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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rettungshäuser
tig in Schuppen auf Gleitkarrcn bereit stehen, um
durch Pferde oder Menschenkraft in die Nähe der
Strandungsstelle gefahren (s. Tafel: Rettungs-
wcsenzur See, Fig. 7) und durch Freiwilligen-
mannschaft zu Wasser gelassen zu werden. Diese
Boote kommen überall dort zur Anwendung, wo
das gestrandete Schiff von der Küste aus mit Rct-
tungsgcschossen nicht erreicht werden kann. (S. Ra-
ketenapparat.)
Zwei Typen von R. sind vorwiegend in Ge-
brauch, die nach ihren Erfindern benannten Peake-
und Francisboote. Das Peakeboot, aus Holz
und verhältnismäßig schwer, wird hauptsächlich an
steilern Küsten und dort angewandt, wo sich ge-
bahnte Wege und genügende Transportkräfte be-
finden, wie z. V. meistens in England. Seine be-
sondern Eigenschaften sind Unversinkbarkeit, Selbst-
entleerung von hineingeschlagenem Wasser und
Selbstaufrichtung, wenn es einmal umschlagen
sollte. Die Unversinkbarkeit wird durch Metallluft-
kästen sowie durch einen außen um das Voot lau-
fenden Korkwulst hergestellt. Zur Selbstentleerung
ist das Voot mit einem zweiten innern Boden ver-
sehen, der mehrere Centimeter über der Wasser-
fläche liegt und von dem aus Abstußröbren durch
den untern Boden außenbords gehen. Wird das
Boot voll Wasser geschlagen, so hebt es sich durch
den eigenen Auftrieb und zwingt das Wasser durch
die Röhren abzulaufen. Die Wiederaufrichtung
nach erfolgtem Umschlagen ist Ergebnis der Kon-
struktion. Die obere Fläche des Bootes ist nicht
gerade, sondern stark konkav gekrümmt. An seinen
Endpunkten trägt es Luftkälten, sein Kiel ist von
Eisen und 6-7 Ctr. schwer. Schlägt es um, so
ruht es nur mit dem Endlustkasten auf dem Wasser,
liegt in der Mitte hohl, und sein Schwerpunkt im
Kiel schwebt oben. Die Folge ist, daß es bei der
nächsten Bewegung der Wellen wieder in seine
natürliche Lage zurückfallen muß und sich dann ent-
leert. Die 10 Rudermannschaftcn sind mit Kork-
gürteln (Thompsonschen Rettungsbojen,
olg- 3; Fig. 5 stellt eine aus einem Korkring be-
stehende gewöhnliche Rettungsboje dar) versehen,
die den Körper bis zur Brust über Wasser halten,
so daß sie das umgeschlagene Boot wieder besteigen
können. Die Sicherheit dieser Peakeschen Boote
geht aus der Thatsache hervor, daß in England mit
ihnen seit 1855 etwa 5000 Nettungsfahrten ge-
macht und gegen 12 000 Menschen gerettet sind.
Aus je 120 Fahrten entfiel ein Umschlagen, doch
nur bei 18 Kenterungen gingen Menschenleben ver-
loren, so daß auf 850 Rettungsleute nur ein Ver-
unglückter kam.
Für die flachen deutschen Küsten mit ihren vor-
liegenden unwegsamen Dünen kommt meist das
leichtere, aus gewelltem Eisenblech hergestellte
Francisboot in Betracht. Der notwendigen
Leichtigkeit wegen hat bei fast allen die Wiederauf-
richtungsfähigkeit, bei sehr vielen auch die Ent-
leerungsvorrichtung geopfert werden müssen. Trotz-
dem sind die Boote so vorzüglich, daß seit Grün-
dung der Gesellschaft nur 3 Unglücksfälle zu bekla-
gen sind, bei denen Menschen umkamen, so daß sich
das Verhältnis noch weit günstiger stellt als in
England. In Fig. 4 ist ein zum Wrack fahrendes
Rettungsboot dargestellt. Die meisten R. sind zum
Rudern und Segeln eingerichtet. Für Küstenplätze,
wie z. B. Curhaven, Vüsum, wo die Strandungs-
stellen von der Rettungsstation weit entfernt sind,
hat man gedeckte R. eingeführt, die Kuttertakelung
tragen, nur segeln und groß genug sind zum über-
nachten der Mannschaft. In neuester Zeit werden
in England auch R. mit Dampfbetrieb und mit
hydraulischer Propulsion (von Green gebaut) mit
sehr gutem Erfolge an gefährlichen, weit vom Lande
liegenden Stellen benutzt. Ihre Maschine, aus zwei
vertikal stehenden Cirkulationspumpen bestehend,
hat 200 Pferdestärken. Diese Pumpen treiben durch
kräftigen Wasserstrahl das Rettungsboot und ent-
leeren es zugleich, wenn es vom Seegang gefüllt wird.
15 wasserdichte Abteilungen sichern die Schwimm-
fähigkeit. (S. auch Rettungswefen zur See.)
Rettungshäufer, Erziehungsanstalten für ver-
wahrloste, mißratene oder entartete Kinder. Von den
staatlichen Vesserungs- oder Strafanstalten unter-
scheiden sich die R. dadurch, daß der Eintritt ihrer
Zöglinge nicht auf Zwang infolge polizeilicher oder
gerichtlicher Verurteilung beruht, sondern ein frei-
williger ist, und daß infolgedessen auch der Freiheit
des Individuums in ihnen ein größerer Spielraum
gestattet werden kann. In Italien bestanden schon
im 16. Jahrh, solche Anstalten unter dem Namen
(^on86i-v2t0i-i, <I!a86 äi i'kkuFi, retii-i als Zufluchts-
stätten für Vettelkinder und sittlich gefährdete Mäd-
chen. In den Niederlanden, wie auch in den nord-
deutschen Städten Hamburg, Bremen, Lübeck u. s. w.
wurden bald nach der Reformation sog. Werk- oder
Arbeitshäuser mit Abteilungen für "ungeratene, den
Eltern und Präceptoren ungehorsame Kinder" ein-
gerichtet. Später faßten die von Aug. Herm. Francke
veranlaßten Waisenhäuser diesen Zweck mit ins
Auge. 1801 verlangte Salzmann in seiner Schrift:
"über einen Schatz, den die Deutschen noch nicht
heben können", die Unterbringung armer, verlasse-
ner, sittlich gefährdeter Kinder in Erziehungshäusern
auf dem Lande, wo sie durch Garten- und Feldbau,
durch Viehzucht und Handarbeiten zu beschäftigen
und zu erziehen seien. Die Anstalten von Pestalozzi,
Fellenberg und die Wehrlischulen (s. d.) in der
Schweiz gingen aus demselben Geiste hervor. Die
erste deutsche Rettungsanstalt begründete mitten in
den Freiheitskämpfen Joh. Falck in Weimar in Ver-
bindung mit dem Pastor Zorn daselbst und der von
beiden gestifteten "Gesellschaft der Freunde in der
Not". Die Kinder wurden vorzugsweise in Fami-
lien, bei Handwerkern und Bauern untergebracht.
Unabhängig davon richteten die Grafen Adelbert
und Werner von der Recke 1819 ein leer stehendes
Seminargebäude in Ovcrdyk und einige Jahre
darauf das alte Trappistenklostcr zu Düsselthal bei
Düsseldorf zu Rettungsanstalten ein, wovon die
letztere gegenwärtig etwa 125 da. Grundeigentum
besitzt. In Süddeutschland ist das im alten Kom-
tureischlosse von Beuggen, das der Großherzog
von Baden zwei für die Sache begeisterten Män-
nern, Spittler und Zeller, überließ, 1820 errichtete
Rettungshaus das erste gewesen. Es hat nament-
lich durch Ausbildung von Lehrern für derartige
Anstalten in der damit verbundenen Armenlehrer-
anstalt äußerst segensreich gewirkt. Von Veuggen
aus wurde 1836 in Württemberg das Rettungs-
haus zu Lichtenstern und 1843 das zu Tempel-
hof gegründet. Viele andere sind nach und nach
entstanden, besonders seitdem der 1848 gegründete
Verein für innere Misston die Sache thatkräftig in
die Hand nahm. 1876 zählte man in Deutschland
bereits gegen 400. Das bedeutendste und bekann-
teste darunter ist unstreitig das von Hinr. Wichern