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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Theologie

schiedenen Erkenntnisquellen, eine natürliche und eine geoffenbarte T., von denen jene die auch der natürlichen Vernunft zugänglichen Wahrheiten, die letztere die durch übernatürliche göttliche Belehrung mitgeteilten Erkenntnisse umfaßte. Als Erkenntnisquelle der geoffenbarten T. galt die Autorität der Heiligen Schrift und der kirchlichen Überlieferung. Der ältere Protestantismus behielt die Unterscheidung der natürlichen und der geoffenbarten Gotteserkenntnis bei. Je nach der Form des Vortrags unterschied man die akroamatische oder wissenschaftliche und die katechetische oder populäre T., ferner die thetische oder positive (systematische) und die polemische T.; je nach der Verschiedenheit des Inhalts die theoretische und die praktische T. Nach heutigem Sprachgebrauch bedeutet T. die Wissenschaft vom Christentum und zerfällt demgemäß in drei Hauptteile. Die historische T. handelt von der geschichtlichen Entstehung und Entwicklung des Christentums; mit jener hat es die Bibelwissenschaft, mit dieser die Kirchen- und Dogmengeschichte zu thun. Die systematische T. hat es mit dem inhaltlichen Wesen des Christentums zu thun und dasselbe zunächst an der Hand der authentischen Aussagen des christl. Bewußtseins festzustellen, dann in seiner Eigenart und Berechtigung durch seine Zurückführung auf das Wesen der Religion überhaupt wie durch seine Vergleichung mit den andern positiven Religionen darzulegen (theologische Principienlehre); weiter den Ausdruck, den der christl. Überzeugungsgehalt sich im christl. Denken giebt, im Zusammenhange mit aller anderweiten Erkenntnis systematisch zu entwickeln (spekulative Dogmatik) und andererseits den Ausdruck, den das christl. Bewußtsein, als Inhaber des höchsten Gutes, sich im christl. Handeln zu geben hat, darzustellen (theologische Ethik). Die praktische T. hat die Forterhaltung des Christentums zum Gegenstande und entwickelt zuerst die Idee der Kirche in ihrer lebendigen Entfaltung als gegliederter Organismus (Ecclesiastik, die Lehre von der Natur des kirchlichen Lebens überhaupt, vom Kirchenamt und von den kirchlichen Ordnungen), dann die Selbstdarstellung der christl. Frömmigkeit in der gottesdienstlichen Feier (Theorie des Kultus), endlich die auf Erhaltung und Ausbreitung des Christentums gerichtete Thätigkeit der Kirche (Arbeit an der Lehre, Seelforge, Mission).

Die Geschichte der T. wird durch die Reformation in zwei Perioden geteilt. Das Bedürfnis einer wissenschaftlichen Betrachtung und Darstellung des Christentums hat so ziemlich seit den ersten Anfängen der christl. Kirche sich geltend gemacht, sobald man die Wahrheit desselben gegen wissenschaftlich gebildete Gegner zu verteidigen hatte. Die älteste christliche T. trug zunächst ähnlich wie die jüdische T. die Form der Exegese oder Schriftgelehrsamkeit. Mit Hilfe sog. pneumatischer oder allegorischer Auslegung suchte man die neuen christl. Gedanken in die heiligen Urkunden des Alten Testaments hineinzudeuten. Seit der nähern Berührung mit den Bildungselementen der heidn. Welt erstrebten die christl. Theologen alsbald eine Verbindung des christl. Glaubens mit griech. Philosophie, um so eine christliche T. zu begründen, die sich zugleich als die wahre Philosophie erweisen sollte. Den ersten großartigen, aber in Religionsmengerei entartenden Versuch machten die Gnostiker (s. Gnosis); dann mit besserm Glück die christl. Apologeten. Danach suchte man einen festern Anhalt an der sog. Glaubensregel (s. d.) und der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments als den Quellen der christlichen T. zu gewinnen. Doch fuhr die altchristliche T. naturgemäß fort mit den Mitteln der antiken Geistesbildung eine christl. Gesamtweltanschauung auszubauen, so schon die ersten Kirchenväter, besonders die Alexandriner. Die Schrift des Origenes (s. d.) "Über die Grundlehren" kann als die erste christl. Dogmatik bezeichnet werden. Seit dem 4. Jahrh. ging die T. in diesem Streben in große Schulen auseinander, besonders in die Antiochenische und Alexandrinische. Aus den kirchlichen Streitigkeiten des 4. bis 7. Jahrh. und den von den Kirchenversammlungen jener Zeit festgesetzten Lehrbestimmungen ging allmählich ein den kirchlichen Interessen dienendes Lehrsystem hervor, das zuerst von Johannes Damascenus im 8. Jahrh. zusammengestellt wurde. Im Abendlande fiel diese Arbeit der mittelalterlichen Scholastik anheim, die seit Petrus Lombardus (gest. 1160) von der Erörterung einzelner dogmatischer Fragen zur systematischen Zusammenfassung des Lehrganzen fortschritt. Ihre Aufgabe war lediglich, den Glauben der Kirche zu verteidigen und zu begrüuden. Die scholastische T. und die gelehrte Kenntnis des aus Synodalbeschlüssen und päpstl. Dekretralen erwachsenen kanonischen Rechts bilden während des ganzen Mittelalters den Kern aller Wissenschaft der Zeit überhaupt. Die großen Scholastiker des 13. Jahrh., Alexander von Hales, Albertus Magnus, Thomas von Aquino und Duns Scotus, umfaßten in ihren theol. Werken den ganzen Umkreis gelehrten Wissens der Zeit. Auch die Philosophie galt fast nur als Vorschule zur T. Die Wiederherstellung der Wissenschaften seit Ende des 15. Jahrh. eröffnete eine neue geistige Welt, die nichts gemein hatte mit den kirchlichen Interessen. Wie das polit. und bürgerliche Leben, so begann auch die Wissenschaft sich immer mehr von der Vormundschaft der Kirche loszumachen. Wie der Humanismus von dem verderbten Geschmack und dem barbarischen Latein der mönchischen Lehrer zu den klassischen Mustern des griech. und röm. Altertums, so greift die Reformation von der entstellten Lehrüberlieferung der Kirche auf die Heilige Schrift zurück. Das Schriftstudium wird zum Mittelpunkt der protestantischen T. Die erste Glaubenslehre der evang. Kirche, die "Loci communes" Melanchthons, sind aus Vorlesungen über den Römerbrief erwachsen. Indem die Reformation der Autorität des Papstes, der Konzilien, der Kirchenväter, der ganzen kirchlichen Überlieferung aufsagt, bindet sie sich um so strenger an das "Wort Gottes" oder an die Heilige Schrift. Der kirchlich werdende Protestantismus, der das Bedürfnis einer unantastbaren äußern Lehrautorität noch ganz mit dem Katholicismus teilte, suchte diese Autorität nur an anderer Stelle als bisher. Das immer einseitigere dogmatische Interesse an einem unfehlbaren, göttlich eingegebenen Lehrcodex stand nicht nur dem wissenschaftlichen Verständnis der Bibel im Wege, sondern drängte auch die Schrift selbst, mit Ausnahme einer ausgezogenen Sammlung von "Bibelstellen", hinter die kirchlichen Bekenntnisse und ihre Verteidigung gegen Papisten, Calvinisten, Philippisten, Synergisten u. s. w. zurück. Mit dem allmählich wieder hervorgesuchten Apparat der mittelalterlichen Scholastik rüstete sich die orthodoxe Dogmatik des 17. Jahrh. zum Aufbau eines dem scholastischen nahe verwandten Lehrsystems. Hauptvertreter der luth. Dogmatik sind