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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Württemberg (Klima. Mineralien. Bevölkerung. Land- und Forstwirtschaft)

Rheinzufluß ist der Neckar (s. d.), der den größten Teil seines Laufs (281 km) auf württemb. Gebiet zurücklegt und hier links die Enz mit der Nagold, rechts die Fils, Rems, Murr, Kocher und Jagst aufnimmt. Die Donau durchströmt das Land mit einer kurzen Unterbrechung auf einer Strecke von 129 km, von Tuttlingen bis Ulm, wo sie schiffbar wird und links die Blau, rechts als Grenzfluß die Iller aufnimmt. Außerdem strömen die Salzach, Pfinz, Murg und Kinzig durch Baden, die Tauber mittels des Mains, die Rothach, Schussen und Argen mittels des Bodensees dem Rhein zu. Die vorzüglichsten Seen sind der Bodensee (s. d.), von welchem etwas über ein Fünftel, nämlich 115,5 qkm, zu W. gehören, und bei Buchau der Federsee (s. d.), der durch die Kanzach in die Donau abfließt. Mineralquellen zählt man gegen 70, darunter die Thermen zu Wildbad und Liebenzell, die Kohlensäuerlinge zu Göppingen, Ditzenbach, die salinischen Säuerlinge zu Cannstatt und Berg-Stuttgart, die Solen zu Hall, Sulz, Rottweil, Jagstfeld, Offenau, Bitterwasser zu Mergentheim, Eisenwasser zu Teinach, Niedernau, Schrezheim, Jordan, Überkingen, Schwefelquellen zu Boll und Sebastiansweiler.

Das Klima ist gemäßigt; die mittlere Jahrestemperatur beträgt 8,3° C., der Unterschied in der Mitteltemperatur des Jahres bis zu 5°, die Niederschlagsmenge 813 mm bei Unterschieden von 608 (Stuttgart) bis 1443 (Allgäu) und 1007 (Schwarzwald); Hagelschläge sind häufig, besonders in der Alb-, Donau- und Neckargegend.

Von Mineralien sind zu nennen: die unerschöpflichen Thoneisensteinflöze des braunen Jura am Abhang der Alb, deren Erze die staatlichen Eisenschmelzwerke versorgen; der Salzreichtum des Muschelkalks am obern und untern Neckar sowie am mittlern Kocher; vortreffliche Bausteine überall, mit Ausnahme von Oberschwaben, durch alle Formationen vom Granit bis zum Kalktuff oder Tuffstein; Kalk, Cement, Sand, Mergel, Lehm und Thon, aber keine Steinkohlen, dafür namhafte Torfmoore in Oberfchwaben.

Bevölkerung. W. hatte 1871: 1818539, 1880: 1971118, 1885:1995185,1890: 2036522, 1895: 2081151 (1007125 männl., 1074026 weibl.) E., d. i. eine Zunahme seit 1890 um 44629 Personen oder 2,19 Proz.; ferner 38514 (11240 männl., 27274 weibl.) einzeln lebende selbständige Personen mit eigener Hauswirtschaft, 412754 Haushaltungen von zwei und mehr Personen und 668 Anstalten mit 34266 männl. und 10962 weibl. Insassen. Auf 1 qkm Fläche entfallen 106,6 E., auf 1 Hauptgebäude 6,5 Bewohner. Dem Religionsbekenntnis nach waren 1440240 Evangelische, 621474 Katholiken, 11887 Israeliten und 7550 andern Bekenntnisses; der Staatsangehörigkeit nach 2068490 Angehörige des Deutschen Reichs, 12661 Reichsausländer.

Das Königreich wird in 4 Kreise eingeteilt:

Kreise qkm Hauptgebäude Einwohner Evangelische Kathliken Israeliten Andere

Neckarkreis 3330,19 87011 697373 621823 65614 5213 4723

Schwarzwaldkreis 4779,13 82828 488431 362393 122531 1312 1695

Jagstkreis 5141,32 68574 398887 271249 123810 3133 695

Donaukreis 6266,42 83758 496460 184275 309519 2229 437

Die Zahl der Geburten betrug 1896: 74964, der Eheschließungen 15656, der Sterbefälle (einschließlich 2454 Totgeborenen) 46443. Städte von mehr als 20000 E. sind Stuttgart (158321 E.), Ulm (39304), Heilbronn (33461), Eßlingen (24031) und Cannstatt (22590).

Land und Forstwirtschaft. Der Boden ist meist fruchtbar und gut angebaut, besonders in Nieder- und Mittelschwaben. 1896 kamen von der gesamten Bodenfläche auf Acker- und Gartenland 880194, Weinberge 17002, Wiesen 290798, Weiden und Hutungen 54642, Forsten und Holzungen 608277 ha (31,2 Proz. des gesamten Flächenraums). Die ergiebigsten Landesteile sind die Filder bei Stuttgart, der nordöstl. Teil des Jagstkreises, das Strohgäu bei Herrenberg und einige Bezirke Oberschwabens. Die Anbaufläche betrug 1896 von Weizen 32892 ha (Ernteertrag 37824 t), Dinkel 166235 (206573), Einkorn 2616 (3053), Roggen 39021 (39873), Gerste 103937 (118567), Hafer 143287 (176226), Körnermais 841 (1307), Kartoffeln 92707 (633661), Zuckerrüben 3777 (91140), Kopfkohl 5158 (69698), Raps 2859 (2546), Tabak 513 (898), Hopfen 5804 (3631), Cichorie 1736 (35092) Flachs 2273 (2043), Hanf 1806 ha, (1977 t), dazu viel Futterkräuter. Die bedeutendsten Fruchtmärkte sind Ulm, Biberach, Riedlingen und Saulgau. Sehr wichtig ist auch der Weinbau (s. Württembergiscbe Weine). Obst wird in sehr großer Menge, vorzüglich im Neckarland erzeugt und größtenteils zur Mostbereitung verwendet; Zahl der ertragsfähigen Obstbäume 7 Mill., Ertrag etwa 100000 t im Wert von etwa 7700000 M. Besonders wichtig ist der Gemüsebau im Neckarthal zwischen Eßlingen und Cannstatt. Berühmt ist der Kopfkohl (Sauerkraut) auf den Fildern, der Spargel und Blumenkohl von Ulm. Handelsgärtnereien bestehen in Stuttgart. Der Landwirtschaft, Gärtnerei und Tierzucht, Forstwirtschaft und Fischerei gehörten 1895: 933576 (1882: 942924) Personen an, darunter 437254 (393458) Erwerbsthätige.

Die Viehzucht steht in Blüte; 1892 zählte man 101679 (1896: 99296) Pferde, 970588 (1896: 996927) Stück Rindvieh, 385620 Schafe, 394616 (1893: 380125) Schweine, 70305 Ziegen. Die Stallfütterung ist allgemein. Zur Veredelung der Pferde tragen die königl. Privatgestüte zu Weil und Scharnhausen sowie das Landesgestüt mit den vier Gestüthöfen zu Marbach auf der Alb, Offenhausen, Güterstein und St. Johann bei Urach bei. In Abnahme begriffen ist der Wollumsatz auf den Märkten zu Kirchheim, Heilbronn, Tuttlingen u. s. w. Die Bienenzucht hat bedeutend zugenommen. Beträchtlich ist auch die neuerdings durch einen Landesverein geförderte, auf dem Bodensee und in zahlreichen Flüssen und Bächen betriebene Fischerei und Fischzucht.

Von großer Bedeutung ist die Forstwirtschaft. Von der Waldfläche sind etwa 40 Proz. Laub- und 60 Proz. Nadelholz; jenes ist im Unterland und auf den Nordabhängen der Alb, dieses im Schwarzwald, in Oberschwaben und im Jagstkreis zwischen dem Rems- und Murrthal vorherrschend. Hofkammerlich sind 1 Proz., Staatswaldungen 32, Körperschafts-, gutsherrliche und Gemeindewaldungen 46, Privatwald 20,9 Proz. Der Kapitalwert wird auf 500 Mill. M. geschätzt. Der Gesamtertrag der Staatswaldungen beziffert sich 1894 auf 12145790 M., der Reinertrag auf 8823009 M., bei einem Derbholzanfall von 813269 Festmetern. Die Jagd besteht aus Resten von Edelwild, Damwild und Schwarzwild;