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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Ungarn (Geschichte)
erst Joseph I. durch den Szathmärer Frieden 1711
dämpfen konnte. Karl VI., als König von U.Karl III.,
sicherte 1724 durch die Pragmatische Sanktion (s. d.)
auch den weiblichen Descendenten des babsburg.
Hauses die Thronfolge in U. und verbesserte die Ver-
waltung. Durch den Passarowitzer Frieden kam 1718
der Temeser Bezirk an U. zurück, und der nachteilige
Belgrader Friede bestimmte 1739 die noch gegen-
wärtigen Grenzen U.s gegen die Türkei. Uugemeine
Verdienste um U. erwarb sich die Kaiserin Maria
Theresia durch die Regulierung der Gutsunter-
thanenverhältnisse, das sog. Urbarium, 17l)5, und
durch die Reform des Schulwesens. Auch Joseph II.
nahm wichtige Veränderungen vor. Da er jedoch
die Reformen ohne Rücksicht auf die bestehende Ver-
fassung durchführen wollte, fand er an den privile-
gierten Ständen den heftigsten Niderstand, so daß
er sich genötigt sah, 28. Jan. 1790 in vielen Dingen
das alte Wesen wiederherzustellen. Kaiser Leopold II.,
der seinem Bruder Joseph folgte, berief sofort den
seit 25 Jahren nicht versammelten Reichstag und
stellte die Verfassung wieder her. Unter Franz I.
nahmen Industrie und Handel sowie der nationale
Geist großen Aufschwung. Der herrschende Adel
hatte sich mehr und mehr mit dem Habsburger
Stamme ausgesöhnt und gab hiervon einen Beweis,
als Napoleon I. 1809 die Ungarn zum Abfall von
Osterreich aufforderte.
Dennoch verkannte die Regierung des Kaisers
Franz die wahre Lage des Landes. Man berief keine
Reichstage mehr, versuchte aber Steuern- und Re-
krutenerhebungen und stiesi hier auf einen Wider-
stand, der die Berufung eines Reichstags (1825)
unabwendbar machte. Nach Wiederherstellung eines
leidlichen Einverständnisses zeigte sich die Regierung
doch nicht gesonnen, die notwendigen Reformen zu
veranlassen, und es wuchs die polit. und nationale
Opposition, als deren Wortführer Männer wie Graf
Stephan Sze'chcnyi hervortraten. Der Reichstag
von 1830 zeigte diese Wendung schon im siegreichen
Fortschritt. Die Fragen über die Bewilligung der
Rekruten, die Anstellung eingeborener Offiziere und
den Gebrauch der magyar. Sprache waren die An-
lässe, die Macht dieser nationalen Opposition zu
bewähren und ihr, z. B. in der Sprachenfrage, un-
zweideutige Erfolge zu erringen. Inmitten der zu-
nehmenden Bewegung starb 1835 Kaiser Franz.
Die Regierung machte unter seinem Sohne und
Nachfolger Ferdinand niedrere Konzessionen. Die
Urbarialverhältnisse kamen im Herbst 1835 zur de-
finitiven Erledigung. Indem die bäuerlichen Ver-
hältnisse dadurch besser geordnet, die unbedingte
Steuerfreiheit des Adels beschränkt wurde, erwies
sich diese Reform der freiheitlichen Entwicklung sehr
günstig. Der folgende Reichstag schloß im Mai
1840 mit dem das Übergewicht des Magyarentums
sanktionierenden Sprachengesetz. Auf dem Reichs-
tage 1843 - 44 wurde den Nichtadligen Fähigkeit
des Besitzes und der Beförderung zu jedem Amte
eingeräumt und durch ein neues Sprachengesetz da5
volle Übergewicht des Magyarentums bestätigt. Als
der Erzherzog Palatinus, Joseph, der diese Würde
seit 1797 bekleidet hatte, 13. Jan. 1847 starb, wurde
sein in U. geborener und erzogener Sohn Erzherzog
Stephan sein Nachfolger. Die Regierung trat mit
einer Reihe von Vorschlägen bervor, die teils Han-
dels- und Verkehrsverhältmsse, teils polit. Fragen,
wie die Stellung der Freistädte, die Roboten u. a.
betrafen. Die Opposition, die gan; unter Kossutbs
Einfluß stand, verlangte Prehfreiheit, ein verant-
wortliches Ministerium, Vereinigung Siebenbür-
gens mit U. und andere Reformen; doch war eine
Verständigung mit der Regierung schon angebahnt,
als die sranz. Februarrevolution und die Bewegung
in Wien (März 1848) alles ins Rollen brachte.
Die Wünsche der liberalen Opposition fanden
nun in Wien rasche Gewährung. Graf Ludwiq
Vatthyänyi, einer ihrer Führer, wurde mit der Bil
düng eines befonderu Ministeriums für U. beauf-
tragt, in das auch Szechenyi, Szemere, Kossutd,
Deäk, Miiszäros eiutraten. So war die magyar. Be-
wegung schnell zu vollem Siege gelangt. Allein die
Magyaren hatten stets die andern Nationalitäten
des Landes niederzuhalten gesucht, und dies ries jetzt
eine Bewegung in Siebenbürgen unter den Wala-
chen, in U. unter den Serben und Kroaten hervor.
Die Kroaten wählten Iellachich zum Ban; sie
strebten auf die Trennung von U. hin und rüsteten
mit ällsierster Anstrengung zum Kampfe. Jetzt nahm
auch das kaifcrl. Ministerium eine veränderte Hal-
tung an. Man schlug in Wien Konferenzen zur Bei-
legung der Streitigkeiten vor und bezeichnete be-
sonders die getrennten Ministerien des Krieges und
der Finanzen als unverträglich mit der österr. Staats-
ordnung. Eine im September vom Reichstage abge-
sandte große Deputation der Ungarn hatte keinen Er-
folg, und zu derselben Zeit überschritt Iellachich mit
einem kroat. Heer die ungar. Grenze. Der Erzherzog-
Palatinus Stepban, der zu vermitteln strebte, sab
sich 24. Sept. endlich veranlaßt, seine Stelle nieder-
zulegen und U. zu verlassen. Statt des aufgelösten
Ministeriums ward unter Kossuths Vorsitz ein Lan
desverteidigungsausschuß gebildet. Der Kaiser über-
trug darauf den: Baron Vay die Bildung eines neuen
ungar. Ministeriums und sandte den Grafen Lam-
berg al5 königl. Kommissar nach U. ab. Dessen Er-
mordung auf der Pest-Ofener Brücke (28. Sept.) war
das Signal zum offeuen Auflodern der Revolution.
In diesem Augenblicke brach die Wiener Oktober-
revolution los, der man von U. aus durch ein Korps
von 18000 Mann zu Hilfe zu kommen suchte, da5
jedoch 30. Okt. bei Schwechat zurückgeschlagen wurde.
Die Überwältigung Wiens, die Bildung des Ministe
riums Schwarzenberg-Stadion, die Abdankung Kai-
ser Ferdinands und die Thronbesteigung Franz Jo-
sephs I. (2. Dez. 1848) gaben der Lage der Dinge eine
andere Gestalt. Noch bevor das Jahr zu Ende ging,
rückte die kaiserl. Armee unter Fürst Windischgrün
nach U. ein. Rasch bemächtigten sich die Österreicher
des rechten Donauufers, schlössen Komorn und Leo-
poldstadt ein und näherten sich der Stadt Ofen. Die
ungar. Streitkräfte waren ungenügend und erst in
der Bildung begriffen. Daher schickte der Reichstag
eine Deputation an Wiudischgrätz nach Bieste, um zu
unterhandeln, ward aber mit der Forderung unbe-
dingter Unterwerfung zurückgewiesen. Die Besetzung
von Budapest (5. Jan. 1849) schien diese Zuversicht
zu rechtfertigen. Bald aber gestaltete sich der Kampf
infolge der Ungunst der Jahreszeit langwieriger und
mühsamer. Görgey führte den Rückzug der Ungarn
von der Donau nach den Bergstüdten mit großem
Geschick durch. Schon jetzt trat jedoch das Zerwürf-
nis zwischen ihm und Kossuth durch die Ernennung
des Polen Dembinski zumObcrfeldherrn hervor, und
die Niederlage, die Dembinski und Görgey 26. uno
27. Febr. bei Kapolua erlitten, war die erste Rück-
wirkung dieser Uneinigkeit. Sie hatte die Entfernung
Dembinskis und die Orbelnmg Vetters zur Folge.