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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Rußland (Geschichte 1881 bis zur Gegenwart)

einbaren. Inzwischen fand 30. März 1885 ein Zusammenstoß der von dem General Komarow befehligten Russen mit den Afghanen statt, die in die Flucht geschlagen wurden. Daraus entwickelten sich lange Verhandlungen zwischen R. und England, und es wurden bereits Kriegsrüstungen gemacht. Doch war das Friedensbedürfnis zu groß und allgemein, so daß man sich einigte, den Sulfikarpaß als nordwestlichsten Punkt von Afghanistan anzuerkennen. Am 13. Febr. 1886 hielten die Russen ihren Einzug in das ihnen von dem afghan. Grenzgebiet zugesprochene Pendschdeh und setzten dort eine russ. Verwaltung ein. Am 14. Juli wurde die vom Kaspisee nach Merw führende Eisenbahn dem Verkehr übergeben und von da drei Heerstraßen an die afghan. Grenze gebaut. Zur Beilegung von russ.-afghan. Grenzstreitigkeiten wurden 12. April 1887 in Petersburg Unterhandlungen zwischen russ. und engl. Bevollmächtigten eröffnet, die 20. Juli zu einem Vertrage führten, welcher R. gegen Verzicht auf das von ihm beanspruchte Merutschek das wertvollere Gebiet zwischen den Flüssen Kuschk und Murghab zusprach. Das am Amu-darja gelegene afghan. Gebiet von Kerki wurde, angeblich wegen Niedermetzelung bucharischer Beamten durch Afghanen, 24. Mai 1887 durch russ. Truppen besetzt. Im Aug. 1891 erschien eine aus 600 Mann Militär bestehende russ. "Erforschungsexpedition" auf dem Pamirplateau; 1892 rückte der russ. Oberst Janow weiter vor und besiegte die Afghanen bei Somatasch 12. Juli 1893. Die Engländer, die ihre Herrschaft in Indien bedroht glaubten, suchten R. durch Unterhandlungen fern zu halten. Im Okt. 1893 nahm der Emir Abd ur-Rahman eine brit. Gesandtschaft feierlich in Kabul auf und verkündete seinem Volk, daß mit England alle streitigen Fragen erledigt seien.

Für den erkrankten Staatssekretär von Giers übernahm Sommer 1892 Schischkin zeitweilig die auswärtigen Geschäfte. Er band sofort mit der Türkei an und forderte die rückständige Zahlung von 165000 Pfd., die Durchfahrt durch die Dardanellen für russ. Kriegsschiffe, die aus dem Schwarzen ins Baltische Meer fahren, und die Einsetzung des vom Zaren erwählten Katholikos der armenischen Kirche Khrimian, der einige Jahre vorher mit der türk. Regierung in Streit geraten und nach Jerusalem verbannt worden war. Nach längern Verhandlungen wurde Khrimian als Haupt aller Armenier in Etschmiadzin gesalbt (Okt. 1893). Im Herbst 1894 verbreiteten sich Nachrichten über Grausamkeiten der türk. Behörden gegen die Christen in Armenien, die England und R. veranlaßten, an der Kommission zur Untersuchung der Verhältnisse teilzunehmen. Mit Persien entstand 1888 ein Konflikt. Während einer zeitweiligen Abwesenheit des russ. Gesandten am pers. Hofe, Fürsten Dolgorukij, hatte der engl. Gesandte Sir Wolfs bei dem Schah die freie Schiffahrt für alle Nationen auf dem Flusse Karun, die aber ausschließlich für England von Nutzen war, und die Verweigerung der Einrichtung eines russ. Konsulats in Meschhed durchgesetzt. Da aber Persien R.s Macht mehr fürchtete als die Englands, so wurde sehr bald die Zurücknahme jener Verweigerung und eine starke Beschränkung des Handels auf dem Karunflusse von russ. Seite erlangt. Ferner wurde 1892 das einer engl. Gesellschaft überlassene Tabaksmonopol auf russ. Einwirkung aufgehoben, dagegen erhielt der Russe Poljakow 1893 die Erlaubnis zum Bau einer Eisenbahn vom Kaspischen Meer nach Teheran, und ein Landstrich in Chorassan wurde im Austausch mit Hissar und Abbasabad an R. abgetreten. Auch in Korea hatte England nachgeben und das von ihm besetzte Port-Hamilton 23. Jan. 1887 räumen müssen, nachdem R. der chines. Regierung zugesichert hatte, daß es in diesem Falle Korea nicht angreifen werde. Doch die Bestrebungen R.s, Korea seinem Einflusse zu unterwerfen, hörten deshalb nicht auf. Im Herbst 1888 schloß R. einen Handelsvertrag mit Korea, der R. wesentliche Vergünstigungen zusicherte, und die russ. Regierung drang auf vollständige Unabhängigkeit der Halbinsel von China. Ein 1888 mit Japan abgeschlossener Handelsvertrag verlieh den russ. Unterthanen das Recht, sich überall in Japan niederzulassen, wogegen die Konsulargerichte aufgehoben wurden und die russ. Staatsangehörigen künftig der Gerichtsbarkeit der in Japan zu errichtenden gemischten Gerichtshöfe unterworfen sein sollten. Mit den Vereinigten Staaten schloß R. 1887 einen Auslieferungsvertrag ab, der polit. Mörder auch zu den gemeinen Verbrechern rechnete, die als solche ausgeliefert werden sollten.

Am 23. Dez. 1882 hatte R. mit der Römischen Kurie eine Konvention abgeschlossen, worin die Wiederherstellung der russ. Botschaft im Vatikan und die Begnadigung der administrativ verschickten poln. Bischöfe festgesetzt und dem Staate die Oberaufsicht über die röm.-kath. Seminarien, namentlich das Recht der Kontrolle des Unterrichts in der russ. Sprache und das Recht des Veto gegen die Anstellung mißliebiger Seminarlehrer seitens der Bischöfe zuerkannt wurde. Zum russ. Gesandten im Vatikan wurde Butenjew ernannt. Dieser wurde aber schon 1884 wieder zurückgerufen, weil der Papst eine Deputation Griechisch-Unierter empfing und von derselben eine mit 1500 Unterschriften versehene Adresse entgegennahm, in welcher über den von der orthodoxen Geistlichkeit auf sie geübten Druck geklagt wurde. In dieser Entgegennahme der Adresse sah die russ. Regierung eine Einmischung in innere russ. Verhältnisse. Erst 1888 wurden die Verhandlungen zwischen R. und dem Vatikan wieder angeknüpft. Von dem Nuntius Galimberti und dem russ. Botschafter Fürsten Lobanow in Wien wurden die Vorfragen erledigt und sodann ein außerordentlicher russ. Gesandter, Iswolskij, 10. Nov. vom Papste und vom Kardinalstaatssekretär Rampolla empfangen. Die mehrmals ins Stocken geratenen Verhandlungen führten 1889 hinsichtlich der Frage der Wiederbesetzung der kath. Bischofssitze zu einer Verständigung und Juni 1894 zur Einsetzung Iswolskijs zum Ministerresidenten beim päpstl. Stuhl. Der Papst bemühte sich sogar allen Ernstes, eine Versöhnung der griech. und röm. Kirche herbeizuführen.

Die innere Politik R.s war vielfach von der Richtung der äußern bedingt. So war die erwähnte Heeresverstärkung eine Folge sowohl der gespannten Beziehungen zu den mitteleurop. Mächten als auch der Absicht R.s, bei etwa eintretenden europ. Verwicklungen die Gunst des Augenblicks für sich voll ausnutzen zu können. Die russ. Kriegsflotte im Schwarzen Meere, welche 120 Kriegsschiffe, darunter 7 Panzerschiffe und 16 Torpedos zählte, wurde im Mai 1886 um zwei weitere Kriegsdampfer vermehrt, deren Stapellauf der Kaiser beiwohnte. Durch Ukas vom 23. Juni 1886 wurde die im Berliner Vertrag beschlossene Freihafenstellung Batums aufgehoben und die Stadt trotz des Einspruchs Eng-^[folgende Seite]