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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Social; Socialdemokratie

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Social - Socialdemokratie

S.

Social (lat.), das Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft betreffend.

Socialdemokratie, die polit. Partei, welche die Gesellschaftsordnung nach den Principien des Socialismus (s. d.) umgestalten will. Die S. ist vom Socialismus wohl zu unterscheiden; letzterer ist eine wissenschaftliche Richtung und zwar in ihrer neuesten Form diejenige nationalökonomische Schule, welche die Kollektivierung der Produktionsmittel anstrebt. Die S. dagegen ist eine polit. Partei, die ein konkretes polit. Programm aufstellt, das auch sofort auszuführende gesetzgeberische Forderungen enthält. Die socialdemokratischen Parteien der verschiedenen Länder haben verschiedene Ziele und Tendenzen; in neuerer Zeit ist jedoch Karl Marx (s. d.) immer mehr maßgebend für fast alle ihre Bestrebungen geworden. Besonders die deutsche Arbeiterbewegung, die heute die großartigste Organisation und Ausdehnung unter allen Kulturländern besitzt, ist jetzt streng marxistisch.

Die deutsche S. ist aus zwei Wurzeln hervorgegangen; sie knüpft, abgesehen von der schon vor 1848 hervorgetretenen socialistischen Agitation von Wilhelm Weitling, die eine Abzweigung des franz. Socialismus war, an die beiden Namen Lassalle und Marx an. Im Febr. 1863 wurde Ferdinand Lassalle von dem Centralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Arbeiterkongresses in Leipzig aufgefordert, ein polit.-sociales Programm für die Arbeiteragitation zu entwerfen. Er veröffentlichte das "Offene Antwortschreiben an die Leipziger Arbeiter" (vom 1. März 1863), worin er seine Grundanschauungen darlegt. Dieses Programm (s. Socialismus) bildete die Grundlage des 23. Mai 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der die erste (centralistische) Organisation der socialdemokratischen Partei darstellt. Trotz lebhafter Agitation waren die Erfolge des Vereins nicht sehr glänzend; bei Lassalles Tod (1864) hatte er 4600 Mitglieder in 32 Orten.

Neben dieser Lassalleschen Richtung bildete sich eine zweite aus, die auf den Theorien von Karl Marx fußte. Dieser, der schon 1846 in Brüssel Mitglied des internationalen geheimen Kommunistenbundes gewesen war, verfaßte mit Engels das "Kommunistische Manifest" (6. Aufl., Berl. 1894), das Anfang 1848 zuerst veröffentlicht wurde und von da an die wichtigste Grundlage des Marxismus geblieben ist. (S. Socialismus.) Die Frage, ob die Umwandlung der Gesellschaftsordnung auf friedlichem oder auf revolutionärem Wege erfolgen müsse, wurde von Marx anfangs entschieden in letzterm Sinne beantwortet. Nach den Erfahrungen mit der franz. Februarrevolution und dem Pariser Communeaufstand wurde jedoch in der Auflage des Manifests von 1872 ausdrücklich gesagt, daß auf die revolutionären Maßregeln kein Gewicht mehr gelegt werde; vielmehr sei der Übergang zur neuen Gesellschaftsform ohne Gewaltthat und Blutvergießen erreichbar. Die Taktik der marxistischen internationalen S. ist seitdem darauf gerichtet, die ökonomische und polit. Macht der Arbeiterklasse zu stärken, so daß die Expropriation des Privateigentums auch auf gesetzlichem Wege sich vollziehen könne.

Die Marxschen Ideen drangen bald sehr mächtig, besonders nach der Märzrevolution, in die deutsche Arbeiterbewegung ein. Es bildeten sich zahlreiche Arbeitervereine, von denen eine große Zahl sich zu einer Allgemeinen deutschen Arbeiterverbrüderung vereinigte, die bald einen ausgesprochen socialrevolutionären Charakter annahm. Die Führer des Kommunistenbundes hatten die Rheinprovinz zu ihrem Hauptarbeitsfeld gemacht, wo die von Marx geleitete "Neue Rheinische Zeitung" ihr Programm vertrat. Nach dem Triumph der Reaktion bei der Niederschlagung des bad. Aufstandes wurde der deutsche Kommunistenbund 1850 in London reorganisiert. Marx behauptete seine Diktatur, nachdem eine dissentierende Gruppe sich von ihm losgesagt hatte. Praktisch war dieser Bund jedoch ohne alle Bedeutung, und der im Nov. 1852 entschiedene Kölner Kommunistenprozeß gab ihm vollends den Todesstoß, wenn auch die internationalen Umtriebe von London aus nie gänzlich aufhörten. 1864 wurde die Internationale Arbeiterassociation auf marxistische Principien begründet. (S. Internationale.) Die deutschen Anhänger dieser marxistischen internationalen Bestrebungen gründeten eine der Lassalleschen entgegengesetzte Partei, die Socialdemokratische Arbeiterpartei; ihr Programm, das im Aug. 1869 in Eisenach festgestellt wurde, ist in streng marxistischem Sinne redigiert. Diese "Eisenacher" Partei, in der besonders Bebel und Liebknecht hervortraten, entwickelte sich kräftig neben der Lassalleschen Richtung; bei der Reichstagswahl 1874 erhielten die Socialdemokraten 340000 Stimmen, wovon die Hälfte etwa auf die Eisenacher, die andere Hälfte auf die Lassalleaner gefallen war. Als in demselben Jahre mit harten Maßregeln von seiten der Polizei gegen diese Organisationen vorgegangen wurde, als endlich die gerichtliche Schließung beider Vereine erfolgt war, suchten beide Richtungen sich in äußerlich zusammenhanglosen Vereinen, aber nach gemeinschaftlichem Programm zu verschmelzen. Auf dem Kongreß, der 22. bis 27. Mai 1875 in Gotha tagte, wurde die Vereinigung vollzogen; das Gothaer Programm ist also ein Kompromißprogramm zwischen den Eisenachern und Lassalleanern. Neben den Tendenzen internationaler kommunistischer Natur finden sich dort aber auch Konzessionen an die Lassalleschen Ideen und Vorschläge.