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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Primat - Primel
Im 11. Jahrh, versuchten die Päpste mit Berufung
aus die Dekretalen Pseudoisidors (s. d.), den ange-
scbenstcn Erzbischof jedes Landes zumP. und aposto-
lischen Vikar zu erheben und ibm die übrigen unter-
zuordnen. Allein die Erzbischöfe erklärten sich ent-
schieden dagegen, und so blieb P. ein bloßer Ehren-
titel mit einigen Ehrenrechten, z. V. der Königs-
krönung, dem "Vorsitz auf den Nationalkonzilien u. a.
Im alten Deutschen Reiche war P. der Erzbischof
von Salzburg. Jetzt führen in der kath. Kircke die
Erzbifchöfe von Tarragona, Toledo, Vahia, Rouen,
Mecheln, Venedig, Prag, Armagd, Gran, Posen den
Titel P. Ein souveräner Fürst-Primas wurde in
Deutschland durch die Rheinbundsakte geschaffen,
und es erhielt diesen Titel der bisherige Reichs-
kanzler Karl Theodor von Dalberg ^s. d.).
Zum P. von Polen wurde der Erzbischos von
Gnesen 1416 durch das Konstanzer Konzil erhoben,
später (1515) durch das Laterankonzil zumI.6FÄw8
ukw8 (s. Legat) des päpstl. Stuhls eingesetzt. Als
Haupt der poln. Geistlichkeit hatte er die Synoden
zu berufen. In polit. Hinsicht bekleidete er bei
Thronerledigung die Würde eines Stellvertreters
des Königs als Intsrrex; er hatte die Wahl eines
neuen Königs zu veranlassen und den neugewählten
zu proklamieren und zu krönen. Im Senat sührte
er neben dem König den Vorsitz. Der P. wurde
anfangs von dem Domkapitel erwählt, spater vom
König ernannt, durfte aber vor der päpstl. Bestäti-
gung sein Amt nicht antreten. Der letzte P. des
poln. Reichs war der Bruder des Königs Etanislaus
August, Michael Poniatowski, der 17^4 starb. Nach
1815 halte für Russisch-Polen der Erzbischof von
Warschau eine Zeit lang den Titel eines P. Bei
Errichtung des Erzbistums Gnesen-Posen (1821)
wurde der Titel in Preußen nicht erneuert; doch er-
nannte Pins IX. während des Vatikanischen Kon-
zils den Erzbischof Lcdochowski von neuem zum
P. von Polen. In der anglikan. Kirche fübrt der
Erzbischof von Canterbury den Titel P. desReichs,
der von 3)ork P. von England.
Primat (lat. pi-iinätuä), in der kath. Kirche der
Vorrang des Bischofs vonNom, des Papstes, vor den
übrigenVischöfen. Nach kath. Lehre hat Christus seine
Machtvollkommenheit auf die Apostel in der Weise
übertragen, daß Petrus unter ihnen der erste und
als sein Nachfolger anzusehen ist, und daß die Bi-
schöfe von Rom als Nachfolger Petri auch in dessen
P. succediert sind. Der P. wird eingeteilt in den
primkwä Konoid, gewisse ausschließliche Ehren-
rechte, und priin3.tu8^uri8(iieti0QiF, die oberste kirch-
liche Regierungsgewalt. Die alte Kirche kennt den
P. nicht, doch treten bereits im 2. Jahrh. röm. Pri-
matialansprüche auf. Das Nicänische Konzil (325)
weiß nichts vom P. der röm. Bischöfe; durch spätere
Fälschungen hat man den sechsten nicänischen Kanon
den Primatialtendenzen dienstbar gemacht. Wohl
aber hat das Provinzialkouzil von ^ardica (335)
berevls den Misdviüonellen P. des Bischofs von
Rom anerkannt. Jahrhundertelang freilich war der-
selbe auch später noch nicht in der abendländ. Kirche
allgemein und die Morgenland. Kirche hat ihn nie
angenommen. Erst durch die Karolinger wurde dem
P. von Rom die Herrschaft im Abendlande gesichert,
wofür die Päpste ihre Dankbarkeit in der frank.
Königs- (754) und der röm. Kaiferkrönung (800) be-
zeugten; die Pseudoisidorischen Dekretalen kamen
diesen Tendenzen zu Hilfe und mit Gregor VII.
wurde der P. Zu einer Jahrhunderte andauernden,
wenn auch immer mehr oder minder bestrittenen
Weltherrfchaft, deren dogmatisch-rechtliche Grund-
lage am schroffsten von Papst Vonifacius VIII. in
der Bulle Ilnam 8HuctHin (1302) formuliert ist.
Die Reformation hat den P. als in der Heiligen
Schrift nicht begründet völlig verworfen, wogegen
das Tridcntinische Konzil ihn später dogmatisch
fixierte und thatsächlich in der gesamten kath. Welt
siegreich zur Geltimg brachte. Das Vatikanische
Konzil von 1870 hat die Entwicklung des P. durch
die Dogmatisierung der päpstl. Unfehlbarkeit und
des Universalepiskopats endgültig abgeschlossen. -
Die kaum übersehbare Speciallitteratur für und
wider den P. ist in den Lehrbüchern des Kirchen-
recbts von Richter-Dove-Kahl, Mejer, Eichhorn,
Schulte, Friedberg, Walter, Zorn verzeichnet.
Primaten, Mehrzahl von Primas (s. d.). - P.
nannte Linne' die vereinigten Ordnuugen der Affen,
Halbaffen und Fledermäuse. (S. diese Artikel.)
Primaticcio (spr. -tittscho), Francesco, ital.
Maler, geb. 1504 zu Bologna, erhielt seine erste
Bildung durch Innocenzo da Imola und hatte dann
Giulio Romano zum Lehrer. Mit mebrern Schülern
dieses Meisters malte er nach dessen Entwürfen den
Palast del Te in Mantua aus. 1531 kam er in die
Dienste des Königs Franz I. von Frankreich, der
ibn nachmals zu seinem ersten Hofmaler fowie zum
Abt von St. Martin de Troyes ernannte. Unter
Franz II. erhielt er die Oberaufsicht über die königl.
Gebäude. Er starb um 1570. P. galt als das
Haupt der sog. Schule von Fontainebleau. Von
ibm rühren nicht nur viele Stuccaturarbeiten und
Freskogemälde her, auch andere Arten der Malerei,
z. V. die Emailmalerei und die Teppichstickerei, wur-
den unter seinem Einfluß sehr vervollkommnet.
Als Baumeister entwarf er z. V. die Grabmäler
Franz' I. und Heinrichs II. Berühmter sind seine
mit Niccolö dell' Abbate (s. d.) ausgeführten Deko-
rationen des Schlosses in Fontainebleau.
?riui2. vista. (ital.), s. ^ pi-im^ vi3ta.
Primawechsel, s. Wechselduplikat.
Prime (lat. prima, "die Erste"), in der Musik
der erste Ton einer Oktavenreihe. Reine P. oder
Einklang (unisono) nennt man zwei Töne von
gleicher Größe, z. B. c-c; große oder übermäßige
P. dagegen zwei Töne derselben Stufe von un-
gleicher Größe, z. B. c-eis.
Als P. wird beim Buchdruck die mit der ersten
Seite eines Druckbogens anfangende und mit
Signatur und Norm verfehene Druckform bezeichnet.
Auch ist P. eine Hora. canonic^ (1. d.).
Primel (?i'iiuulg^.), Pflanzengattung aus der
Familie der Primulaceen (s. d.) mit gegen 70 Arten
größtenteils in den Gebirgsgegenden Europas und
Asiens, schöne ausdauernde Kräuter, die meist grund-
ständige, langgestielte Blätter haben und auf einem
nackten, grundständigen Stengel (Schafte) die flach
ausgebreiteten oder etwas becherförmigen, sünslap-
pigen Blumen in der Regel in einfacher Dolde tra-
gen, ^rimula 6lg.ti0r "/ac^., die hohe P., Schlüs-
selblume, Himmelsschlüssel, ist häufig in
feuchten Wäldern und auf Wiesen; ihr röhriger
Kelch ist weißlich, grün gekantet, mit lanzettlichen
Zähnen, der Saum der hellgelben Blumenkrone flach
und die Kapsel länger als der sie dicht umschließende
Kelcb. ^rimul^ (MeiQÄii8 </acH., die Apotheker-
primel, wächst auf trockuen Wiesen und lichten
Waldstellen; der Saum der überhängenden, wohl-
riechenden, goldgelben, am Schlunde mit füns röt-