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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Vögte - Vogtland

eines "Lehrbuchs der Pharmakodynamik" (4. Aufl., 2 Bde., Gieß. 1888) und mehrerer geschätzter mediz. Schriften, damals Professor war. Er studierte seit 1833 in Gießen Medizin und arbeitete daneben anderthalb Jahre in Liebigs Laboratorium. Im Herbst 1835 folgte er seinem Vater nach Bern, wohin dieser als Professor der Klinik berufen worden, und beschäftigte sich hier unter Valentins Leitung besonders mit anatom. und physiol. Studien. Nachdem er 1839 promoviert hatte, ging er nach Neuchâtel, wo er mit Agassiz und Desor fünf Jahre lang naturwissenschaftlichen Arbeiten oblag. Er beteiligte sich an Agassiz' Gletscherexpeditionen und wurde Mitarbeiter an dessen "Poissons fossiles", den "Études sur les glaciers" und der "Histoire naturelle des poissons d'eau douce". In letzterm Werke ist der erste Band gänzlich, der zweite größtenteils von V. verfaßt. Daneben veröffentlichte er noch mehrere selbständige Werke, wie "Untersuchungen über die Entwicklungsgeschichte der Geburtshelferkröte" (Soloth. 1842), "Im Gebirg und auf den Gletschern" (ebd. 1843), "Lehrbuch der Geologie und Petrefaktenkunde" (2 Bde., Braunschw. 1846; 4. Aufl. 1879), "Physiol. Briefe" (3 Abteil., Stuttg. 1845-46; 4. Aufl., Gieß. 1874). Von 1844 bis 1846 lebte V. in Paris und ging dann nach Italien, wo er sich besonders in Nizza und Rom aufhielt. Zu Nizza erhielt er einen Ruf als Professor nach Gießen, dem er Ostern 1847 folgte. In der Bewegung von 1848, der er sich mit großem Eifer hingab, ward V. von der Stadt Gießen zum Obersten der Bürgersgarde erwählt und in das Vorparlament, später auch in die Deutsche Nationalversammlung zu Frankfurt a. M. gesendet. Er zählte hier zur Linken (Deutscher Hof) und folgte der Versammlung auch nach Stuttgart, wo er in die Reichsregentschaft gewählt wurde. Seines Lehramtes in Gießen enthoben, lebte er nach dieser polit. Episode bis 1850 zu Bern. Er nahm nun im Herbst 1850 seine zoolog. Untersuchungen zu Nizza wieder auf, die er bis ins Frühjahr 1852 fortsetzte. Im Herbst desselben Jahres wurde er Professor der Geologie, später auch der Zoologie zu Genf, dann erfolgte seine Wahl zum Mitglied des Großen Rats sowie zum eidgenössischen Ständerat und 1878 zum schweiz. Nationalrat. Er starb 5. Mai 1895 in Genf.

Von V.s teils streng wissenschaftlichen, teils populären Schriften sind noch hervorzuheben: "Ocean und Mittelmeer" (2 Bde., Frankf. 1848), ein Bericht über seine erste ital. Reise; die "Bilder aus dem Tierleben" (ebd. 1852) und die mit scharfer Satire versetzten "Untersuchungen über Tierstaaten" (ebd. 1851), welche beide Arbeiten später in "Altes und Neues aus Tier- und Menschenleben" (2 Bde., ebd. 1859) zusammengefaßt erschienen; ferner: "Köhlerglaube und Wissenschaft. Eine Streitschrift gegen Rudolf Wagner" (4. Aufl., Gieß. 1856), "Zoolog. Briefe" (2 Bde., Frankf. 1851), "Die künstliche Fischzucht" (Lpz. 1859; 2. Aufl. 1875), "Vorlesungen über nützliche und schädliche Tiere" (ebd. 1865) u. s. w. später wendete V. seine Aufmerksamkeit insbesondere der Physiologie des Menschen und dessen Urgeschichte zu, wie unter anderm seine "Vorlesungen über den Menschen" (2 Bde., Gieß. 1864) und die Schrift "Mémoires sur les microcéphales ou hommes singes" (Bd. 11 der "Mémoires de l'institut nat. genévois") bekunden. In letzter Zeit beschäftigte sich V. wieder vorzugsweise mit zoolog. Arbeiten: "Die Säugetiere in Wort und Bild", Prachtwerk mit Abbildungen von F. Specht Münch.1883); "Lehrbuch der praktischen vergleichenden Anatomie" (mit E. Yung, 2 Bde., Braunschw. 1888-94). V. galt als einer der eifrigsten Vorkämpfer des Materialismus in Deutschland. Nach seinem Tode erschien von ihm: "Aus meinem Leben. Erinnerungen und Rückblicke" (Stuttg. 1896). - Vgl. W. Vogt, La vie d'un homme. Carl V. (Par. 1896).

Vögte (aus dem lat. advocatus entstanden), im allgemeinen solche Beamte, die die Macht und die Befugnis hatten, andere zu schützen und zu vertreten, womit der Nebenbegriff eines Abhängigkeitsverhältnisses verbunden sein konnte. Solche V. wurden besonders für die Immunitätsgebiete bestellt, wo sie die niedere Gerichtsbarkeit ausübten; ferner finden sich bei den Kirchen und Klöstern sog. Schirmvögte oder Kirchenvögte (s. d.). Sodann bestellten die Kaiser für ihre unmittelbaren Besitzungen (Reichsvogteien, Vogtlande) unter dem Titel V. eigene Beamte, die auch die gräfl. Gerichtsbarkeit handhabten. Das älteste Beispiel dafür ist Zürich im 9. Jahrh. Während früher die V. fast nur Beamte waren, mehren sich seit Ausgang des Mittelalters die Belehnungen mit der Vogtei. Die Städte erhielten von ihrem Herrn, dem Kaiser oder einem Landesherrn, ebenfalls einen Vogt oder einen Schultheiß (scultetus, s. Schulze), bisweilen auch beide Beamte nebeneinander. Im letztern Falle hatte der Vogt in Sachen, die Leib und Leben betrafen, der Schultheiß bloß in bürgerlichen Angelegenheiten zu erkennen. Übrigens wurden auch niedere Beamte V. genannt, auch die von Gerichts wegen für Unmündige oder Entmündigte bestellten Vertreter. (S. auch Mundium und Schutzgerechtigkeit.)

Vogtland (veraltete Schreibart Voigtland, Terra advocatorum), seit dem 11. Jahrh. der Name für die Reichsdomänen an der obern Elster und Saale, welche die deutschen Könige durch Vögte (s. d.) verwalten ließen. Um 1122 erhielt Heinrich der Fromme aus dem Hause Gleißberg (Voitsberg) die Vogteien Weida und Gera, mit denen seine Nachfolger, namentlich sein Enkel Heinrich der Reiche, die Vogteien Greiz, Plauen und Hof vereinigten. Seitdem behauptete das Geschlecht diesen Besitz erblich, aber schon Heinrich der Reiche zersplitterte ihn durch die Teilung zwischen die drei Linien Weida, Gera und Plauen (s. Reuß, Fürstentümer, Geschichte). Infolgedessen fiel Plauen 1327 unter böhm. Hoheit, Weida 1354, Gera und Schleiz 1367 unter meißnische; zugleich mußte Heinrich der Lange Vogtsberg, Ölsnitz, Mühltroff, Adorf und Pausa, später auch noch die ihm 1328 verpfändeten Herrschaften Triptis, Ziegenrück und Auma an Meißen abtreten; 1373 wurde Hof an die Burggrafen von Nürnberg verkauft. Heinrich III., Vogt von Plauen, verfiel wegen Gewaltthaten gegen seine Vasallen der Acht, um deren Vollstreckung König Georg (Podiebrad) von Böhmen die beiden wettinischen Brüder Ernst und Albrecht beauftragte; nach der Einnahme von Plauen 1466 belehnte er Albrecht mit der Herrschaft Plauen, nachdem die Wettiner schon im Vertrag von Eger 1459 die böhm. Hoheit über ihre vogtländischen Besitzungen hatten anerkennen müssen. Bei der Teilung von 1485 fiel das meißnische V. an die Ernestiner. Durch die Wittenberger Kapitulation von 1547 kamen jedoch die böhm. Lehnsstücke des V. (das jetzige sächsische V.), allerdings unter Mitbelehnung des Kurfürsten Moritz und seines Bruders August, an den böhm. Oberkanzler Heinrich V.