Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

935
Zeitalter - Zeitbestimmung
oder im Flusse befindet. Macht man die undurch-
führbare Fiktion, diesen stetig wechselnden Inhalt
fortzudenken, so entsteht (nach Analogie des leeren
Raums) der Begriff der leeren Z., und dieser gegen-
über gelten jene Inhaltsbestimmungen als Er-
füllung der Z. Die Abschätzung der Zcitverhältnisse,
der Gleichzeitigkeit, der Zeitdauer, der Zeitintervalle
u. s. w. geschieht im Individuum auf Grund mannig-
faltiger Erfahrung und Erinnerung und ist daher
durch diese bedingt und vielen Täuschungen aus-
gesetzt. Das gemeinsame Denken fordert daber der
subjektiven Z. gegenüber eine objektiveZ. als
die Annahme eines gleichmäßigen Abflusses aller Er-
eignisse im Weltlauf, eines Abflusses, der weder als
anfangend uoch als endend gedacht werden kann und
dem die Ewigkeit als zeitlose Wirklichkeit gegenüber-
steht. Diese objektive Z. ist es, die mit Hilfe gleich-
mäßig bewegter Körper (Himmelskörper und meckan.
Instrumente) gemessen wird. iS. Zeitbestim-
mung.) Die philos. Schwierigkeiten in der Behand-
lung des Begriffs derZ. sind namentlich in der neuern
Philosophie hervorgehoben und dadurch vermebrt
worden, daß Kant die Z. als Anschauungsform des
innern Sinnes in Parallele mit dem Raum (s. d.)
als der Anschauungsform des äußern Sinnes be-
handelte. - Vgl. Baumann, Die Lehren von Raum,
Z. und Mathematik in der neuern Philosopbie (2 Bde.,
Berl. 1868 - 69); Eyffertt,, über die Z. Pbilos.
Untersuchung <ebd. 1871).
Über Offene Zeits. d.
Zeitalter, jede größere Zeitspanne, deren Ge-
schichte von einer Person, einem Ereignis, einer
Neihe solcher, einer bestimmten Idee oder Thatsache
beherrscht wird. Der Versuch, die Weltgeschichte
in einzelne Z. zu zerlegen, ist sehr alt; den vier Nelt-
monarchien des Propheten Daniels, welche ein Teil
der Kirchenväter und Schriftsteller des Mittelalters
beibehielten, indem sie das Heilige Römische Reich
Deutscher Nation mit dem altrömischen zusammen-
faßten, stellten andere die Einteilung in sechs Welt-
alter zur Seite; am meisten wurde herrschend die
einfache Spaltung in ein heidnisches und ein christ-
liches Z. Wie diese Einteilung so macht auch un-
sere moderne in Altertum, Mittelalter und Neuzeit,
welche von dem Verfasser populärer Geschichtsbücher,
Christoph Cellarius (1638 - 1707), herstammt, aus
religiösen Anschauungen bei der Reformation einen
Einschnitt; erst später wurde auch der Schlußein-
schnitt des Mittelalters verweltlicht mit dem Hin-
weis auf die Entdeckungen und Erfindungen und
die Renaissance. Neuerdings gewöhnt man sich, ein
viertes Z. von der Französischen Revolution ab zu
zählen als "neueste Zeit".
Z. heißen auch die Entwicklungsperioden des Men-
schengeschlechts, die alte Dichter und Philosophen in
unbestimmten Grenzen nach moralischen Gesichts-
punkten annahmen. Besonders verbreitet waren die
Sagen von einem goldenen Z., einer bessern Zeit,
wo die Erde Gemeingut der Menschen war und von
selbst alles zu einem heitern Genußleben Nötige
hervorbrachte, und wo der Mensch nocb nicht durch
Laster und Leidenschaften entartet war. Die Grie-
chen und Römer setzten das goldene Z. unter die
Herrschaft des Kronos oder Saturnus, und vielc
ihrer Dichter, wie Aratus, Ovid und Virgil haben
diesen poet. Stoff nach dem Vorgange des Hesiod
benutzt, der die stufenweise Verschlechterung dcr
Wel< kls svlbeines, ehernes, heroisches und eisernes
Z. bezeichnet. Im silbernen Z. waren die Men-
schen schon verändert, sie vergriffen sich aneinander
und bereiteten sich Schmerz und Kummer; den Göt-
tern gehorchten und opferten sie mangelhaft. Die
Menschen des ehernen Geschlechts, welche Zeus
nach Hesiod aus hartem Eschenholz geschaffen hatte,
waren riesig gebaut und besaßen gewaltige Kraft,
waren aber uubändigcn Sinnes und nur aus Krieg
bedacht. Sie benutzten nur das Erz, d. h. die Bronze,
die in Homerischer Zeit noch besonders zur Herstel-
lung der Waffen verwendet wurde. Durch Kampf
untereinander rieben sie sich endlich auf. Es folgte
ihnen das Geschlecht der Heroen (s. Heros) und
dann das eiserne Geschlecht, das mit eisernen
Werkzeugen im Schweiße seines Angesichts dem
nicht mehr ertragreichen Boden seinen Unterhalt
abringen muß. Auch in den Mythen anderer indo-
german. Völker, wie in denen der Inder, Perser
und Germanen, finden sich Anklänge an die Sagen
vom goldenen Z. In der alttestamentlichen Sage
vom Paradiese spricht sich ein ähnlicher Gedanke
aus. - Vgl. Roth, über den Mythus von den fünf
Menschengeschlechtern bei Hesiod und die ind. Lehre
von den vier Weltaltern (Tüb. 1860); Pfleiderer,
Die Idee eines goldenen Z. (Berl. 1879); H. E.
Graf, .Xä aui-ea^ a^tgti8 lndnlam 5vm!ioia<Disser-
tation, Lpz. 1884).
Zeitball, eine Vorrichtung, um zu einer be-
stimmten Zeit täglich ein weithin sichtbares Zeichen
zugeben. Die in Hafenorten angebrachten Z. be-
stehen aus hohen Masten, an denen sich ein ball-
förmiger Körper von 1 bis 2 in Durchmesser auf
und ab bewegen läßt. Dieser Ball wird einige Mi-
nuten vor der festgesetzten Fallzcit in die Höhe ge-
zogen und in dem Augenblick, wo das Zeichen ge-
geben werden soll, meist von einer Sternwarte aus
direkt oder durch Vermittelung eines Telegraphen-
amtes, elektrisch ausgelöst. Durch Beobachtung des
Fallens bestimmen die im Hafen liegenden Schiffe
den Stand ihrer Chronometer (s. d.). Der erste der-
artige Apparat wurde zu Greenwich 1833 eingerich-
tet, seitdem sind an allen Küsten ähnliche Z. auf-
gestellt; an manchen Orten werden sie auch ersetzt
durck Kanonenschüsse oder Flaggensignale. Gegen
wärtig giebt es auf dcr ganzen Erde 115 Z eitball-
stationen. An den deutschen Küsten befinden sich
solche Einrichtungen in Wilhelmshaven, Bremer-
haven, Curbaven, Hamburg, Kiel, Swinemünde und
Neufahrwasser, die den Eintritt des mitteleurop.
Mittags und des mittlern Mittags zu Greenwich an-
künden, mit Ausnabmc von Hamburg, wo nur der
letztere signalisiert wird. Auf allen deutschen Zeit-
dallstationen wird der Ball 10 Minuten vor Abgabe
des Signals auf halbe und 3 Minuten vorher auf
ganze Höhe des Mastes gebeißt.
Zeitberechnung, juristische, s. ^omMatio.
Zeitbestimmung, die Bestimmung des Zeit-
betrags, um den der Gang einer Uhr von der richti-
gen Ortszeit abweicht. Sie wird am einfachsten durch
die Beobachtung des Meridiandurchgangs eines
Firsterns von bekannter Nektascension mittels des
Passageninstruments ausgeführt, da ein Firstern in
dem Moment durch den Meridian geht, wo die
Sternzeit gleich seiner Nektascension ist. Für den
Fall, daß die zur Beobachtung verwendete Uhr nach
mittlerer Zeit geht, muß die Stcrnzeit (s. o.) erst
noch in mittlere Zeit verwandelt werden. Durch
Beobachtungen der Sonne erhält man wahre Zeit,
die durch Berücksichtigung der Zcita/eichung ü^ dic
im bürgerlichen Leben gebräuchliche mittlere Son-