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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Spanische Litteratur

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Spanische Litteratur

Nach einem nicht belangreichen neuklassischen und einem noch schwächern romantischen Anlauf erhob sich die span. Malerei in den letzten Jahrzehnten meteorartig mit einer Europa (auf den Weltausstellungen) verblüffenden Stärke der Eigentümlichkeit, Mannigfaltigkeit interessanter Talente und blendender Beherrschung der Technik. Freilich haben sich die besten dieser Maler im Ausland gebildet, sie leben und arbeiten zum Teil in Paris und Rom und finden sogar die besten Verehrer und Bezahler außerhalb ihres Vaterlandes. Wie im 17. Jahrh. am ital. Naturalismus, so hat heutzutage am Pariser Realismus der malerische Nationalgeist Spaniens sich selbst gefunden. Zwei Richtungen lassen sich unterscheiden. Während in den großen Historienbildern in Wahl der Stoffe und in Auffassung der Hang zum tragisch Ernsten, ja Finstern, bisweilen Gespenstischen und Grausamen wieder auftaucht (doch ohne die kirchliche Weihe), in der Darstellung der unerbittliche Realismus, die breite pastose, auf den Totaleindruck arbeitende Methode bis zum Wüsten an einige ihrer großen Maler des 17. Jahrh. erinnert: so drängt sich in einer der Kabinettsmalerei huldigenden Gruppe der moderne Geist, der Kultus der Bibelots und die Frivolität der jetzigen span. Gesellschaft dreist hervor, in humoristischen Sittenbildern span. oder afrik. Kostüms, in kecken Momentaufnahmen des Flitters und Schaums großstädtischen Treibens, aber in großartigen Farben- und Lichteffekten die alte koloristische Ader bewährend. Beide Richtungen finden sich wohl in derselben Person vereinigt. Zu den Vertretern der großen Historie gehören: Francisco Pradilla (s. d. und Taf. III, Fig. 6), Eduardo Rosales, Martinez Cubello; neuerdings haben José Benlliurey Gil (s. d. und Taf. III, Fig. 5), Tejedor u. a. sich ihnen ebenbürtig zur Seite gestellt; zu den Genremalern Mariano Fortuny, Zamacois, Juan Antonio Gonzalez, ferner E. Sala, Fernandez y Baldenes, Jimenes y Aranda, Angel Lezcano u. s. w. Porträtisten sind Federico Madrazo (gest. 1894), Pescador, Eguiquipa. Auch die Landschaft folgte der modern franz. Richtung; genannt seien Martin Rico, zugleich Landschafter und Genremaler, Raimundo de Madrazo, I. Mafriera, Ruis de Valdivia, Modesto Urgell, Morero y Galicia, Carlos de Haes u. a. Sie entlehnen ihre Motive auch dem benachbarten Marokko.

Vgl. Graf A. Laborde, Voyage pittoresque et historique de l'Espagne (4 Bde., Par. 1807-18, mit 284 Kupfertafeln); Caveda, Geschichte der Baukunst in Spanien (übersetzt von P. Heyse, hg. von Kugler, Stuttg. 1858); Palomino y Velasco, Museo pictorico (3 Bde., Madr. 1715-24); Cean-Bermudez, Diccionario historico de los mas ilustres profesores de las bellas artes en España (6 Bde., ebd. 1800); ders., Noticias de los arquitectos y arquitectura de España (4 Bde., ebd. 1829); Stirling, Annals of the artists of Spain (3 Bde., Lond. 1848 u. ö.); Passavant, Die christl. Kunst in Spanien (Lpz. 1853); A. Ponz, Viage de España (18 Bde., Madr. 1776-94); Monumentos arquitectónicos de España (Prachtwerk, ebd. 1859 fg.); für Bildnisskulptur des Mittelalters: Val. Carderera, Iconografia española (2 Bde., ebd. 1855 u. 1864); Justi, Diego Velasquez und sein Jahrhundert (2 Bde., Bonn 1888). Für alle bildende Künste: Museo español de antiguedadas (Madr. 1872 fg.); Uhde, Baudenkmäler in Spanien und Portugal (Berl. 1889-92); Junghändel, Die Baukunst Spaniens in ihren hervorragendsten Werken dargestellt (mit Text von Corn. Gurlitt, Dresd. 1889-93; Nachtrag von P. de Madrazo, 1897 fg.); Prentice, The renaissance of architecture and ornament in Spain (Lond. 1894).

Spanische Litteratur. Die span. Nationallitteratur ist eine der jüngsten unter den romanischen, der Zusammenhang mit der antiken Tradition schwächer als irgendwo. Nach der arab. Invasion von 711 assimilierten sich die unterworfenen Christen in der Kultur und teilweise auch in der Sprache den Eroberern, wenn auch ihre Religion noch bis ins 12. Jahrh. geduldet war. Mehr oder minder unabhängig blieb nur das Bergland der Nordküste bis zum Ebro, kleine kriegerische Staatenbildungen, die sich in fortwährenden Kämpfen nach dem Süden ausdehnten, und unter denen seit dem 11. Jahrh. Castilien das polit. und sprachliche Übergewicht erlangte. In jener Frühzeit hat sich nur eine äußerst kümmerliche lat. Chronikenschreibung und Hymnendichtung fristen können. In der Volkssprache lebte, wie überall, Sage, Sprichwort, Kindervers und Tanzlied, während die erzählende Romanze jüngern Ursprungs ist. Eine Tanzweise findet sich bei Berceo nachgeahmt, im 15. Jahrh. sind solche bei den höfischen Dichtern in Glossen verflochten, auch im Zusammenhang mit der Melodie überliefert, weiterhin werden sie gern im Drama eingelegt. In knapper Anmut, schalkhaft, jauchzend, betrübt, bilden die Coplas, Seguidillas, Muñeiras u. s. w. noch heute den zierlichsten Schmuck des span. Volkslebens. Nachdem besonders Fernan Caballero auf sie aufmerksam gemacht und eine Reihe von Sammlungen veranstaltet hatte, gab Rodriguez Marin die wichtigsten in "Cantos populares españoles" (5 Bde., Madr. 1882-83) und in der "Biblioteca de las tradiciones populares" (11 Bde., Sevilla 1883) heraus. Aber nicht jener Grundlage, noch weniger den Arabern, sondern östl. Anregung entstammen die Formen höherer Dichtungsart. Im 11. Jahrh. wurde die Verbindung mit dem Abendland einerseits durch die Annahme der cluniacensischen Klosterreform und die Aufnahme ihrer Vertreter, andererseits durch eine nicht unerhebliche Einwanderung franz., überwiegend normann. Hilfsscharen hergestellt, ihnen folgte der franz. Spielmann, der provençalische Trovador. Zwei merkwürdige lat. Erzeugnisse des 12. Jahrh. bezeichnen die Kulturpole des Landes: den schwächern die "Disciplina clericalis" des jüd. Konvertiten Petrus Alfonsus, die erste abendländ. Rahmenerzählung nach arab. Muster, den stärkern das in Compostela zur Belebung der franz. Wallfahrten gefälschte "Liber Jacobi", dessen viertes Buch, der sog. Pseudoturpin, das franz. Rolandslied im Interesse des Heiligtums umgestaltete. Eine volkssprachliche Litteratur entstand seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts; Veranlagung und äußere Beziehungen ließen in scharfer Trennung Galicien und Portugal sich an die Lyrik der Provencalen anschließen, während Castilien der erzählenden und didaktischen Richtung Nordfrankreichs folgte; diese Scheidung besteht bis nach der Mitte des 14. Jahrh. Bis dahin reicht die erste Periode der Litteratur, die des vorwiegend franz. Einflusses.

Die älteste span. Poesie zerlegt sich in zwei Gruppen, die epische und die Klerikerdichtung. Das Epos übernahm die Form seiner franz. Vorbilder, den assonierenden Alexandriner, ist aber nach Geist und Stoff durchaus volkstümlich national. Nur das "Poema del Cid" und die "Mocedadas del Cid"