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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Spitzengrund - Spitzer (Daniel)

genannt), sind vielfach aus einzelnen gehäkelten Figuren, die teils aneinander geschlungen, teils durch kurze, mit Picots verzierte Luftmaschenstäbchen verbunden sind.

Die Maschinenspitzen, denen gegenüber die Handspitzen öfters, obwohl unrichtig, als echte S. bezeichnet werden, sind entweder auf der Klöppelmaschine (s. d.), oder auf der Wirkmaschine (s. d.), oder auf dem Bobbinnetstuhl (s. Bobbinnet) hergestellt und zeigen demgemäß eine verschiedene Beschaffenheit. Auf der Klöppelmaschine werden fast nur einfache Grundbindungen mit quadratischen Zellen für gröbere Leinen- und Wollspitzen erzeugt, da für zusammengesetztere Bindungen oder bei vielfachem Zusammendrehen der Fäden die dem Wechsel von Zwirnen und Flechten bewirkende Vorrichtung zu umständlich würde. Die auf der Wirkmaschine hergestellten S., die teils die Torchon-, teils die Guipürespitze nachahmen und deren Musterung naturgemäß eine beschränkte ist, sind auf den ersten Blick durch die eigentümliche, der Häkelarbeit ähnliche Bindungsweise zu unterscheiden. Die größte Bedeutung haben gegenwärtig die auf dem Bobbinnetstuhl verfertigten Tüllspitzen, die in ihren bessern Sorten den Handspitzen sehr ähnlich sind, obwohl sie bezüglich der Bindungsweise von ihnen abweichen. Zu den für Tüllspitzen üblichen Bindungsweisen gehören der den Grund (Fond) der Nähspitzen imitierende Nadelgrund, der Torchongrund, der Malinesgrund, der die breiten, parallel zur Spitzenkante liegenden Zellenstege der geklöppelten Malinesspitze, allerdings in weniger haltbarer Weise, darstellt, endlich der Gardinengrund, der für gröbere Spitzensorten sowie für die gewöhnlichen Gardinen ("engl. Tüllgardinen") zur Anwendung kommt. Die Tafeln: Spitzen I und II geben Beispiele von Hand- und Maschinenspitzen.

Geschichtliches. Die ersten Arbeiten, die im eigentlichen Sinne als S. bezeichnet werden können, tauchten am Ausgang des Mittelalters in Italien und bald nachher in den Niederlanden auf. Um die Mitte des 16.Jahrh. wurde die Kunst des Spitzennähens und noch später die des Spitzenklöppelns nach Frankreich verpflanzt; allein erst die großartigen Unternehmungen Colberts ermöglichten den Triumph der franz. Spitzenindustrie über ihre ital. und niederländ. Vorbilder. In Chantilly wurden schon zu Anfang des 17. Jahrh. durch Catherine de Rohan, Herzogin von Longueville, Spitzenschulen gegründet, aus denen vorzügliche Blonden, insbesondere die schwarzen Trauerspitzen (Chantillyspitzen), hervorgingen; außerdem wurden Valenciennes, Alencon, Argentan, Puy durch die eigenartige Technik und die künstlerische Ausstattung ihrer Erzeugnisse berühmt. Ihre höchste Blüte erreichte diese Industrie im Laufe des 18. Jahrh. Deutschland besaß schon früh in Nürnberg, Augsburg, Leipzig, Hamburg, Elberfeld größere Spitzenmanufakturen, doch gewann erst die durch Barbara Uttmann (s. d.) im sächs. Erzgebirge eingeführte Spitzenklöppelei wirkliche Bedeutung. In neuerer Zeit werden hier wie im böhm. Erzgebirge vortreffliche Arbeiten in geklöppelter und in genähter Spitze hergestellt. Durch den Fortschritt der Maschinentechnik ist der Handarbeit seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts eine bedeutende Konkurrenz erwachsen. In neuester Zeit ist es August Matitsch, dem einstigen Direktor und Mitbesitzer der großen L. Damböckschen Bobbinnet- und Spitzenfabrik in Wien, gelungen, nach dem Princip der Heathcoatschen Bobbinnetmaschine eine Klöppelmaschine zu konstruieren, die auf verhältnismäßig einfache Weise die Herstellung "echter" Klöppelspitzen ermöglicht. Den Hauptanteil an der Fabrikation der Maschinenspitzen nimmt England (Nottingham), nächst ihm Frankreich (Calais, St. Pierre-les-Calais, Lyon, Lille, Douai, St. Quentin, Caudry), ferner Österreich und besonders in der Anfertigung von Tüllgardinen das Königreich Sachsen (Vogtland). Eifrige Pflege haben neuerlich auch die gehäkelten S. gefunden, deren einfacher Bau große Mannigfaltigkeit in der Verzierung gestattet.

Statistik. In Deutschland betrug (1896) die Einfuhr 14,1, die Ausfuhr 25 Mill. M., darunter baumwollene S. und Stickerei 13,9 und 8,4, Leinenzwirnspitzen 0,4 und 0,3, Seidenspitzen 0,2 und 0,7, Wollenspitzen und Tülle 1,1 Mill. M. Gleichfalls ansehnlich ist die Ausfuhr aus England, Frankreich und Österreich.

Litteratur. Seguin, La Dentelle. Histoire, description, fabrication, bibliographie (Par. 1874); Bury-Palliser, Histoire de la Dentelle (ebd. 1869); Ilg, Geschichte und Terminologie der alten S. (Wien 1870); Sibmacher, Stick- und Musterbuch (nach der Ausgabe von 1597, ebd. 1877; nach der 4. Ausgabe von 1604 hg. von Georgens, ebd. 1874); Hoffmann, Spitzenmusterbuch (nach der Ausgabe von 1607, ebd. 1876); Originalstickmuster der Renaissance (2. Aufl., ebd. 1880); Spitzenalbum (hg. vom Österreichischen Museum für Kunst und Industrie, ebd. 1876); Tina Frauberger, Handbuch der Spitzenkunde (Lpz. 1394); ferner gab Cocheris eine Reihe seltener Spitzenmusterbücher des 16. Jahrh. aus der Bibliothèque Mazarin (Patrons de broderio et de lingerie du 16e siècle, Par. 1972), Eitelberger 50 Blatt der schönsten Muster aus deutschen und ital. Musterbüchern des 16. Jahrh. (Wien 1874) heraus. Vgl. ferner: Hugo Fischer, Zur Technologie der Handspitzen (im "Civilingenieur", Bd. 24, 1878); ders., Technolog. Studien im sächs. Erzgebirge (Lpz. 1878); ders., Die Spitzenmaschine von Eugen Malhère in Paris (in Dinglers "Polytechnischem Journal", Bd. 240, 1881); Spitzenmaschine von August Matitsch in Wien (ebd., Bd. 304, 1897). (S. auch die Litteratur bei Bobbinnet und Ornament.)

Spitzengrund, s. Spitzen und Fadengebilde.

Spitzenkatarrh, s. Lungenschwindsucht.

Spitzenklöppeln, s. Klöppeln und Spitzen.

Spitzenklöppelschulen, s. Klöppelschulen.

Spitzenkrause, s. Kragen.

Spitzenmaschine, soviel wie Klöppelmaschine (s. d.).

Spitzenpapier oder Tüllpapier, Papier, das durch Abpressen eines wirklichen Spitzen- oder Tüllstücks auf Papier, häufiger durch Schlagen mit einem Bleihammer auf das von einer Stahlform gestützte Papier hergestellt und hauptsächlich zu den Manschetten für Bouquets verwendet wird.

Spitzenstich, s. Nähen und Spitzen.

Spitzer, Daniel, Schriftsteller, geb. 3. Juli 1835 zu Wien, studierte daselbst die Rechte und wurde Konzipist bei der Wiener Handelskammer. Er starb 11. Jan. 1893 in Meran. S. ist bekannt durch die seit 1865 in der "Neuen Freien Presse" veröffentlichten satir. Plaudereien "Wiener Spaziergänge" (vereinigt in sechs Sammlungen, Lpz. 1878-86 u. ö.; dazu "Letzte Wiener Spaziergänge", mit einer Charakteristik S.s von Kalbeck, Wien 1894). Gleichfalls satir. Art sind seine Novellen "Das Herrenrecht" (Wien 1877 u. ö.) und "Verliebte Wagnerianer" (Lpz. 1880; 8. Aufl., Wien 1385).