Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

39
Pfahlbauten
einen nie zuvor beobachteten tiefen Wasserstand, und diesen Umstand wollte man benutzen, um der großen Wasserfläche ein Stück Land abzugewinnen. Als man daher Mauern und Dämme zog und den Schlamm von dem entwässerten frei gewordenen Platze entfernen wollte, stieß man auf regelmäßige Pfahlreihen und eine außerordentliche Menge von Thonscherben, Tierknochen, Gerätschaften und andern Überbleibseln menschlicher Kultur. Ferdinand Keller nahm sich der Sache mit wissenschaftlichem Eifer an, sammelte alle Fundstücke und rief das allgemeine Interesse für diese Funde wach. Bald wurden nun auch an andern Orten ähnliche P. gefunden, und jetzt sind in der Schweiz schon mehrere hundert bekannt, die fast alle ein reiches und interessantes Material geliefert haben.
Wahrscheinlich auf etwas seichtern Stellen rammte man Pfähle ein, teils ganze Stamme, teils gespaltene und gewöhnlich zwei und zwei dicht nebeneinander; auf diesen wurden querüber mittels Holzkeilen andere Stämme und Planken befestigt und darauf die kleinen Hütten errichtet. Die Pfähle sind meist nicht über 15 cm stark, ihre Länge beträgt je nach der Tiefe des Wasserstandes 3-5 m; oft wurden aber noch um sie herum ganze Lager von Steinen versenkt, um ihnen mehr Halt gegen Wellen und Wind zu geben. Der Boden der P. scheint meist bis 2 m über dem Wasserniveau gestanden zu haben, um auch von den höchsten Wellen unberührt zu bleiben. Die Hütten selbst waren ebenfalls aus Pfählen hergestellt, die von außen mit einer Lehmschicht bekleidet und mit Stroh, Rinden und Reisern bedeckt wurden. (S. Tafel: Urgeschichte II, Fig. 8.) Die Größe solcher Pfahldörfer ist sehr verschieden. Bei Robenhausen fand man Tausende von eingerammten Pfählen, die eine Fläche von 13000 qm bedeckten, ein anderer Pfahlbau im Neuenburger See bedeckt sogar eine Flüche von etwa 60000 qm.
Vor allem für die Wissenschaft von Wert sind die zahllosen Gerätschaften, die man zwischen den Pfählen in den oft mehrere Fuß hohen Kulturschichten aufgefunden hat. Auch die ältern P., zu denen besonders die der Ostschweiz zu rechnen sind, die noch der Steinzeit angehören, zeigen schon einen verhältnismäßig hohen Grad von Kultur, wie ihn wahrscheinlich die ungefähr gleichzeitigen Dolmenerbauer des Nordens nicht aufweisen konnten. Man findet zahlreiche Steinbeile, fein und regelmäßig geschliffen und poliert, aus Granit, Diorit, Diabas, Hornblende, Schiefer, Jadeit u. s. w.; die kleinern sind oft noch erst mit einer Hirschhornfassung versehen, ehe sie in den großen Holzstiel eingelassen wurden, wahrscheinlich nm ihnen beim Schlage größere Elasticität zu geben (Fig. 11 u. 14). Das Abschleifen und Polieren dieser Steingeräte machte man mit Hilfe von Wasser auf Sandsteinblöcken, die in großer Menge gefunden sind und durch ihre Längsfurchen ihre Eigenschaft als Schleifsteine deutlich zu erkennen geben. Kleine Beile und Meißel aus Nephrit sowie Pfeilspitzen aus Feuerstein (Fig. 3 u. 6) lassen sogar schon auf einen Handelsverkehr nach Norden hin schließen, da beide Gesteine arten in der Schweiz nicht vorkommen. Sehr häufig sind ferner Geräte aus Knochen: kleine Beile, Meißel, Pfriemen, Speerspitzen, Pfeilspitzen, Angelhaken u. s. w., dann auch Geräte von Hirschhorn: Hämmer, Pfriemen, Hacken und manche andere Stücke, die Spuren von Bearbeitung zeigen, deren Zweck aber nicht mehr zu erraten ist. Pferde- und Rinderknochen wurden als Schlittschuhe verwandt. Zu verhältnismäßig hoher Entwicklung war selbst schon während der Steinzeit bereits Spinnerei und Weberei gelangt, wie die zahlreichen Thonwirtel und viele Reste von Netzen, geflochtenen Matten, einsagen und geköperten Geweben, besonders aus der Pfahlbaustation von Robenhausen, beweisen. Scherben von zerbrochenen Gesäßen kommen sehr zahlreich vor, doch sind sie während der Steinzeit meist noch ziemlich roh, nicht stark gebrannt und meist ohne Ornament (Fig. 12). Was die Tierwelt der P. anbetrifft, so herrschte nach den daselbst aufgefundenen Knochen eine außerordentliche Mannigfaltigkeit. Als Haustiere finden sich bereits in der Steinzeit Kuh, Ziege und Hund, später auch Schaf und Schwein, von Jagdtieren vor allem der Hirsch, dann Reh, Elch, Biber, Bär, Wildschwein, Fuchs, Dachs und außerdem selbstverständlich die verschiedensten Arten von Fischen. Auch die Anfänge der Landwirtschaft müssen in diese Zeit gerückt werden; sind doch Gerste, Weizen, Hirse und auch Haferkörner so häufig, daß man, wie auch beim Flachs, einen systematischen Anbau dieser Feldfrüchte annehmen muß; auch Holzäpfel, Pflaumen, Wasser- und Buchnüsse kommen fast in allen Stationen vor.
Als die Bronzekultur vom Süden oder Südosten Europas allmählich vordrang, hob sich dann die Kultur noch mehr. Besonders aus den P. von Mörigen, Auvernier und Corcelettes sind große Massen von Bronzen aller Art ans Tageslicht befördert worden: Armringe, Celte, Nadeln (Fig. 9 u. 15), Messer, alle möglichen Schmucksachen, zum Teil von ganz hervorragender Schönheit und Sauberkeit der Arbeit. Im allgemeinen ist die Zahl der Waffen, der Schwerter, Dolche und Lanzenspitzen verhältnismäßig nicht sehr groß, was vielleicht auf einen friedliebenden Charakter der Bevölkerung schließen lassen könnte. Einen hervorragenden Aufschwung während dieser Bronzezeit nimmt vor allem die Keramik. Die Gefäße werden zwar auch jetzt noch mit freier Hand ohne Scheibe gemacht, aber sie zeigen durchweg sehr sorgfältige Arbeit und oft außerordentlich feine Strich- und Punktverzierungen oder geometrische Muster; auch Bemalungen und Überzug mit Graphit ist nicht selten. - Auch in der Eisenzeit finden sich noch P., wie die berühmte Station von La Tène (s. d.). Diese eisenzeitlichen P., die bis in den Anfang unserer Zeitrechnung und der röm. Kaiserzeit bewohnt waren, gehören sicher Kelten an, den alten Helvetiern, die Cäsar bekämpfte; auch daß die ältern Schweizer P. keltischen Stämmen angehört haben, ist sehr wahrscheinlich.
Wenn auch nicht in solcher Masse und nicht immer mit so reichhaltigen Funden, sind doch im Laufe der letzten Jahrzehnte noch in manchen andern Ländern ähnliche P. entdeckt worden. Die berühmtesten sind wohl die im Mondsec und Attersee in Österreich und im Laibacher Moor, alle drei der Steinzeit angehörig. Auch im deutschen Norden wurden an einzelnen Stellen, so in Mecklenburg, in der Mark, in Pommern und Ostpreußen P. gesunden, die aber, wie es scheint, alle einer viel jüngern Kulturperiode, der slaw. Zeit, angehören.
Die Litteratur über die Schweizer P. ist außerordentlich zahlreich; besonders zu erwähnen sind: die Pfahlbautenberichte in den "Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft" zu Zürich; ferner "Antiqua, Unterhaltungsblatt für Freunde der Altertumskunde" von Messikomer und Forrer (Hottingen