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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Tischdrell - Tischelldorf

Altarbilder in dortigen Kirchen). - Vgl. Engelschall, Johann Heinrich T., als Mensch und Künstler dargestellt (Nürnb. 1797).

Johann Heinrich Wilhelm T., gewöhnlich nur Wilhelm T. genannt, geb. 15. Febr. 1751 zu Haina, Neffe des vorigen. Im Zeichnen und Malen unterrichtete ihn sein Vater Johann Konrad T., sein älterer Bruder Johann Heinrich T. der Jüngere und sein Oheim Johann Jakob T., bis er 1707 nach Hamburg kam. Er besuchte 1770 die Niederlande, kehrte 1772 nach Cassel zurück und ging endlich durch die Schweiz nach Italien. In Rom 1782 angelangt, malte er anfangs in deutsch-romantischer Auffassung: je ein Bild zu Goethes "Iphigenie" und "Götz"; Konradin, im Gefängnis mit Friedrich von Österreich Schach spielend, empfängt das Todesurteil (1784; Museum zu Gotha); später ging er durch Winckelmann und Mengs zur antikisierenden Richtung über. Großen Beifall fanden in ganz Europa sein "Homer, nach Antiken gezeichnet" (Gött. und Stuttg. 1801-23), die "Collection of engravings from ancient vases in possession of William Hamilton" (4 Bde., Neap. 1791) und die "Umrisse griech. Gemälde und auf antiken Vasen" (Weim. 1797-1800). T. ging 1787 mit Hackert nach Neapel, wo er 1790 Akademiedirektor wurde; durch die Franzosen vertrieben, begab er sich 1799 nach Cassel, je auf ein Jahr nach Göttingen und Hannover, dann nach Hamburg, endlich 1803 auf Einladung des Herzogs von Oldenburg, der auch seine Kunstsammlung ankaufte, nach Eutin, wo er 26. Juli 1829 starb. Er schuf in akademisch-antikisierender Richtung glatt und süßlich; am besten sind seine Bildnisse, darunter das Goethes im runden Hut, auf den Ruinen Roms liegend (seit 1887 im Städelschen Institut zu Frankfurt a. M.), 47 Bilder in der Oldenburger Galerie, darunter 43 Idyllen, welche Goethe zu reizvollen Glossen begeisterten. In seinem Alter versuchte T. zu realistischer Auffassung zurückzukehren, z. B. in dem Einzuge General Bennigsens in Hamburg 31. Mai 1814 (1810; in der Hamburger Kunsthalle). Von seinen Radierungen ist noch zu erwähnen: "Tètes de différents animaux, dessinées d'après" nature, pour donner une idée plus exacte de leurs caractères" (2 Bde., Neap. 1790). - Vgl. die Selbstbiographie: H. Wilhelm T. Seine Bilder, seine Träume, seine Erinnerungen u. s. w. (Brem. 1822): F. von Alten, Aus T.s Leben (Lpz. 1872): Edm. Michel, Les T. (Lyon 1881).

Sein älterer Bruder, Johann Heinrich T., der Jüngere, geb. 1742 zu Haina, gest. 1808 als Inspektor der Galerie zu Cassel, schrieb eine "Abhandlung über die Ätzkunst" (Cass. 1808): ein dritter Bruder, Heinrich Jakob T., lebte als Maler in Hamburg und Frankfurt a. M. und starb 1803. Johann Friedrich August T., der Sohn Johann Valentin T.s, geb. 1750 zu Maastricht, war als Bildnismaler tüchtig und wurde 1800 Direktor der Akademie in Leipzig (Schillers Bildnis vom J. 1805 im Museum daselbst). Nach seines ältern Bruders Ludwig Philipp T.s Tode, der als kaiserl. Hofarchitekt und Theaterdekorationsmaler 1808 in Petersburg starb, lebte er dort ein Jahr und starb l812 in Heidelberg.

Tischdrell, s. Drell.

Tischendorf, Konstantin von, prot. Theolog, geb. 18. Jan. 1815 zu Lengenfeld im Vogtlande, studierte in Leipzig und habilitierte sich daselbst 1840. Mit Unterstützung der sächs. Regierung ging er 1840 nach Paris, wo es ihm unter anderm gelang, den Codex Ephraemi Syri zu entziffern; nach zweijährigem Aufenthalt daselbst reiste er behufs weiterer handschriftlicher Forschungen nach England, Holland, in die Schweiz und nach Italien und von hier aus nach Ägypten, den Klöstern der Nitrischen Wüste, dem Sinai und Palästina. Aus dem Orient brachte er eine wertvolle Sammlung griech., syr., kopt., arab. und anderer Manuskripte mit, darunter einen griech. alttestamentlichen Pergamentcodex (Codex Friderico-Augustanus), der sich später als ein Teil des Codex Sinaiticus auswies. Nach seiner Rückkehr erhielt T. 1845 eine außerordentliche Professur zu Leipzig, 1850 eine ordentliche Honorarprofessur, 1859 eine ordentliche Professur der Theologie zugleich mit einer für ihn gestifteten Professur der biblischen Paläographie. 1853 unternahm T. eine zweite Reise in den Orient, besonders nach Ägypten und dem Sinai, als deren Frucht er eine neue Sammlung wertvoller Handschriften heimbrachte. Von einer dritten, 1859 auf Kosten der russ. Regierung unternommenen orient. Reise brachte er namentlich die unter dem Namen Codex Sinaiticus berühmt gewordene älteste griech. Bibelhandschrift nach Petersburg mit. Das Werk (4 Bde.) erschien zum 1000jährigen russ. Reichsjubiläum im Herbst 1862; zwei Handausgaben des neutestamentlichen Teils folgten (Lpz. 1863, 1864). Die Schenkung des ihm bis dahin nur leihweise von den Sinaitischen Mönchen überlassenen Codex an Kaiser Alexander erreichte er 1869. In demselben Jahre wurde T. in den erblichen russ. Adelsstand erhoben. Theologisch schloß er sich in spätern Jahren mehr und mehr der luth. Richtung seiner Leipziger Kollegen an, wie er sich auch in biblischen Einleitungsfragen streng konservativ zeigte (vgl. Wann wurden unsere Evangelien verfaßt?, Lpz. 1865; 4. Aufl. 1866, vielfach übersetzt). T. starb 7. Dez. 1874 in Leipzig.

Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten T.s betreffen die Textreform für das Neue und das griech. Alte Testament. Dahin gehören, als Bestandteile einer christl. Urkundenbibliothek, die Ausgaben des "Codex Ephraemi Syri" (Lpz. 1843; 2. Aufl. 1845), des "Codex Friderico-Augustanus" (ebd. 1846), die "Monumenta sacra inedita" (ebd. 1846), "Evangelium Palatinum ineditum" (ebd. 1847), "Codex Amiatinus" (ebd. 1850; 2. Aufl. 1854), "Codex Claromontanus" (ebd. 1852), "Novum Testamentum Vaticanum" (ebd. 1867), "Appendix codicum celeberrimorum Sinaitici Vaticani Alexandrini" (ebd. 1867), endlich "Monumenta sacra inedita, nova collectio" (auf 9 Bde. berechnet, Bd. 1-6 und Appendix, ebd. 1855-70). Die "Anecdota sacra et profana" (Lpz. 1855; 2. Aufl. 1861) und die "Notitia editionis codicis bibliorum Sinaitici etc." (ebd. 1860) enthalten die Kataloge seiner Manuskriptensammlungen neben bisher noch nicht herausgegebenen patristischen und klassischen Stücken. Das griech. Neue Testament gab er dreimal in Paris heraus (1842), 22mal in Leipzig (1841-75). Die kritisch reichhaltigste Ausgabe ("editio VIII. critica major") erschien bis 1872 in zwei Bänden Text. Zweimal stellte er mit dem griech. Text seine Revision vom lat. Text des Hieronymus und den auf die Originalausgaben zurückgeführten Lutherschen im "Novum testamentum triglottum" (Lpz. 1854; 2. Aufl. 1865) zusammen, woraus der lat. und deutsche Text auch besonders abgedruckt erschienen. An diese Ausgaben des Neuen Testaments schloß sich eine kritische "Synopsis evangelica" (5. Aufl., Lpz.