Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

967

Paulus (Diakonus) - Paulus (von Theben)

jahr 59 seine letzte Reise nach Jerusalem antrat, um eine bei seinen Heidenchristen gesammelte Liebesgabe für die Armen der Urgemeinde persönlich zu überbringen. Aber als er den Tempel zu Jerusalem betrat, machte der Volkshaß gegen den Abtrünnigen vom Gesetz der Väter in gewaltsamer Weise sich Luft. Von den Judenchristen verlassen, fand er als Gefangener Schutz bei der röm. Obrigkeit. Da er als röm. Bürger an den Kaiser appelliert hatte, schickte man ihn nach zweijähriger Gefangenschaft in Cäsarea nach Rom, wo er im Frühjahr 62 ankam und zwei Jahre hindurch, wenn auch als Gefangener, das Evangelium verkünden durfte. Die Neronische Christenverfolgung (Juli 64) hat P. schwerlich überlebt. Daß er noch einmal freigekommen sei und abermalige Missionsreisen unter andern auch nach Spanien angetreten habe, ist eine unverbürgte Sage. Die spätere Tradition hat überhaupt die Geschichte seines Lebens sagenhaft ausgeschmückt. Es sind noch in verschiedenen Redaktionen apokryphische Akten des P. sowie des P. und Petrus erhalten. (Vgl. Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten und Apostellegenden, Bd. 2, 1. Hälfte, Braunschw. 1887.)

Unter dem Namen des P. finden sich im neutestamentlichen Kanon 14 Briefe (Paulinische Briefe), von denen, mit Ausnahme des Hebräerbriefs, alle schon in den Eingangsworten als paulinisch sich darstellen. Doch sind von diesen dreizehn nur vier, der an die Galater, der erste und zweite an die Korinther und der an die Römer, unzweifelhaft echt und nach Inhalt und Stil jedenfalls am charakteristischsten für den Apostel. Dagegen haben nach dem Vorgange von Bruno Bauer neuerdings die Niederländer Loman, Pierson, Naber, van Manen, sowie der Schweizer Theolog Steck Bedenken erhoben (s. Galaterbrief). Von den übrigen, durch die Schule F. Ch. Baurs (s. d.) sämtlich angezweifelten Briefen sind die an die Philipper, der erste an die Thessalonicher und der an Philemon wahrscheinlich echt, die Pastoralbriefe und der Epheserbrief wahrscheinlich unecht, über den Koloßerbrief und den zweiten an die Thessalonicher ist die Kritik noch nicht abgeschlossen.

Vgl. Ferd. Chr. Baur, P., der Apostel Jesu Christi (Stuttg. 1845; 2. Aufl., 2 Bde., hg. von Zeller, Lpz. 1866-67); Hausrath, Der Apostel P. (Heidelb. 1865; 2. Aufl. 1872); ders., Neutestamentliche Zeitgeschichte, Bd. 2 (2. Aufl., ebd. 1875); Lang, Religiöse Charaktere, Bd. 1 (Winterth. 1862); Holsten, Zum Evangelium des P. und des Petrus (Rostock 1868); Lipsius, Der Apostel P. (im "Jahrbuch des Deutschen Protestantenvereins", 1. Jahrg., Elberf. 1869); Renan, Saint-Paul (Par. 1869; deutsch Lpz. 1869); Lüdemann, Die Anthropologie des Apostels P. und ihre Stellung innerhalb seiner Heilslehre (Kiel 1872); Pfleiderer, Der Paulinismus (Lpz. 1873; 2. Aufl. 1890); Holsten, Das Evangelium des P. (Bd. 1, 1. Abteil., Berl. 1880); Pfleiderer, Das Urchristentum (ebd. 1887); Weizsäcker, Das apostolische Zeitalter (2. Aufl., Freiburg 1889); Jouard, Saint-Paul ses missions (Par. 1893).

Paulus Diakŏnus (so benannt von seinem geistlichen Amte), geb. um 730 in Friaul, des Warnefrid Sohn, langobard. Geschichtschreiber aus eineM edeln langobard. Geschlecht, wurde am Hofe des Königs Ratchis (744-749) zu Pavia erzogen, wo Flavianus sein Lehrer war, und scheint auch noch unter den Königen Aistulf und Desiderius am Hofe gewesen zu sein. Für des Desiderius Tochter, Adelperga, Gemahlin des Herzogs Arichis von Benevent, schrieb er (vor 781) die "Historia romana" (in Verbindung mit Eutropius von H. Droysen hg. in den "Monumenta Germaniae historica", Bd. 2, Berl. 1879), eine Kompilation aus Eutrop und andern noch bekannten Quellen, bis auf den Fall der Gotenherrschaft reichend. Das Werk wurde im Mittelalter vielfach abgeschrieben, überarbeitet und fortgesetzt. P. war als Mönch in das Kloster Monte-Cassino getreten, wurde aber 781 von Karl d. Gr. an seinen Hof gerufen und verfaßte hier in Karls Auftrag eine Homiliensammlung: "Omiliarius" (1482-1569 oft gedruckt, auch ins Deutsche und Spanische übersetzt), die viele Jahrhunderte im Gebrauch blieb. Auf Bitten des Metzer Bischofs Angilram schrieb er eine Geschichte der Bischöfe von Metz (gedruckt in den "Monumenta Germaniae historica", Bd. 2). 787 traf er wieder in Monte-Cassino ein, wo er auch bis zu seinem Tode, dessen Zeit unbekannt ist, verblieb. Hier schrieb er die 6 Bücher der "Historia Langobardorum" (bis 744 reichend, kritisch hg. von Waitz in den "Monumenta Germaniae historica"; Separatausgabe, Hannov. 1878; deutsch von O. Abel, Berl. 1849; neue Ausg. von R. Jacobi, 1888). Das Werk zeigt zwar manche Mängel, namentlich in der Chronologie, ist aber trotzdem unschätzbar, weil P. darin in waRMer Liebe für die Schicksale und die Sagen seines Volks eine Fülle der wichtigsten Thatsachen in einfacher Sprache verzeichnet. Die bedeutende Wirkung des Buches bezeugen über 100 bekannte Handschriften, 10 Fortsetzungen, über 15 Auszüge und eine ununterbrochene Benutzung durch die spätern Geschichtschreiber bis tief ins 15. Jahrh. hinein. Außerdem sind noch von P. vorhanden eine Anzahl Gedichte, Briefe und einige theol. Schriften. - Vgl. über ihn: C. L. Bethmann im "Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde", Bd. 10 (Hannov. 1851) und Waitz in der Einleitung seiner Ausgabe; ferner Dahn, Langobard. Studien, Bd. 1: P. Diakonus (Lpz. 1876); Jacobi, Die Quellen der Langobardengeschichte des P. Diakonus (Halle 1877); O. Abels Einleitung zu seiner Übersetzung.

Paulus Jovĭus, ital. Geschichtschreiber, s. Giovio.

Paulus Servīta (auch Paulus Venĕtus genannt), s. Sarpi, Paolo.

Paulus von Samosata, Monarchianer (s. d.), seit 260 Bischof von Antiochia, erregte durch seine Erneuerung der ältern Lehre, daß Jesus wesentlich Mensch, in dem der Logos als Kraft Gottes gewohnt habe, gewesen sei, den Widerspruch der orthodoxen Theologie, wurde auf drei antiochenischen Synoden als Ketzer angeklagt und endlich auf der dritten (269) exkommuniziert. Doch blieb er noch drei Jahre in seinem Bistum, beschützt von der Königin Zenobia von Palmyra, bis diese 272 vom Kaiser Aurelianus besiegt wurde, womit auch P.' Amtsentsetzung erfolgte. Einzelne Samosatener gab es noch im 4. Jahrh.

Paulus von Theben wird gewöhnlich als erster Einsiedler (s. Anachoreten) genannt. Er soll sich in der Verfolgung unter Kaiser Decius 250 in eine Felsengrotte in der untern Thebais in Ägypten geflüchtet und hier von seinem 16. bis zu seinem 113. Jahre gelebt haben, von keineM Menschen gesehen, bis infolge einer göttlichen Offenbarung der heil. Antonius (s. d.) ihn noch kurz vor seinem Tode besuchte und kennen lernte. Hieronymus hat in romanhafter Form eine Lebensbeschreibung des P.