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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Frankreich
losigkeit seiner Rolle fand als Perier, und dessen Be-
streben auf leidlichen Ausgleich zwischen den mittlern
und radikalern Elementen ausgeht. Denn unter ihm
liefen die Parteischwankungen in alter Weise weiter.
Sein erstes Kabinett bildete, nach vergeblichen Ver-
suchen des Radikalen Bourgeois, 27. Jan. 1895
Ribot, Hanotaur behielt das L'luhere. Das Ministe-
rium betrieb eine Fortsetzung der Dezentralisation
in der Verwaltung und trug im Juli in den General-
ratswahlen gegen die Rechte wie gegen die äußerste
^inke einen neuen republikanischen Erfolg davon;
es hielt gegen die Kirche den staatlichen Gedanken
aufrecht und wies in einem großen Ausstande, den
die Glasbläser im Oktober und November zu Car-
maux veranstalteteu, die Ausschreitungen der Arbei-
ter zurück. Zwei Tage nach der Interpellation über
diesen Ausstand, 28. Okt., wurde es gestürzt, indem
es wieder in einer Südbahndebatte in der Minder-
heit blieb. Dem unerwarteten Falle folgte, seit Jah-
ren zum erstenmal, ein grundsätzlicher Wechsel in
der Regierung. An die Stelle des nach innen doch
ziemlich farblosen Kabinetts Ribot kam I.Nov. ein
entschieden radikales unter Bourgeois, in dem Ca-
vaignac die Kriegs- und Verthelot die auswärtige
Verwaltuug übernahm. Das Programm Bourgeois'
kehrte sich gegen die persönlichen Verbindungen der
großen Gesellschaften mit dem Parlament, gegen
die Monarchisten, aber auch gegen die Socialisten;
den Panamaskandal brachte die endlich furchtlos
und rücksichtslos durchgeführte Verhaftung des viel-
beteiligten und mit Absicht lange vergebens verfolg-
ten Agenten Arton wieder in Fluß, der von Eng-
land ausgeliefert und zu achtjährigen: Gefängnis
verurteilt wurde. In Earmaur suchte die Regie-
ruug vergeblich zu vermitteln, die Ausständischen
unterlagen. Dann aber betonte Bourgeois den
radikalen Charakter seiner Politik schärfer; eine
Wendung nach links, zu allerlei Reformen, wie
die einen, Umwälzungen, wie die andern meinten,
zeigte sich an; ein progressives Einkommensteuer-
Wem, das der franz. Überlieferuug widersprach und
von rechts her der socialistischen Tendenz bezichtigt
wurde, trat in die Mitte der öffentlichen Verhand-
lungen. Die Opposition wurde lebhaft, und der ^enat
besckritt schließlich den offenen Kriegspfad gegen das
radikale Kabinett. Nachdem er bereits am 11. und
17. Febr. dem Ministerium in der Südbabnange-
legenheit ein Tadelsvotum ausgesprochen hatte, das
Bourgeois ignorierte, erhob er sich 21. April 1896
zur Vertagung der für Madagaskar geforderten Kre-
dite bis zur Bildung eines neuen Ministeriums und
erklärte die Verfassung für verletzt, da das Ministe-
rium trotz der wiederholten Mihtranenstundgebun-
geu der Ersten Kammer im Amt geblieben sei. Die
Radikalen hatten längst eine Revision der Verfassung,
die Beseitigung oder Einschränkung des Senats ge-
fordert. Dennoch wich Bourgeois 2.^>. April vor ihm
zurück, und nach dem vergeblichen Bestreben, ein Kon-
zentrationskabinett zu bilden, übernahm am 28. Me-
line die Leitung einer neuen, rein opportunistischen
Regierung, der auch Hanotaur wieder angehört. Die
Gegenwehr gegen Radikalismus und Socialismus
ist der Entstehungsgrnnd und der Hwect dieses Mi-
nisteriums. Bourgeois' Fall bedeutete den erneuerten
Sieg der begüterten Mittelklassen, die ihre Sondcr-
interessen uuabhängig und einseitig festbalten. Die
radikal-socialistische Opposition zögerte daher auck
nicht mitchvenAngrisjen und guckte, allerdings obno
Ersolg, durch mehrere Interpellationen über angeb-
Brockhaus' Konversations-Lexikon. 14. Aufl.. XVII
liche Begünstigung des Klerikalismus und über
Personalverändernngen in der innern Verwaltung
das Ministerium zu Fall zu bringen. Ernstere
Schwierigkeiten erhoben sich für das Kabinett auf
finanzpolit. Gebiet. Zwar ließ es das Projekt einer
allgemeinen progressiven Einkommensteuer fallen,
erkannte aber die Notwendigkeit einer durchgreifen-
den Steuerreform, namentlich eine gerechtere Ver-
teilung der Steuerlasten, an. Als jedoch der Finanz-
minister Cochery mit einem Plan hervortrat, wo-
nack zur Erleichterung des überbürdeten Immobi-
liarbesitzes das Einkommen aus sranz. Rente mit
einer 4^ Prozentigen Steuer belegt werden sollte,
stieß er von rechts und links auf Widerstand, so daß
sich das Kabinett genötigt sah, 9. Juli die ganze
Steuerreformvorlage zum Zweck einer Umarbeitung
zurückzuziehen.
Bot so die innere Politik ein oftmals wechselndes
Bild, so ist die äußere im großen und ganzen von
allen Regierungen ungefähr gleichartig geführt wor-
den. Mit ihr im engen Zusammenhaug stehen Schutz-
zoll und Kirchenpolitik. Der erstere wurde all diese
Jahre hindurch mit Konsequenz aufrecht erhalten und
fübrte lange Zeit mit der Schweiz zu heftigem Zoll-
kriege, der auch die allgemeinen polit. Sympathien
der beiden Nachbarn berührte, aber im Juli 1895
durch einen Handelsvertrag beigelegt wurde. Das
Haupt der gegenwärtigen Regierung, MiÜine, ist
der entschiedenste unter den franz. Schutzzöllnern und
überzeugter Bimetallist. Die Kirchenpolitik war von
der auswärtigen Politik stark beeinflußt: der Vatikan
hat, im Gegensatze zum Dreibund, die Franzosen
und Russen unterstützt, bei deren gemeinsamen Festen
seine Glückwünsche gespendet, der republikanischen
Regierungsfonn andauernd beigestanden; kleine
Reibungen zwischen Staat und Kirche sind, als be-
deutsame Symptome innerer Verschiedenheiten, zwar
immer dazwischengetreten, baben aber das Verhält-
nis nicht ernstlich gestört. Beherrscht wurde alles
durch das Verbältms zu Ruhland. Der Juni 1893
brackte einen franz.-russ. Handelsvertrag, der Oktober
den Besuch eines russ. Geschwaders iu Toulon und
die Reise des Admirals Avellane und einer Anzahl
von Offizieren nach Paris; warme Telegramme wur-
den Mischen Zar und Präsident ausgetauscht. Der
Tod Aleranders 111. (Nov. 1894) wurde von den Fran-
zosen lebbaft betrauert. Unter Nikolaus II. scheint sich
indessen kaum etwas verändert zu haben; vielmehr
konnte das franz. Volk den langersehnten Triumph
feiern, den Zaren auf franz. Boden zu begrüßen, und
ihn, während er auf seiner Besuchsreise an den europ.
Höfen mit seiner Gemahlin 5. bis 10. Okt. 1896 in F.
weilte, mit glänzenden Festen und mit begeistertem
Jubel zu empfangen. Soweit man erkennen kann,
bat die russ. Politik die der Frauzosen in der Hand,
zügclt auch etwaige chauviuistische Gelüste eher als
daß sie sie beförderte; sie nutzt die Freundschaft aus,
indem sie ibre Anleihen auf dem franz. Geldmarkte
unterbringt. Dafür gewährt sie F. eine feste Anleh-
nung und eine selbstbewußtere Stellung in der Welt.
Das ist unter allen Kabinetten dasselbe geblieben;
nnr scheint es, als habe man in Petersburg an radi-
kalen Ministern weniger Gefallen als an gemäßigten,
und als ziehe man den klugen und zuverlässigen Ha-
notaur jedem andern vor. Unter dessen Verwaltung
ist denn auch lnicht direkt durch ihn selber, der sich vor^
sichtiger ausdrückte, wohl aber durch deu Minister-
präsidenten Ribot) im Sommer 1895 zum erstenmal
offiziell von einer "Allianz" der beiden Mächte geredet
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