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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Teufel

durch den Erzengel Michael besiegt, verfolgt er die Kirche Gottes auf Erden, wird durch den Messias überwunden, auf tausend Jahre gefesselt, dann noch einmal befreit und nach einem letzten furchtbaren Kampfe in den Schwefelpfuhl geworfen. In den jüngern Schriften, wie im Evangelium des Johannes, ist der Gegensatz Christi und des T. zu einem förmlichen Dualismus zwischen dem Reiche des Lichts und dem der Finsternis zugespitzt.

Diese neutestamentlichen Vorstellungen bilden bis auf wenige neue Züge schon die Grundlage für den Teufelsglauben der ersten sechs christl. Jahrhunderte. Als eigentlicher Sitz des T. und seiner Dämonen, in denen man immer bestimmter die verschiedenen heidn. Götter wiedererkannte, galt die ganze heidn. Welt, als vornehmliche Werke des T. (als "pompa diaboli") alles, was irgend mit dem heidn. Kultus zusammenhing, selbst Schauspiele, Fechterspiele, Tänze, allerlei öffentliche Lustbarkeiten und Schmausereien, sowie die verschiedensten Künste und Gewerbe. Seine Feindschaft gegen die Kirche Christi bethätigte der T. durch Anstiftung von Christenverfolgungen und Ketzereien, durch Verleitung der Gläubigen zum Abfall und zu allerlei Lastern, durch Plagen mit Krankheiten, Hungersnot u. s. w. Sein Herrschaftsgebiet aber ist die von unzähligen T. bevölkerte Hölle.

Eigentlicher Dualismus ist dem strengen Monotheismus des Judentums und Christentums fremd. Daher T. und Dämonen nicht als ursprünglich böse, sondern als ursprünglich gute aber gefallene Engel galten. Die Gnosis und mehr noch der Manichäismus ließen eine dualistische Betrachtungsweise des T. zu, wobei aber namentlich erstere die schließliche Überwindung des bösen Princips stets im Auge behält. Die Vorstellung des Origenes und anderer Kirchenlehrer freilich, daß am Ende der Dinge auch eine Bekehrung des T. bevorstehe, wurde von der spätern Kirche verworfen. Mit besonderer Vorliebe verweilte die kirchliche Theologie bei der Schilderung des Kampfes Christi und des T. um die Herrschaft über die Menschen. Das Erlösungswerk wurde anfangs als ein von Christus über den T. errungener Sieg, Christi Tod als ein dem T. gezahltes Lösegeld vorgestellt, um die in seiner Gewalt befindlichen Seelen zu erkaufen. Man achtete auch die ungetauften Christenkinder als vom T. besessen, daher die Sitte aufkam, den T. aus den Neugeborenen vor der Taufe auszutreiben. Für die Austreibung der Dämonen aus Kranken waren sogar besondere Beamte angestellt. (S. Exorcismus.)

Eine ungleich reichere Ausbildung, als im kirchlichen Altertum, erhielt der Teufelsglaube im german. Mittelalter, zu welcher Zeit der Glaube an Kobolde, Unholdinnen, Elfen und Zwerge mit den altchristl., durch Mönche und Einsiedler genährten Phantasien vom T. und seinen Dämonen verschmolz. Außer dem Namen T. (altdeutsch tiuval) als Benennung von bösen Geistern jeder Art kommen noch vor die Bezeichnung vâlant, der Verführer (auch vâlantinne, Teufelin), der alte Feind u. a. m., wogegen Satan erst seit Luthers Zeit wieder in Aufnahme kam. Die Wohnung des T. dachte man sich in der Hölle (daher die alten Benennungen des T.: Hellewart, Hellewirt, Hellehirt); doch durften die T. gleich den alten Göttern und Geistern auch überall auf, über und unter der Erde verkehren. Erschien der T. in rein menschlicher Gestalt, so war er wenigstens lahm, gleich dem ebenfalls vom Himmel herabgestürzten Feuergotte Hephaistos des griechischen und dem Schmiede Wieland des deutschen Mythus, und bekleidet mit grauem, grünem oder rotem Rocke, gleich den Kobolden und Zwergen, den Erd-, Haus- und Herdgeistern des verdrängten Glaubens, zuweilen auch schwarz und rußig, seinem Wohnorte und dem Gegensatze zum reinen Gotte gemäß. Gewöhnlich aber und zumeist wohl in Übertragung der den german. Dämonen innewohnenden Macht der Gestaltwandlung erschien er als schwarzes Pferd, als Bock, als Sau, als Wolf, als (Höllen-)Hund, als Rabe, als Schlange u. s. w., oder mit Pferde- oder Bocksfuß, Hörnern und Schwanz. Andere Züge erinnern an den Hammer Thors (s. d.) und an den angelsächs. bösen Dämon Grendel (Riegel), dessen Mutter (Grendeles môdor) wiederum des T. Mutter oder Großmutter entspricht; daher die Redensarten "Der T. schlägt seine Mutter" (wenn Regenschauer schnell mit Sonnenschein wechseln), "Wo der T. nicht hin kann, da schickt er seine Großmutter hin". Unter dem wirksamen Einfluß aller dieser neuen Elemente wurden einerseits die Phantasien vom Reiche des Bösen ins Ungeheuerliche gesteigert, andererseits wurde doch auch das naive Verhältnis des german. Heidentums zu seinen Dämonen auf das Verhältnis zum T. übertragen und gaben seinem Wesen eine bisher unbekannte humoristische Seite. Von den großen Göttern gingen nur wenige Züge auf den T. über, höchstens einige vom Donar (Thor), dem Gott des Gewitters; daher noch die Redensarten: "Da soll ja der T. (Donner) dreinschlagen"; "Die (entlaufene) Gans ist zum Donner (Teufel) gegangen". Dagegen überwies man ihm vieles, was man früher von Elementargeistern niedern Ranges, von Riesen und Elfen oder Wichten (daher Bösewicht, Hellewicht, armer Wicht = armer T.) geglaubt hatte. Wie die Elfen konnte der T. erscheinen, verschwinden, sich verwandeln; wie der Alp ritt er die Menschen, oder nahm er von ihrem Fleische Besitz. Auch die große, nur freilich jetzt etwas gefährlichere Dienstfertigkeit der Elfen übernahm der T., verdingte sich als Knecht und trug seinen Freunden Getreide und andere Güter, als feuriger Drache zum Schornstein hineinfahrend, auch Geld zu. Dieser heidn. Fassung gehört die eine Seite des Mephistopheles im Volksbuche von Faust, während die andere den lutherisch-christlichen T. zeigt. Von den Riesen empfing der T. die große physische Kraft und die Lust am Bauen, wobei er nicht selten Steine verlor, die das Volk bis diesen Tag bewundert; zugleich erbte er auch die riesische Tölpelei und Dummheit, die menschlicher List und Schlauheit fast immer unterliegt. Daneben bildete sich besonders die Vorstellung von der schädlichen Macht des T. über die Natur, die Witterung, schädliche Tiere u. s. w., weiter aus, die man mit allerlei Zaubermitteln, durch Glockenläuten, Prozessionen, Weihwasser und kirchliche Verfluchung zu bannen suchte. In engem Zusammenhange wiederum mit der Herrschaft des T. über die Natur stand der Glaube an Hexerei. (S. Hexen.) Verträge mit Göttern kannte schon das german. Heidentum; Verträge mit dem T., bekräftigt durch blutige Unterschrift, kommen erst im spätern Mittelalter, aber offenbar noch unter heidn. Einflüssen vor; eins der frühesten Beispiele bietet die Legende von Theophilus (s. d.). Jeder ungewöhnliche Grad von Wissenschaft und Kunstfertigkeit galt, namentlich in den Zeiten niedriger allgemeiner Kultur, als durch ein Bündnis mit dem T. erworben.

Gesondert von diesem bunten Volksglauben, dessen Trümmer sich in Hunderte von Sagen und Märchen