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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Spanien (Geschichte 1875 bis zur Gegenwart)

Der Kammerpräsident Posada de Herrera übernahm in dem neuen Kabinett, in dem vier Mitglieder der dynastischen Linken sich befanden, die Präsidentschaft. Dieses Kabinett erzielte für sein Programm, Einführung des allgemeinen Stimmrechts und Reform der Verfassung, in den Cortes keine Mehrheit und nahm infolgedessen seine Entlassung; Canovas trat 18. Jan. 1884 wieder an die Spitze eines konservativen Ministeriums. Zwischen S., Deutschland und England wurde im März 1885 bezüglich des Sulu-Archipels ein Vertrag geschlossen, worin die Oberhoheit S.s über diese Inseln anerkannt und den beiden andern Staaten Handelsfreiheit zugestanden wurde. Aber die Nachricht, daß das deutsche Kanonenboot Iltis am 24. Aug. die deutsche Reichsflagge auf Dap, der Hauptinsel der Karolinen, geheißt habe, und daß die zu dem nämlichen Zweck von Manila abgeschickten span. Kriegsschiffe zu spät gekommen seien, erregte in S. einen Sturm der Entrüstung. Es entwickelte sich eine diplomat. Korrespondenz zwischen Berlin und Madrid, in der Fürst Bismarck von S. thatsächliche Beweise dafür, daß die Karolinen früher unter S.s Oberhoheit gestanden seien, verlangte, während die span. Regierung die Souveränitätsansprüche S.s auf die Karolinen aufrecht erhielt. Endlich einigten sich beide Mächte auf Vorschlag Bismarcks, dem Papst Leo XIII. das Schiedsrichteramt zu übertragen, der 22. Okt. 1885 S. die Souveränität über die Karolinen zuerkannte, dem deutschen Handel aber wichtige Rechte sicherte.

Neueste Zeit. Am 25. Nov. 1885 starb König Alfons XII.; seine Witwe Maria Christina, welche ihrer Niederkunft entgegensah, übernahm nun die Regentschaft. Das Ministerium Canovas gab seine Entlassung, und Sagasta bildete 26. Nov. ein neues Kabinett. Die Cortes wurden 26. Dez. wieder eröffnet, aber schon 6. Jan. 1886 aufgelöst. Die Neuwahlen im April ergaben in der Kammer eine ministerielle Mehrheit von 310 Stimmen gegen 120 Oppositionsmitglieder, im Senat eine ministerielle Mehrheit von 136 Stimmen gegen 44. Durch königl. Dekret vom 9. April wurden an den bedeutendsten span. Hafen- und Handelsplätzen Handelskammern errichtet, die bei Abschluß von Handels- und Schiffahrtsverträgen, bei Zollreformplänen u. s. w. zu Rate gezogen werden sollten. Republikanische Aufstände, die in Cartagena und in Barcelona stattfanden, wurden sofort unterdrückt.

Am 17. Mai 1886 wurde die Königin-Regentin von einem Prinzen entbunden, der sofort als König Alfons XIII. proklamiert wurde. Die neu gewählten Cortes leisteten 11. Juni den Eid der Treue für den jungen König und die Verfassung. Das Abgeordnetenhaus lehnte 21. Juli den Antrag, daß der Insel Cuba Selbstregierung gewährt werden solle, ab und beschloß 27. Juli die vollständige Freigebung der noch in Abhängigkeit von ihren frühern Herren stehenden 26 000 Neger auf Cuba. Der mit England abgeschlossene Handelsvertrag wurde von beiden Kammern genehmigt. Der von den Republikanern, besonders von dem in Paris lebenden Zorilla 19. Sept. veranstaltete Militäraufstand in Madrid wurde von dem Generalkapitän Pavia unterdrückt. Die Führer wurden vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt, aber auf Wunsch der Königin zu lebenslänglicher Verbannung und Internierung begnadigt und nach Fernando Po gebracht. Infolgedessen gab das Ministerium Sagasta 8. Okt. seine Entlassung ein, worauf Sagasta ein neues Kabinett bildete, in dem er wieder das Präsidium übernahm. Durch Aufhebung sämtlicher Sergeantmajorstellen in der aktiven Armee sollte die Zuverlässigkeit des Heers erhöht werden.

Bei der Wiedereröffnung der Cortes 18. Nov. kündigte Sagasta mehrere Gesetzentwürfe an, darunter solche über Einführung der Schwurgerichte, der Civilehe, der militär. Reformen, aber keinen über Erweiterung des Wahlrechts. Der Gesetzentwurf über Reorganisation der bisher vernachlässigten Flotte wurde von den Cortes genehmigt.

Die Cortes wurden 17. Jan. 1887 wieder eröffnet. Die in denselben eingebrachte Militärvorlage hatte als Hauptbestimmungen: allgemeine Wehrpflicht, zwölfjährige Dienstzeit, in den überseeischen Provinzen achtjährige, Einjährig-Freiwilligendienst, Einteilung des Landes in acht große Generalkommandos; Vorrücken bis zum Obersten in Friedenszeit nach der Dienstdauer, in Kriegszeit nach Wahl; Stärke des stehenden Heers für die Halbinsel 100 000 Mann, für Cuba 19 000, für die Philippinen 5700, für Portoriko 3700. Die Einführung der Geschworenengerichte wurde 7. Mai 1887 vom Kongreß mit 206 gegen 50 (konservative) Stimmen genehmigt. Der auf die Erhebung einer Zuschlagtaxe auf das aus dem Ausland eingeführte Getreide gestellte Antrag wurde vom Senat 3. Juni abgelehnt. Das Gesetz über die Verpachtung der Tabakregie wurde von beiden Kammern genehmigt. Anfang Juli fanden in Valencia und Barcelona wegen Erhöhung der Steuer auf Schlachtvieh größere Ruhestörungen statt. In Cuba fanden bei einer Untersuchung wegen arger Zollmißbräuche blutige Zusammenstöße zwischen der Bevölkerung und dem Militär statt, während gleichzeitig eine Verschwörung auf Portoriko den Abfall von S. bezweckte, aber noch zuvor entdeckt wurde. Ende September brach auf den Karolinen ein Aufstand der Eingeborenen aus wegen Ausweisung eines protestantischen amerik. Pastors. In Westafrika nahm S. im Juni 1886 durch Verträge mit Häuptlingen ein Gebiet von 14 000 qkm in Besitz, das vom Fluß Campo, der Sierra de Cristal und dem Fluß Noya bis zur Küste von Sta. Clara begrenzt wird. Der zwischen Kap Blanco und Kap Bojador gelegene Teil der Westküste Afrikas wurde 1887 von S. in Besitz genommen. In Ostafrika erwarb S. 1887 am Roten Meer unweit Massaua einen Hafen, der eine Kohlenstation für die nach den Philippinen fahrenden Dampfer werden sollte. Der auf den Sulu-Inseln ausgebrochene Aufstand wurde von dem dortigen Gouverneur im Juni 1887 unterdrückt. Auf Wunsch des Sultans von Marokko lud S. im Dezember die Großmächte zu einer Konferenz ein behufs Änderung der Konvention von 1880. Zugleich (Ende Dez. 1887) wurden die span. Gesandtschaften in Berlin, Rom, Wien und London zu Botschaften erhoben.

Im Frühjahr 1888 trat wegen einer Differenz, die zwischen dem Ministerium und dem Generalkapitän Martinez Campos entstanden war, dieser zurück und jenes reichte sein Entlassungsgesuch ein; Sagasta bildete im Juni ein neues Ministerium. Die Frage des allgemeinen Stimmrechts erregte fortdauernd die Gemüter und veranlaßte Ende des Jahres besonders in der Hauptstadt Unruhen. Am 8. Dez. überreichten sämtliche Minister ihr Entlassungsgesuch, Sagasta bildete ein neues, sodann im Jan. 1890 wiederum ein neues (5 Demokraten, 4 Konstitutionelle). Die von Sagasta eingebrachte