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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Elektrophysiologie - Elektrotechnik
aus elektrischem Wege eigentümliche, noch nicht ge-
nügend bekannte ^trahlenarten erzengt werden (s.
Kathodenstrahlen und Röntgenstrahlen). - Endlich
ist zu erwähnen, daß, wie gleichfalls zuerst von H.
Hertz beobachtet wurde, das Licht ans die Entladung
elektrisch geladener Körper fördernd einwirkt. Es
sind besonders die unsichtbaren, ultravioletten Strah-
len, die die Zerstreuung negativer Elektricität un-
gcmcin beschleunigen.
Elektrophysiologie, der Teil der Phrisiologic,
der sich mit elektrischen Vorgängen und Methoden
befaßt. Hierzu ist in zweierlei Richtung Veran-
lassung gegeben. Erstens ist der elektrische Strom
seiner Dosierbarkeit und relativen Unschädlichkeit
halber das wichtigste und am meisten gebrauchte
Reizmittel; zweitens giebt es eine große Zahl von
Lebensvorgängen, bei denen die pflanzlichen und
tierischen Gewebe selbst elektrische Strome erzeugen.
Jede Thätigkeit der Drüsen, Muskeln und Nerven
geht mit dem Auftreten elektrischer Spannungen
'M'to Strömungen einher. Elektrische Ströme ent-
stehen in den willkürlich bewegten Muskeln wie im
thätigen Gehirn; jeder Herzschlag führt zu elektri-
schen Oscillationen, die sich durch dem menschlichen
Körper angelegte Elektroden nach außen ableiten
lassen. Die großartigste Leistung in dieser Richtung
sind die von den elektrischen Fischen mit Hilfe ihrer
elektrischen Organe erzeugten Schläge. - Begründet
wurde die E. durch Galvani. Einzelne Reizerfolge
des elektrischen Stroms wurden indes schon früher
von verschiedenenBeobachtern beschrieben. Die Aus-
bildung einer exakten Methodik und die systematische
Durcharbeitung des ganzen Gebietes geschah durch
Du Vois-Reyinond. - Vgl. Galvani, De viriduä
6i60tricit3,ti8 in moto mu30uIcN'i coininontlN'iuZ,
hg.von A.von Ottingen (in Ostwalds "Klassikern der
erakten Wissenschaften", Nr. 52,1894); Du Vois-
Reymond, Untersuchungen über tierische Elektri-
cität (2 Bde., Verl. 1848 - 84); W. Biedermann,
Elektrophysiologie (Jena 1895).
^ Elektrotechnik. Iu der Schwach str omtech -
nik sind im Laufe der letzten Jahre keine umwälzen-
den Neuerungen zu verzeichnen gewesen. (Näheres
s. Elektrische Telegraphen, Mikrophon, Telegraphie
ohne Draht.) Das Gleiche gilt von derStark st r o m -
technik; doch hat die wirtschaftliche Entwicklung der
letztern die Erwartungen weit übcrtrossen. Die elek-
trische Beleuchtung breitet sich immer weiter aus, so-
wohl in Einzel- als in Centralanlagen; aber mebr
bietet die Elektrische Kraftübertragung (s. d.) und die
Elektrochemie (s. d.) das eigentliche Arbeitsfeld für
die elektrische Großindustrie. Es giebt beute Fabriken,
die jährlich 3-5000 Dynamomaschinen und Mo-
toren bauen. Infolge des lebhaften Geschäftsganges
liegen Mitte 1896 für die großen Firmen für mehrere
Hundert Millionen Mark Aufträge vor.
Physiologische Wirkungen des Stark-
stroms. Durch die Verbreitung der Starkstromanla-
gen im Fabrik- und Geschäftsbetrieb sowohl als im
öffentlichen Vcleuchtungs- und Verkehrswesen ist die
Möglichkeit gegeben, daß das Publikum, das Fabrit-
und Geschästspersonal u. s. w. mit den l^tromlcitun-
gen in gefahrbringende Berührung kommt. Daß der
elektrische Strom auf Muskeln und Nerven einwirkt,
ist seit langer Zeit bekannt, aber es ist bis jetzt sehr
wenig erforscht, welche Teile des menschlichen Körpers
bei Berührung mit hochgespannten Strömen derart
gestört werden, daß das Leben in Gefadr kommt.
Zunächst hat man angenommen, daß bei Durchgang
derartiger Ströme durch den menschlichen Körper
eine plötzliche Zertrümmerung der Nerven stattfindet,
die je nach ihrem Umfang vorübergehende oder
dauernde Störungen im Organismus oder den Tod
zur Folge hat. Die Versuche mit der elektrischen
Hinrichtung in Amerika haben aber durch ihre nega-
tiven Ergebnisse gezeigt, daß die edelsten Teile:
Rückenmark und Gehirn, gegen Stromdurchgang
wenig empfindlich sind. In allen Fällen, wo unvor-
sichtige Vcrührnng elektrischer Leitungen starke Läh-
mungen oder den Tod zur Folge hatten, waren
meistens die starken Muskelpartien, Arm-, Bein-,
Brust- und Herzmuskel, die Leiter für den Strom, und
man kann daraus folgern, daß die tödliche Wirkung
des elektrischen Stroms besteht in einer mehr oder
minder heftigen Erschütterung nervenreicher Muskel-
partien: Muskelkrampf, Lähmung der motorischen
Nerven, Störungen des Blutkreislaufs, ungleiche
Vlutverteilung (Herz- und Gehirnschlag), Starr-
krampf u. s. w. Es hat sich gezeigt, daß Personen,
die nur sehr kurze Zeit mit dem (Htrom in Berührung
waren, durch geeignete Maßnahmen ins Leben zurück-
gerufen werden konnten, was nach längerm Strom-
durchgang nicht mehr möglich war. Visher nahm
man an, daß Gleichstrom erst von 1000 Volt und
Wechselstrom erst von 000-700 Volt absolut tödlich
sei; in neuerer Zeit hat sich jedoch gezeigt, daß Wechsel-
strom schon bei 450 Volt Spannung Todesfälle her-
vorrufen kann, wenn die Berührung längere Zeit
gedauert hat, während bei kurz andaucrudem Strom-
durchgang bei der gleichen Spannung keine nach-
teiligen Folgen aufgetreten sind. Zu berücksichtigen
ist ferner, daß sich der menschliche Körper sehr ver-
schiedenartig bei Stromdurchgang verhält; während
der eine schon durch 100 Volt Gleichstrom heftig er-
schüttert wird, kann der andere bequem das Drei- bis
Vierfache an Spannnng ohne merklichen Schmerz er-
tragen; ferner kommt der Zustand der Haut in Be-
tracht: Schwielen an der Hand setzen dem Strom
einen sehr hohen Widerstand entgegen, während
andererseits der Körper nach einem Bad in Salz-
wasser den geringsten Widerstand zeigt. Eigentüm-
lich ist, daß Pferde schon durch 500 Volt Gleichstrom
getötet werden können, wie dies z. B. in Chemnitz
(1895) durch einen herabgefallenen Arbeitsdraht der
elektrischen Straßenbahn geschehen ist. ströme von
geringer Spannung beeinflussen die Nerven günstig
und atteriercn die Muskeln nicht; sie werden daher in
der Heilkunde angewendet <s. Elektrotherapie, Bd. 6);
außerdem ist es auffallend, daß Wechselströme von
sehr hoher Spannung und sehr hoher Wechselzahl
(s.Teslasche Versuche, Bd.15) ebenfalls ohneSchaden
durch den menschlichen Körper geleitet werden können.
Ist jemand durch elektrischen Schlag betäubt, so ist
es notwendig, sofort zum Arzt zu senden; inzwischen
soll man sich bemühen, die künstliche Atmung herbei-
zuführen. Der Körper wird so an die Erde gelegt,
daß der Kopf etwas nach unten hängt, dann werden
die Ilrme langsam über den Kopf gezogen, zwei bis
drei bekunden gehalten und wieder abwärts bewegt
nnd die Ellbogen fest auf den Brustkasten des Be-
täubten gedrückt. Diese Manipulation soll so lange
fortgesetzt werden, bis man sich über den etwaigen
Tod des Betäubten klar geworden oder bis die natür-
liche Atmung wieder eingetreten ist; jedenfalls sind
die Bewegungen eine Stunde lang fortzusetzen. Ist
eine zweite Person zur Stelle, so kann diese dadurch
Hilfe leisten, daß sie mit einem Taschentuch die Zunge
des Betäubten ergreift und beim jedesmaligen Ein-