Krone
zurücksiel.
König Franz I. verlieh das Herzogtum O. seinem
zweiten Sohne Henri, der 1547 als Heinrich II.
ls. d.) zur Krone gelangte. Dieser trat Besitz und
Titel 1536 an seinen iüngern Bruder Charles ab,
der unvermählt starb. Das Herzogtum gelangte
dann nacheinander an die jüngern Söhne König
Heinrichs II., die spätern Könige Karl IX. (s. d.)
und Heinrich III. (s. d.).
Heinrich IV. erhob ebenfalls seinen zweiten Sohn
1607 zum Herzog von O.; derselbe starb schon in
früher Jugend. Ludwig XIII. gab das Herzogtum
1626 seinem Bruder Jean Baptiste Gaston,
Herzog von Orleans (s.d., S. 645b), der 1660
ohne männliche Erben starb.
Ludwig XIV. verlieh hierauf das Herzogtum O.
seinem Bruder Philipp, früher Herzog von Anjou,
geb. 21. Sept. 1640, dessen Nachkommen das heutige
Haus O. bilden. Philipp erhielt außerdem die Her-
zogtümer Valois und Chartres, die Herrschast Mon-
targis, 1672 das Herzogtum Nemours, 1693 das
Herzogtum Montpensier. Aus diesen verschiedenen
Besitzungen stammen die Titel der Prinzen und
Prinzessinnen des Hauses; der älteste Sohn hieß
regelmäßig Herzog von Chartres. Die Er-
ziehung Philipps wurde vernachlässigt und er ent-
artete unter Ausschweifungen zum Schwächling. Er
heiratete 1661 Hcnriette Anna (s. d.) von England
und, als diese 1670 plötzlich starb, 1671 die Prin-
zessin Elisabeth Charlotte (s. d.) von der Pfalz.
Philipp starb 9. Juni 1701 zu St. Cloud.