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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Zigeuner

halten den Maulbeerbaum heilig. Ihr Wappen, ein Igel, trägt je nach der Landsmannschaft ein Reis oder Blatt des heiligen Baumes im Maule. Der Hauptmann wird auf Lebenszeit von allen erwachsenen männlichen Z. gewählt, die unbescholten sind, und dieser Wahlakt ist überall ein Fest und namentlich in Deutschland sehr feierlich. In Ungarn steht an der Spitze des Stammes der Woiwode, unter dem in Transsilvanien eine Reihe von Vorstehern kleinerer Genossenschaften (mahliya), die Schaibidschos, stehen. Der Woiwode ist wie der Hauptmann in Deutschland und bei den nordischen Z. der Bevollmächtigte des Stammes und war früher auch Richter mit ausgedehnten Befugnissen, die jetzt sehr beschränkt sind. Nicht damit zu verwechseln sind die Woiwoden, die von der Regierung den ansässigen Z. gegeben und aus der Zahl der ungar. Edelleute genommen wurden. Sie bestanden bis 1648. Auch in Polen war das Amt eines Zigeunerkönigs (krolewskwo cyganskie) in den Händen der Edelleute, die die Z. auf das härteste bedrückten. Der letzte "unechte" Zigeunerkönig der poln.-litauischen Z. starb 1790. Ebenso gab es auf Korfu erbliche Barone des Zigeunerlehns, und in Syrien ist das Oberhaupt der Z., der Aghet en-Nowwer, der in Damaskus residiert, nach Wetzstein nicht selten ein heruntergekommener Damascener aus guter Familie. Daneben aber hatten die Z. auch hier wie in allen andern Ländern Führer aus ihrem eigenen Stamme. Sehr lange haben sich diese in England und Schottland gehalten. Innerhalb der einzelnen Familie ist der Familienvater unumschränkter Herrscher. Über ihm steht aber noch die Zigeunermutter (puri daj - alte Mutter, Großmutter), das älteste Weib der Bande. Ihr wird mit der größten Ehrfurcht begegnet; auf der Reise wird ihr alle mögliche Bequemlichkeit verschafft, und ihr Rat ist stets ausschlaggebend. Das ist um so merkwürdiger, als die Frau sonst bei den Z. durchaus nicht angesehen ist, ja sogar für unrein gilt. Die Z. heiraten sehr früh; die Mädchen sind bei der Hochzeit gewöhnlich 14-16 J. alt, die Männer wenig älter. Fast überall wird die Hochzeit mit großem Lärm, unmäßigem Essen und Trinken gefeiert. Die Ehe ist leicht löslich; es genügt eine Anzeige bei dem Hauptmann, daß man sich trennen wolle. Die Ehe ist meist mit vielen Kindern gesegnet. Der Z. läßt sie gern taufen, möglichst oft an verschiedenen Orten, um Patengeschenke berauszuschlagen. Aus praktischen Gründen läßt er jetzt auch seine Ebe meist kirchlich einsegnen. In früherer Zeit war es allgemeine Sitte, daß alte lebensmüde Z. lebendig begraben wurden oder freiwillig einen andern Tod wählten. Der Tod eines Mitglieds erfüllt die ganze Bande mit tiefer Trauer, die sich in lauten Wehklagen äußert. Die Verehrung der Toten ist ein Zug, der sich bei den Z. aller Länder findet. Echte Religion besitzt der Z. nicht. Er führt zwar beständig den Namen Gottes im Munde; wenn ihm aber ein Unglück geschieht, überhäuft er Gott mit Schimpfworten. Für seinen Spürsinn spricht die Erfindung eines Systems bestimmter Zeichen (patrin), die den einzelnen Banden als Wegweiser dienen. Fremde Sprachen lernen die Z. leicht sprechen.

Aus ihrem Wanderleben erklärt es sich auch, daß sie trotz ihrer Anlagen in Kunst und Wissenschaft nichts geleistet haben. Der ital. Maler Antonio Solaro, mit dem Beinamen Il Zingaro, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. lebte, soll ein Z. gewesen sein, ebenso der berühmte engl. Theosoph John Bunyan (gest. 1688); aber beides ist ganz unsicher. Unter den Originaldichtungen der Z. sind sehr wenige von einigem dichterischem Wert. Weitaus die meisten sind roh und formlos. Nur in einer Kunst leisten die Z. wirklich etwas Hervorragendes: in der Musik. Diese Kunst hat der Z. mit aus seiner Heimat gebracht. Die ihm am nächsten verwandten ind. Völker, die Darden und Kafirs, lieben Tanz und Musik leidenschaftlich, und die Melodien, die noch heute an ind. Fürstenhöfen von einheimischen Künstlern vorgetragen werden, gleichen genau den ungar. Csardas, wie Bühler nach eigener Erfahrung berichtet. Franz Liszt hat in seiner Schrift "Des Bohemiens et de leur musique en Hongrie"(Par. 1859; deutsch von Cornelius, Pest 186l, und von Ramann, Lpz. 1883) zu zeigen versucht, daß die ungar. Musik und die Nationaltänze der Ungarn in Wirklichkeit zigeunerisch sind und Z. ihren Ursprung verdanken, eine Ansicht, die in Ungarn große Entrüstung erregte und eine Flut von Gegenschriften hervorrief. Bühlers bestimmtes Zeugnis entscheidet die Frage zu Gunsten von Liszt, trotz der in neuerer Zeit von Thewrewk de Ponor (im "Journal of the Gypsy Lore Society", Bd. 1, S. 313 fg.) vorgebrachten Gründe. Besonders musikalisch sind die ungar. und rumänischen Z. Das Lieblingsinstrument des Z. ist die Geige, mit der schon Kinder von 6 bis 7 Jahren geschickt umzugehen wissen. Die Zigeunermusik ist wild und hinreißend, unter Umständen aber auch zart und wehmütig. Der Z. spielt durchweg nach dem Gehör, am besten Nationallieder. Außer der Geige spielt er auch die Harfe und die Ziehharmonika; er rührt die Trommel und das Tamburin und bläst Trompete, Waldhorn, Flöte und Klarinette. Außerdem sind die Z. vorzügliche Tänzer und Tänzerinnen; die spanischen Z. sind deswegen ebenso berühmt wie die ungarischen wegen der Musik. Ferner führen sie oft Marionettentheater mit sich. Von Handwerken treiben die Z. mit Vorliebe das Schmiede- und Schlosserhandwerk. Trotz ihrer unvollkommenen Werkzeuge verfertigen sie kleinere Arbeiten, wie Nägel, Ringe, Messer, Nadeln u. dgl., nicht ohne Geschick, vermeiden aber jede schwere Sckmiedearbeit. Sie besitzen ferner große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Drahtgeflechten aller Art, von Sieben und Mausefallen, Ketten und Vogelkäfigen. Ebenso sind sie gewandt in Holzschnitzereien. Sie verfertigen hölzerne Löffel, Teller, Schüsseln, Becher, schneiden Stöcke, Tabakpfeifen, Zigarrenspitzen u. dgl. Nicht selten sind sie auch Scherenschleifer, Besenbinder und Kammerjäger. Am liebsten treibt der Z. Geschäfte, bei denen er seine Kunst zu betrügen zeigen kann. Eine gute Gelegenbeit dazu bietet ibm der Pferdehandel, den daher die Z. aller Länder mit Vorliebe pflegen, in Ungarn sogar im Großen. Der Z. ist ein äußerst geschickter Roßtäuscher. Auch als Tierarzt tritt er auf, besonders im Norden, wobei auch Beschwörungsformeln eine Rolle spielen. Die Zigeunerinnen treiben die Kunst der Wahrsagung, meist aus den Linien der Hand, seltener mit Karten.

Die Geschichte der Z. ist eine Geschichte menschlichen Elends und menschlicher Roheit. Zahllos sind die Edikte, die in aller Herren Länder gegen sie erlassen worden sind, und grausam die Verfolgungen, denen sie ansgesetzt waren. Versuche, größere Massen mit Güte oder Gewalt anzusiedeln, sind stets gescheitert. Die bekanntesten sind die Versuche, die in den J.1761-83 Maria Theresia und Joseph II. in Ungarn und 1830 der evang. Missions-Hilfsverein