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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rußland (Geschichte 1881 bis zur Gegenwart)

Finanzminister Abasa ihre Entlassung ein, und Graf Ignatjew wurde zum Minister des Innern ernannt. Der einflußreichste Minister wurde der Oberprokureur des Heiligen Synod Pobjedonoßzew (s. d.). Das nihilistische Exekutivkomitee erließ als Antwort auf das Manifest eine Erklärung, die dem Kaiser mit dem Schicksal seines Vaters drohte. Infolgedessen mußten die größten Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, und der Kaiser wechselte mehrmals rasch seinen Wohnsitz, residierte bald in Gatschina, bald in Peterhof, von Polizei und Militär bewacht.

Die Kaiserkrönung fand erst 27. Mai 1883 in Moskau statt, und am Tage derselben erließ der Kaiser ein Manifest, worin einige Gnadenakte verkündigt und alles Heil des Reichs von der mit göttlicher Weisheit und Stärke begnadigten unumschränkten Machtvollkommenheit des Kaisers abhängig gemacht wurde. In einem 1885 an den Senat gerichteten kaiserl. Ukas wurde die bisherige kaiserl. Hausordnung dahin abgeändert, daß nur die Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern und die in unmittelbarer Linie vom Mannsstamm abstammenden Enkel des Kaisers den Titel "Großfürsten" und "Großfürstinnen" führen dürfen, daß aber die vom Mannsstamm herkommenden Urenkel des Kaisers als "Fürsten und Fürstinnen von kaiserl. Geblüt" anzusehen sind.

Die Beziehungen R.s zu den auswärtigen Mächten, namentlich zu Deutschland und Österreich, waren unter der Regierung Alexanders III. anfangs durchaus nicht freundlich, und R. nahm eine isolierte Stellung ein. Die Nachbarmächte konnten wenig Vertrauen zu einer Regierung fassen, von welcher zwei Mitglieder, Fürst Gortschakow und Graf Ignatjew, ihre entschiedenen Feinde waren, zu einer Regierung, welche an der Westgrenze des Reichs starke Truppenmassen versammelt und wie zu einem raschen Überfall bereit hielt. Daher führte die Zusammenkunft, welche Kaiser Alexander 9. Sept. 1881 mit Kaiser Wilhelm in Danzig veranstaltete und welcher auch Fürst Bismarck und Geheimrat von Giers, der Stellvertreter Gortschakows, beiwohnten, zunächst keine Veränderung der gegenseitigen Beziehungen herbei. Erst als der 84jährige Gortschakow 9. April 1882 von der Leitung des Ministeriums des Auswärtigen entbunden, dieses dem Geheimrat von Giers übertragen, Graf Ignatjew 11. Juni 1882 seines Postens als Minister des Innern enthoben wurde und Graf Tolstoj an seine Stelle trat, konnte man von einem Siege der russ. Friedenspartei sprechen. Der neue Minister von Giers gab sich alle Mühe, durch persönliche Besprechungen mit dem Fürsten Bismarck, den er wiederholt besuchte, und mit den leitenden Persönlichkeiten in Wien ein gutes Einvernehmen zwischen R. und Deutschland-Österreich herzustellen. Kaiser Alexander III. selbst kam bald zu der Einsicht, daß die Sicherheit seiner Dynastie und seines Reichs hauptsächlich auf einem guten Verhältnis mit Deutschland beruhe. Diese Wendung der russ. Politik fand ihren offiziellen Ausdruck in der Zusammenkunft, welche 15. bis 17. Sept. 1884 zwischen den Kaisern von Deutschland, Österreich und R. in dem poln. Lustschlößchen Skernewizy (Skierniewice) stattfand, und welcher auch die leitenden Minister, Fürst Bismarck, Graf Kalnoky und Herr von Giers, beiwohnten. Die Annäherung R.s an die zwei großen Friedensmächte that sich sofort in allen europ. Fragen kund. Dieses freundschaftliche Verhältnis erhielt eine Verstärkung durch den Besuch, welchen Kaiser Alexander im Aug. 1885 dem Kaiser Franz Josef in Kremsier abstattete.

Die guten Beziehungen R.s zu Deutschland und Österreich waren aber nur von kurzer Dauer; bald trat an ihre Stelle ein recht gespanntes Verhältnis infolge des Auftauchens der bulgar.-ostrumel. Frage. Da R. sich in seiner Hoffnung, daß Bulgarien sich freiwillig einer russ. Oberlehnsherrlichkeit unterwerfen werde, getäuscht sah, so suchte es fortan jede innere und äußere Erstarkung Bulgariens zu hemmen. Alexander III. versagte daher der Vereinigung Ostrumeliens mit Bulgarien durch den Staatsstreich vom 18. Sept. 1885 seine Zustimmung und gab seiner Abneigung gegen den bulgar. Fürsten Alexander offenen Ausdruck, indem er ihn aus der russ. Armeeliste streichen ließ. In der Note vom 23. März 1886 protestierte R. gegen den türk.-bulgar. Vertrag vom 2. Febr. und setzte es in der Botschafterkonferenz zu Konstantinopel durch, daß das Generalgouvernement von Ostrumelien dem Fürsten von Bulgarien nur auf fünf Jahre übertragen wurde. Nach der Abdankung desselben 7. Sept. 1886 sandte der russ. Kaiser den General Kaulbars nach Bulgarien, welcher als diplomat. Vertreter R.s in völkerrechtwidriger Weise gegen die neue von R. nicht anerkannte bulgar. Regierung agitierte. Er ließ in seinen drohenden Äußerungen wiederholt die Möglichkeit einer Besetzung Bulgariens durch russ. Truppen durchblicken. Durch die entschiedenen Erklärungen Österreich-Ungarns, Englands und Italiens von der Ausführung eines solchen Planes abgeschreckt, griff R. dort zwar nicht mehr direkt ein, suchte aber durch Begünstigung aller oppositionellen Bewegungen eine Befestigung der innern Verhältnisse des Landes zu hindern. (S. Bulgarien.)

Der Grund für diese mehr beobachtende Haltung R.s lag in der zu Ende 1886 entstandenen Spannung zwischen Frankreich und Deutschland, die durch Boulangers Treiben in einen Krieg auszubrechen drohte. R. wollte sich in der Erkenntnis, daß ein europ. Krieg auch über die Balkanhalbinsel entscheiden müsse, für einen solchen Fall nicht durch eine heraufbeschworene orient. Verwicklung an seinem freien Eingreifen in die allgemeinen europ. Verhältnisse behindert sehen. In den der Regierung nahe stehenden Blättern wurde diese "Politik der freien Hand", zugleich aber auch die Absicht R.s, eine völlige Besiegung Frankreichs durch Deutschland nicht zu dulden, verkündigt. Daß die russ. Regierung von dieser deutschfeindlichen Stimmung nicht frei war, zeigte der Ukas vom 24. Mai, der nicht nur allen Ausländern die Erwerbung und Benutzung unbeweglichen Eigentums in den westl. Grenzgouvernements untersagte, sondern ihnen auch verbot, in Polen außerhalb der Städte als Verwalter von Gütern oder Fabriken zu fungieren, und ein weiterer Ukas, der die sofortige Entlassung der zahlreichen im staatlichen Forstwesen in Polen angestellten Ausländer verfügte. Durch beide Maßregeln wurden hauptsächlich deutsche und österr. Staatsangehörige getroffen. Gleichzeitig bewies R. durch seine Annäherung an Frankreich, sowie durch seine bedrohlichen Truppenanhäufungen an der deutschen und der österr. Grenze, daß es sich auf einen europ. Krieg vorbereitete. Das zwang die Mächte des Dreibundes zu Gegenrüstungen. Für kurze Zeit wurden die Blicke R.s vom Westen nach Bulgarien abgelenkt, als dort die Große Sobranije 7. Juli 1887 den Prinzen Ferdinand von Coburg zum Fürsten wählte. R. beschränkte sich nach einem vergeblichen Versuch, die Pforte zum Einschreiten