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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Spanische Litteratur

sind in der ursprünglichen Gestalt erhalten, das "Poema de Conde Fernan Gonzalez" in Klerikerbearbeitung, andere, wie "Bernardo del Carpio", die "Sieben Kinder von Lara", der "Cerco de Zamora" in der vortrefflichen Prosaauflösung der "Crónica general", aus welcher späterhin die Romanze und das Theater reichste Anregung zog. Die Klerikerdichtung bewegt sich vorzugsweise im vierzeiligen Alexandriner, der "Cuaderna via", ist kirchlich oder gelehrt popularisierend. Ihr hervorragendster Vertreter ist um 1230 Gonzalvo de Berceo, der in naivrealistischer Breite Heiligenleben, Marienwunder und Verwandtes vorträgt, aber auch die "Alexandreis" des Gautier von Chatillon bearbeitet hat. Einem lat. Roman folgt das "Libro de Apolonio" (Shakespeares "Pericles"), das erwähnte "Poema de Fernan Gonzalez" verkirchlicht die Volkssage. Dazu kommen einige Umkleidungen kleinerer franz. Gedichte, wie der Streit zwischen Körper und Seele, Wein und Wasser, endlich das einzige altspan. geistliche Drama, das "Misterio de los reyes magos" (Erlangen 1887).

Die Blütezeit des Epos war das 12. Jahrh., und auch die Kunstdichtung räumt in der Mitte des 13. Jahrh. der Prosa den Platz, die von Alfonso X. dem Weisen geschaffen wurde. Vor seiner Zeit liegen nur Urkunden, die älteste (1274) das "Fuero de Avilés" (Madr. 1865) und die von Ferdinand dem Heiligen noch in den verschiedenen Dialekten veranstalteten Übersetzungen des Westgotenrechts, das "Fuero Juzgo" (ebd. 1815). Das bedeutendste Werk des Königs ist seine "Span. Chronik" (Zamora 1541 und Valladolid 1604), die er später zu einer Weltchronik, "Crónica general", erweiterte, ausgezeichnet durch harmonische Jugendfrische der Sprache und naiv-epische Darstellung, eine Fundgrube poet. Sage. Daneben steht sein encyklopäd. "Septenario", eine umfassende, wenn auch wenig wirksame gesetzgeberische Thätigkeit ("Opúsculos legales", Madr. 1836), die in dem großen Codex der stark lehrhaften "Siete Partidas" (ebd. 1807) gipfelt. Auch die in seinem Auftrag gefertigten Übersetzungen einer Reihe astron. Traktate ("Libros del Saber de Astronomia", Madr. 1863) sind stilistisch von ihm redigiert. Außerdem hat er die Rahmenerzählung "Calila und Dimna", die arab. Version der ind. "Pantschatantra", übertragen lassen. Gleichzeitig sind Übersetzungen aragon. Sentenzensammlungen, an der Spitze die "Bocados de oro" (vgl. Knust, Mitteilungen aus dem Escorial, Tüb. 1880), mit orient. Schmuck, deren Nachahmungen zum Teil in die Gattung der Fürstenspiegel oder die Rahmenerzählung hinüberfließen. Im wesentlichen bleibt zunächst die Pflege der Prosa bei der Königsfamilie, lehrhaft und historisch. Alfonsos Bruder Fadrique ließ das Gegenstück zu "Calila und Dimna", die Novellensammlung "Sindibad" (hg. von Comparetti, Mail. 1869) übersetzen; sein Sohn Sancho IV. Senecas "De ira", Brunetto Latinis "Libro del Tesoro", veranlaßte die Kompilation der "Gran Conquista de Ultramar" (Bd. 41 der "Biblioteca de autores españoles", 1858) und verfaßte mit fremder Hilfe ein encyklopäd. "Lucidario" sowie den Fürstenspiegel "Castigos e documentos". Alfonso XI. verfaßte ein "Jagdbuch" (Madr. 1877), veranlaßte die Übersetzung des altfranz. "Roman de Troie" und eröffnete, indem er die Fortsetzung der "Crónica de España" bis auf seine Zeit befahl, die lange Reihe der offiziellen Reichschroniken ("Biblioteca de autores españoles", Bd. 66 u. 68). Ein anderer Enkel Alfonsos X., Juan Manuel, nimmt neben ihm die erste Stelle unter den alten Prosaisten ein. Von seinen mannigfaltigen Schriften mögen nur die verlorenen "Reglas como se deve trovar", die erhaltenen "Bücher von den Ständen", das encyklopäd. "Del Caballero y del Escudero", das "Libro de la Caza" (hg. von Baist, Halle 1880) genannt sein; am berühmtesten ist der Novellenkranz des "Libro de Patronio" oder "Conde Lucanor", die erste selbständige span. Sammlung, eigenartig und frisch erzählt (verdeutscht von Eichendorff, Berl. 1840).

Die "Gran Conquista de Ultramar" hatte franz. Epen von Berta und Mainet und den "Schwanenritter" in sich aufgenommen, etwas später sind einige andere erzählende Dichtungen übersetzt, "Sebile", "Florence de Rome", "Guillaume d'Angleterre" (vgl. Knust, Dos obras didácticas, Madr. 1878). Von weittragendster Bedeutung wurde im ersten Drittel des 14. Jahrh. die Übertragung des umfangreichen Prosatristan (Handschrift der "Vaticana" 6428), auf welche später noch andere höfische Abenteurerromane des Artuskreises folgten ("Lancarote", "Brodo de Merlin", "Demanda del Graal). Bald nach dem Tristan ist noch sehr ungeschickt der "Cavallero Cifar" (Tüb. 1872) erfunden; sein nächster Nachkomme aber, wenn auch vielleicht erst zu Beginn der folgenden Periode, war der berühmte Amadis (s. d.); Frauendienst und Abenteuer sind nach franz. Art, aber der Held ist gefühlvoller und tugendhaft geworden, der Rahmen des Artushofes aufgegeben. Man kennt keine Nachahmungen aus dem 15. Jahrh., erst die Erneuerung und Drucklegung des Romans durch Montalvo rief diese hervor. Viel gelesen ward er indessen von Anfang an und wirkte mitbestimmend auf die Zeitideale. Gleichzeitig mit der Novelle Juan Manuels und dem "Cifar" ist die Reimerzählung des Archipreste de Hita Juan Ruiz, dem die herkömmliche didaktische Absicht nur noch als Vorwand dient, um seine farbenreiche Lebenslust, Darstellungsgabe und Reimfertigkeit spielen zu lassen. Bei ihm finden sich auch die ersten castilischen lyrischen Gedichte, Pastorellen, Marienlieder, Bittlieder für Vaganten, an altfranz. Formen sich anlehnend, aber volksmäßig umgestaltet. Mit ihm, ihrem originellsten Vertreter, schließt die Zeit des überwiegenden franz. Einflusses; nur die Reimsprüche des Rabbi Santo (um 1350) und zum Teil das "Rimado de palacio" des Pero Lopez de Ayala, das letzte Gedicht in der "Cuaderna via", sind ihr noch beizurechnen. In seiner Prosa und Lyrik gehört Ayala der folgenden Periode an. - Einen beträchtlichen Teil der ältesten Litteratur enthalten die Bände 51 und 57 der "Biblioteca de autores españoles"; zu weiterer Orientierung empfiehlt sich Puymaigre, Les vieux auteurs castillans (2. Aufl., 2 Bde., Par. 1888-90) und die Abteilung "Spanische Litteratur" in Gröbers "Grundriß der roman. Philologie", Bd. 2 (Straßb. 1893 fg.).

Eine zweite Periode (15. Jahrh.) hebt sich scharf von der ersten ab, in der innern Grundlage wie in den äußern Beziehungen. Bisher trafen Spielleute, Könige und Geistliche in dem Streben nach Gemeinverständlichkeit zusammen. Hauptträger der Litteratur wird nunmehr ein unruhiger, glanzliebender Adel, dessen Ideal nicht mehr der Cid, sondern der Amadis ist, dem die Gelegenheitsdichtung wie die Förderung der Kenntnis des Altertums zum Schmuck des Lebens dient: die Litteratur richtet sich