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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Sardinien (Königreich)

wurden 1720 auch von Spanien anerkannt. Victor Amadeus II. behielt aber als Hauptstadt das in Piemont liegende Turin bei, dessen Universität er 1720 neu begründete, wie er überhaupt die nach langen Kämpfen erreichten Friedensjahre zur Arbeit im Innern trefflich verwandte. Sein Sohn und Nachfolger war Karl Emanuel I. (s. d.; 1730-73). Außer den Befestigungen von Alessandria, Demonte, Fenestrelle, Exilles und Brunetta verdankt ihm S. Bauten, besonders in Turin und Alessandria. Der Po ward unter ihm zwischen Carignano und Carmagnola reguliert, Turin durch Straßen mit Cuneo, Pinerolo, Canavese, Stupinigi und Parco verbunden, in Nizza und Limpia wurden die Häfen verbessert. Kleinere Landerweiterungen brachten der Polnische und Österreichische Erbfolgekrieg: im Frieden zu Wien (8. Nov. 1738) Tortona, Novara und einige kaiserl. Lehen; im Frieden von Aachen (Okt. 1748) Vigevano, das Gebiet jenseit des Po um Bobbio und das Obernovaresische; verdrießlich war die erzwungene Rückgabe von Finale, mit welchem der Zugang zum Meer gewonnen worden, an Genua; auf Piacenza erhielt er nur das Erbfolgerecht im Falle des Aussterbens der ital. Bourbonen. Ihm folgte sein Sohn Victor Amadeus III. (1773-96), der nicht nur rasch die von seinem Vater aufgesammelten Gelder verbrauchte, sondern auch dem Lande eine Schuldenlast von über 100 Mill. Frs. aufbürdete durch seine Hofhaltung nach dem Vorbild von Versailles, vor allem aber durch die großen Ausgaben für das Heer, das von seinem Vater auf eine Kriegsstärke von 30000 Mann Infanterie und 4000 Mann Kavallerie gebracht worden war und von ihm um weitere 10000 Mann vermehrt wurde. So blieb für die übrigen Staatsbedürfnisse kaum die Hälfte der Staatseinnahmen übrig. Als die Franzosen ohne Kriegserklärung 22. Sept. 1792 in Savoyen einbrachen (s. Französische Revolutionskriege, Bd. 7, S. 186 b) und im Dezember Nizza und Oneglia wegnahmen, verbündete sich der König mit England (April 1793), das bei Aufstellung von 50000 Mann durch S. 5 Mill. Frs. jährliche Hilfsgelder und Unterstützung durch seine Flotte zusagte. Unter diesen Umständen konnte sich Piemont während des J. 1793 mutig dem weitern Vordringen der Revolutionstruppen entgegenstellen, so daß diese erst April 1794 Finale zu besetzen, Mondovi, Alba und Acqui zu bedrohen vermochten. Entschiedene Verluste aber brachten die J. 1795 und 1796, namentlich infolge der zweideutigen Haltung des verbündeten Österreich, welches sich auf Kosten des Königreichs in der Lombardei auszudehnen dachte. So bewogen die Siege Bonapartes bei Montenotte, Dego und Millesimo Victor Amadeus III. 15. Mai 1796 zum Abschluß des Friedens von Cherasco, in dem Savoyen und Nizza an Frankreich abgetreten, die Besetzung von Cuneo, Alessandria und Tortona durch franz. Truppen zugestanden und die Schleifung der Festungen, welche die Alpenübergänge beherrschten, zugesagt wurde.

Nach seinem 16. Okt. 1796 erfolgten Tod übernahm die Regierung sein Sohn Karl Emanuel II. (s. d., 1796-1802). Weder ein schon 1797 mit Frankreich geschlossener Bund noch Neuerungen auf dem Gebiet des Erbrechts, der Besteuerung, des Lehen- und Pachtwesens und der Finanzen konnten die Vernichtung des von Republiken umschlossenen Königreichs aufhalten. Als Karl Emanuel gegen das von Frankreich ausgehende Unwesen der Schmähschriften und gegen mehrfache Unruhen einschritt, ward er 3. Juli 1798 zur Auslieferung der Citadelle von Turin gezwungen, welcher 6./7. Dez. die Überrumpelung von Novara, Vercelli und Chivasso folgte, und daraufhin 9. Dez. durch Joubert (s. d.) zur Thronentsagung genötigt, die er jedoch von Cagliari aus 3. März 1799 widerrief. Auf dem verlorenen Festland wurde die vorläufige Regierung, welche 12. Dez. 1798 eingerichtet ward, 2. April ersetzt durch eine Regierung nach franz. Art; Piemont wurde in die Bezirke Eridano (Turin), Sesia (Vercelli), Stura (Mondovi) und Tanaro (Alessandria) eingeteilt. Den vielfachen Widerwillen gegen die Franzosen zeigten aber die zahlreichen Aufstände bei dem siegreichen Vordringen der verbündeten Österreicher und Russen. Suworow, in Turin 26. Mai 1799 eingerückt, stellte sofort die alte Ordnung wieder her, doch der Sieg Bonapartes bei Marengo erneuerte 16. Juni 1800 die franz. Herrschaft in Piemont, welches nun wieder politisch nach dem Muster Frankreichs eingerichtet wurde, um später (1802) diesem angegliedert zu werden.

Nach dem Frieden von Amiens ohne Aussicht auf Rückerwerb des Festlandes legte Karl Emanuel die Krone nieder (4. Juni 1802) zu Gunsten seines Bruders Victor Emanuel I. (1802-21), der bis 1804 in Rom, dann in Gaeta weilte und erst 17. Febr. 1806 in S. landete. Nach Piemont kehrte er erst 20. Mai 1814 zurück zur großen Freude seiner Unterthanen, die aber bald ernüchtert wurden durch die Aufhebung aller seit 1798 erlassenen Gesetze (21. Mai). 1815 ließ Victor Emanuel Grenoble besetzen und erlangte so auf dem Wiener Kongreß nicht nur das 1814 noch nicht zurückerhaltene Annecy und Chambéry, sondern auch die Eingliederung von Genua (20. Nov. 1815). Den Beitritt zu dem ital. Bund, welchen Österreich, das auf dem Wiener Kongreß sich auf Kosten von S. zu erweitern gesucht hatte, vorschlug, lehnte der König ebenso ab wie der Papst, während Neapel darauf einging. 1817 wurden in San Marzano, Prosper Balbo, Brignole und Cesare di Saluzzo für Reformen zugängliche Leute zu Ministern berufen und 1818/19 das Straßen-, Abgaben- und Staatsschuldenwesen neu eingerichtet und die Verfügungen über Pachtverträge von 1797 bis 1816 widerrufen. Gegenüber der Kurie wurde an den frühern Rechten der Krone so ziemlich festgehalten, aber um so mehr für die kirchlichen Bedürfnisse des Landes Sorge getragen; so wurden die von Napoleon aufgehobenen Bistümer in Piemont wiederhergestellt und ein neues in Cuneo errichtet. Schlimmer als diese übermäßige Zahl von 7 Erzbistümern und 31 Bistümern war die Wiederherstellung der Jesuiten, welchen fast der gesamte Unterricht ausgeliefert wurde, und der Inquisition. Zu den thörichten Maßnahmen gehörte ferner, neben strenger Büchercensur und willkürlichen Eingriffen in die Rechtspflege, namentlich die Bedrückung der meist bürgerlichen Beamten. Hauptträger der in der Carbonaria (s. Carbonari) sich zuspitzenden Unzufriedenheit waren neben dem Bürgertum und dem Heer die Studenten, zum Teil infolge der Entfernung von 25 tüchtigen, von der franz. Regierung in Turin angestellten Professoren. Die Empörung kam dann auch, angeregt durch die Erhebung Neapels von 1820, fast gleichzeitig in Alessandria (10. März) und Turin (11. März 1821) zum Ausbruch; an beiden Orten wurde die span. Verfassung von 1812 verkündigt.