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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rußland (Geschichte 1855-81)

beugen meinte. Gleichzeitig mit der administrativen Verschmelzung des Königreichs Polen mit R., die durch den Ukas vom 12. März 1868 vervollständigt wurde, ging eine Bedrückung der kath. Kirche im Königreich sowie in den neun westl. Gouvernements mit poln. Bevölkerung, wodurch der Konflikt zwischen R. und Papst Pius IX. verschärft wurde. Den poln. Bischöfen und Geistlichen wurde jeder direkte Verkehr mit Rom untersagt, in Petersburg ein röm.-kath. Kollegium errichtet, von welchem jene allein ihre Weisungen einzuholen hatten, und der Besuch des Vatikanischen Konzils 1869 ihnen verboten.

In den Ostseeprovinzen wurden die Nachkommen der durch die russ. Propaganda der vierziger Jahre zum Abfall vom evang. Glauben verlockten Bauern mit Gewalt bei der griech. Kirche festgehalten. Trotz seiner ernstlichen Absicht, diese Gewissensnot zu beseitigen, vermochte der Kaiser doch nicht, den Widerstand des Heiligen Synods zu besiegen. Erst die Unterredung Bismarcks mit dem russ. Gesandten in Berlin von Oubril 1865, in welcher der preuß. Ministerpräsident von der Verstimmung seines Königs über den religiösen Druck in den Ostseeprovinzen Mitteilung machte, hatte den geheimen Befehl Alexanders II. zur Folge, der wenigstens die Forderung griech. Kindererziehung bei Mischehen aufhob. 1874 endlich befahl der Kaiser die Strafloslassung geistlicher Handlungen evang. Prediger an den unfreiwilligen Gliedern der griech. Kirche; auch der Rücktritt zum Luthertum wurde nicht mehr bestraft. Das russ. Gesetz aber wurde durch diese Befehle nur unwirksam gemacht, nicht aufgehoben, obgleich es den Ostseeprovinzen, denen Peter d. Gr. für ewige Zeiten Gewissensfreiheit zugesichert hatte, rechtswidrig aufgedrungen war. Ebensowenig wie die Gewissensfreiheit der Kirche gegenüber wagte der Kaiser der herrschenden Stimmung gegenüber das Landesrecht offen anzuerkennen. Schon ein Ukas vom 3. Jan. 1850 hatte verordnet, daß die Gouvernementsregierung und die übrigen Kronbehörden mit den Ministerien und den Behörden anderer Gouvernements ihren amtlichen Schriftwechsel in russ. Sprache führen sollten, daß möglichst nur Beamte angestellt würden, welche des Russischen mächtig seien. Am 13. Juni 1867 erfolgte ein kaiserl. Erlaß, welcher die unbedingte Durchführung des Ukases von 1850 verlangte. Man begann nun die einheimischen Beamten durch Nationalrussen zu verdrängen. Auch die liberale russ. Journalistik erhob ihre Stimme, um den Bruch des Landesrechts der Ostseeprovinzen zu verlangen. Katkow war es gelungen, durch Erregung des russ. Nationalgefühls auf Gesellschaft und Regierung einzuwirken. Die Angriffe der Publizistik gegen die Ostseeprovinzen gipfelten in einem Buche des Slawophilenführers Jurij Samarin (s. d.). Am 15. Jan. 1870 beschloß die livländ. Ritterschaft eine Adresse, worin sie unter Berufung auf die alten Landesprivilegien um Wahrung ihrer nationalen und ständischen Rechte bat; 11. März folgte eine Adresse der esthländ. Ritterschaft. Aber alle Berufungen blieben erfolglos; ein kaiserl. Bescheid vom 19. März 1870 wies das Gesuch der livländ. Ritterschaft entschieden zurück. Die Russifizierungsmaßregeln wurden nun gegen die höhern Schulen gerichtet, in denen der Unterricht in der russ. Sprache auf Kosten der allgemein bildenden Fächer bedeutend verstärkt wurde. Um den administrativen Zusammenhang der deutschen Provinzen Livland, Kurland und Esthland zu zerreißen, wurde durch Ukas vom 6. Febr. 1876 das Generalgouvernement der balt. Provinzen aufgehoben. 1878 wurde den balt. Städten die russ. Städteverfassung aufgezwängt. Die gleichen Nivellierungstendenzen verfolgte den Polen gegenüber der Ukas vom J. 1876, welcher im Generalgouvernement Warschau das neue russ. Gerichtsverfahren einführte und die besondere "polit. Kanzlei" auflöste.

Neben dem reaktionären Altrussentum und dem Panslawismus, die in der öffentlichen Meinung immer mehr zur Herrschaft gelangten, und deren Tendenzen auch die Regierung nachgeben mußte, war in der Gärungszeit der letzten Jahrzehnte die revolutionäre Richtung des Nihilismus (s. Nihilisten) entstanden. Die Regierung suchte ihm durch einen Erlaß vom 24. Mai 1865, der die Behörden zum kräftigsten Einschreiten aufforderte, entgegenzuwirken, aber erfolglos. Aus nihilistischen Kreisen ging das mißlungene Attentat des Dimitrij Karakosow auf den Kaiser in Petersburg 16. April 1866 hervor. Gefährlich wurde der Nihilismus seit dem J. 1878, wo von ihm der Mord, insbesondere der Kaisermord, programmmäßig als das geeignetste Mittel zur Erreichung seiner Ziele proklamiert wurde. Nach dem Attentat auf den Petersburger Stadthauptmann General Trepow und der Ermordung des Generals Mesenzew wurden durch Regierungsdekret alle polit. Verbrechen den Militärgerichten zugewiesen. Trotzdem mehrten sich die Attentate gegen hohe Beamte, und 1879 begannen die Mordanschläge gegen den Kaiser. Am 14. April feuerte Solowjew auf ihn in der Umgebung des Winterpalais mehrere Revolverschüsse ab, ohne zu treffen; 1. Dez., als der Kaiser von Livadia nach Moskau zurückkehrte, wurde vermittelst Minen der Eisenbahnzug teils umgestürzt, teils zum Entgleisen gebracht; aber das Attentat traf nicht den kaiserl. Zug, sondern den hinter diesem fahrenden Bagagezug. Die Missethäter wurden nicht entdeckt. Dem Kaiser wurde von dem Exekutionskomitee mit weitern Mordversuchen gedroht, wenn er nicht seine Herrschaft aufgebe und dieselbe einer Nationalversammlung übertrage. Am 17. Febr. 1880 erfolgte im Winterpalais eine Dynamitexplosion, die aber die kaiserl. Familie nicht traf. Auf dieses Attentat hin wurde das 1879 in Petersburg (sowie auch in Moskau, Charkow, Odessa, Kiew und Warschau) eingesetzte und mit außerordentlichen Vollmachten versehene Generalgouvernement, das sich machtlos erwiesen hatte, aufgehoben und dem General Loris-Melikow eine Art Diktatur übertragen. Derselbe war bestrebt, auf dem Gebiete des Gefängniswesens, der Civilverwaltung und der Presse Reformen durchzuführen und auch auf diesem Wege, nicht bloß durch Gewaltmittel, dem Nihilismus entgegenzutreten, aber auch so vermochte er es nicht, ein Bombenattentat zu verhindern, dem der Kaiser 13. März 1881, als er nachmittags nach dem Winterpalais zurückfuhr, zum Opfer fiel. Alexander erlag sogleich seinen furchtbaren Verletzungen. Unter seinen Papieren fand man einen von ihm am Tage des Attentats unterzeichneten Ukas über Einberufung einer Notabelnversammlung.

Sein Nachfolger, Kaiser Alexander III., entschied sich nach langem Schwanken für Festhaltung am Cäsarismus. In seinem Manifest vom 11. Mai appellierte er an die ihm von Gott verliehene "selbstherrscherliche Gewalt". Darauf gaben Melikow, der Kriegsminister Graf Miljutin, der