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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Wasserreinigung

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Wasserreinigung'

ganischen Bestandteilen vermischten Abwässer kommen folgende Methoden in Betracht:

1) Die Berieselung. Sie bietet bei geordnetem Betrieb eine ideale Reinigung der Schmutzwässer, indem die suspendierten Stoffe und Bakterien vollständig zurückgehalten werden, die gelösten organischen Stoffe größtenteils (60–80 Proz.) zurückgehalten, mineralisiert und als Nährstoff für die auf den Rieselfeldern (s. d.) gezogenen Nutzpflanzen verwendet werden und auch die anorganischen Beimengungen eine Abnahme um 20–60 Proz. erfahren. An vielen Orten muß jedoch auf diese durchaus befriedigende Methode verzichtet werden, weil keine geeigneten Bodenflächen zur Verfügung stehen.

2) Die Filtration durch Boden, Thon-, Kohle-, Sand- oder Torffilter erlaubt bei kontinuierlichem Betriebe zwar auch eine gewisse Reinigung der Abwässer, doch geht die filtrierende und mineralisierende Wirksamkeit des Bodens schnell durch Verschlammen der obern Filterschichten und durch Übersättigung des Filters mit fäulnisfähigen Stoffen verloren. Besser wirkt eine intermittierende absteigende Filtration, bei der sich die Poren des Filtermaterials mit atmosphärischer Luft füllen können, wodurch dann eine intensive Oxydation der Abwässer zu stande kommt. Da aber die reinigende Wirkung, die auf den Rieselfeldern die Nutzpflanzen ausüben, hier wegfällt, so würden noch viel größere Filterflächen erforderlich sein als bei der Berieselung.

3) Die mechanische Reinigung durch Absetzenlassen in Kläranlagen, großen flachen Klärbecken oder tiefen Klärbrunnen, meist nach vorheriger Befreiung von groben schwimmenden Teilen durch Sandfang und Siebe. Die Geschwindigkeit des Absetzens ist abhängig von der Korngröße und dem specifischen Gewicht der Sinkstoffe sowie von der Bewegung des Wassers. Bei der Sedimentierung in Klärbecken bleibt das Wasser entweder längere Zeit in absoluter Ruhe und wird dann abgelassen (Wechselsystem) oder es findet ein kontinuierlicher außerordentlich langsamer Zu- und Abfluß statt (Durchflußsystem); letzteres System ist nur bei geringem Gefalle angezeigt. Die mechan. Klärung durch Absetzenlassen wirkt natürlich nur auf die suspendierten Stoffe, vermag aber auf diesem Gebiete Ausgezeichnetes zu leisten, weshalb sie vielfach als Voroperation bei manchen kombinierten Systemen angewendet wird. Doch bleiben noch Massen feinster suspendierter Stoffe und speciell von Mikroorganismen im Wasser zurück, deren Entfernung durch weitere Maßnahmen angestrebt werden muß.

4) Chemische Fällung. Am allgemeinsten ist Kalk oder Kalkmilch als Fällungsmittel im Gebrauch; er bildet mit den in den Abwässern vorhandenen doppeltkohlensauren Salzen, Alkalicarbonaten und vielleicht vorhandener freier Kohlensäure unlöslichen kohlensauren Kalk, der bei der Ausfällung eine große Masse der suspendierten Stoffe mit sich reißt. Häufig wird neben Kalk noch ein Metallsalz, Eisenvitriol, Aluminiumsulfat, Magnesiumverbindungen u. s. w. hinzugesetzt, wobei sich dann unlösliche Oxydverbindungen derselben bilden, welche die Ausfällung wirksam unterstützen. Von der Menge specieller Vorschläge sei hier noch angeführt der A–B–C-Prozeß (Alum, Blood und Charcoal oder Clay mit Zusatz von Alaun, Blut, Kohle, Magnesia oder Dolomit, ferner das Süvernsche Verfahren mit Kalkmilch, Teer und Chlormagnesium, das Hulwasche Verfahren mit Zusatz von Kalk und einer aus ↔ Eisen, Thonerde, Magnesia und Zellfaser bestehenden, in ihrer Zusammensetzung nicht näher angegebenen Masse; ferner das Verfahren von Müller-Nahnsen mit einer Mischung von Kalk, Aluminium und löslicher Kieselsäure als Fällungsmittel. Die Mischung der Chemikalien erfolgt bei manchen Anlagen selbstthätig und reguliert sich nach der Masse der zufließenden Abwässer, indem letztere ein Rad, je nach ihrer Masse schneller oder langsamer, drehen, das mit zwei Schöpfgefäßen bei jeder Drehung aus besondern Behältern die Chemikalien entnimmt und dem Wasser beimengt; die Verteilung derselben im Wasser erfolgt durch ein Rührwerk, das durch das abfließende geklärte Wasser getrieben wird; nach einer neuern Verbesserung erfolgt beim Hulwaschen Verfahren die Verteilung durch einen ins Wasser geleiteten Dampfstrahl, der gleichzeitig Erwärmung bis zur Gerinnung der Eiweißstoffe und Abtötung zahlreicher Bakterien bewirkt. Meist ist die chem. Fällung mit mechan. Klärung kombiniert, und zwar sind hier namentlich zwei Systeme anzuführen. Entweder gelangt das Wasser nach Zusatz der Chemikalien in große Klärteiche, wo es langsam strömt oder ganz stagniert und seine suspendierten Teile absetzt, oder es wird eine aufsteigende Filtration eingerichtet, wobei das rohe mit den Chemikalien versetzte Abwasser in einen Klärbrunnen unten eintritt und oben abfließt und die chemisch gefällten herabsinkenden Schlammteilchen eine gleichzeitige mechan. Abklärung bewirken; dieses System ist in besonders sinnreicher technischer Ausführung in dem Röckner-Rotheschen Klärapparat verwirklicht und z. B. in Essen zur Klärung der städtischen Abwässer eingeführt. Die Beseitigung des Schlamms bildet bei vielen Klärsystemen eine große Kalamität. Der Klärerfolg ist bei manchen Systemen in betreff der suspendierten Stoffe fast ganz vollständig; auch die Mikroorganismen sind bei genügendem Ätzkalkgehalt abgestorben (Cholera- und Typhusbacillen in 1prozentiger Atzkalklösung in anderthalb Stunden). Dagegen sind die gelösten organischen Stoffe und das Ammoniak nicht vermindert; erstere erfahren sogar oft noch eine Vermehrung, weil manche durch den Kalk in lösliche Verbindungen übergeführt werden. Es kann daher noch nachträglich im Fluß, wenn der Kalk durch die atmosphärische Kohlensäure neutralisiert ist, intensive Fäulnis und Geruchsentwicklung entstehen. Um diese Übelstände zu verhüten, empfiehlt König, die Schmutzwässer durch Behandlung mit Schornsteinluft oder durch Rieseln über Drahtnetze mit Sauerstoff zu sättigen, wodurch eine radikale Oxydation der fäulnisfähigen gelösten Stoffe durch die Mikroorganismen ohne Auftreten stinkender Zwischenprodukte bewirkt werden soll. Übrigens giebt es nach König bei der künstlichen W. kein absolut bestes Reinigungsverfahren; im Einzelfall sind je nach Art und Menge der Schmutzwässer Modifikationen zu machen.

5) Auch durch Elektrolyse hat man versucht, Abwässer zu reinigen. In das Abwasser ragen Gußeisenplatten hinein, zwischen denen ein starker elektrischer Strom übergeht; durch elektrolytische Zersetzung soll Eisenhypochlorit entstehen und reinigend wirken. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieses Verfahren im großen dauernd bewähren wird.

Vgl. F. Fischer, Chem. Technologie des Wassers (Braunschw. 1878); ders., Das Wasser, seine Verwendung, Reinigung und Beurteilung (2. Aufl., Berl. 1891); König, Die Verunreinigung der Ge-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 535.