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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland
eine Vereinigung zwischen den streitenden Parteien
herzustellen, die wenigstens für eine bestimmte Frist
den Frieden verbürgte.
Sonst war die liberale Negierung nicht reich an
Erfolgen. Ihre Parlamentsmehrheit war auf Glad-
stones Namen gewählt worden, und dessen über-
ragende Persönlichkeit allein vermochte die ver-
schiedenartigen Elemente dieser kleinen Mehrheit
energisch zusammenzuhalten. Es war daher der
härteste Schlag für die Liberalen, daß Gladstone
durch ein schweres Augenleiden genötigt wurde,
Z. März 1894 die Leitung niederzulegen. Wie schon
in der Beilegung des Ausstandcs Lord Nosebery als
der Mann des öffentlichen Vertrauens erschienen
war, so wurde er jetzt, 7. März, zum Premier-
minister ernannt. Er übernahm auch die Präsident-
schaft des Geheimen Rates an Stelle Lord Kimber-
leys, der dafür die Leitung des Auswärtigen erhielt.
Herbert Gladstone, der Sohn des frühern Premier-
ministers, übernahm die Postverwaltung und die
öffentlichen Arbeiten, Lord Tweedmouth das Amt
des Großsiegelbewahrers, Henry Fowler das Staats-
sekretariat für Indien, Shaw Lefevrc die Präsident-
schaft des Lokalverwaltungsamtes.
Den noch von Gladstone ausgegebenen Kampfruf
gegen das Oberhaus nahm wider Erwarten Lord
Rosebery nachdrücklich auf. Wohl erklärte er, daß
die bisherige Politik für Home-Rule unverändert
fortgesetzt werden würde, aber da deren Undurch-
sührbarkeit thatsächlich von den Liberalen selbst ein-
gesehen werden mußte, so trat an ihre Stelle die
Oberhausfrage, um die sich die alte Mehrheit fortan
zu scharen hatte, und in der das Schlagwort für die
spätern Wahlen gegeben war. Aber die neue Taktik
war ohne Erfolg; die nächsten Parlamentswahlen
wurden nur durch die Stellung der Wühler für oder
.gegen die Reichseinheit entschieden.
Bei all den Reformgesetzen, durch welche die Re-
gierung unter Gladstone wie Rosebery ihre wankende
Stellung zu stärken suchte, hatte sie mit dem bestän-
digen Widerstände des Oberhauses zu kämpfen. So
wurde infolge solchen Einspruchs das Gesetz abge-
ändert über die Einführung von Distrikts- und Kirch-
-spielräten (s. ?Hri8k Oouncii, Vd. 12) zur Reform der
Landgemeindeverfassung, deren Grundsätze auf ihre
kleinsten Bezirke ausgedehnt werden sollten, über
diese weitere Demokratisierung der Gemcindever-
fassung war es im Febr. 1894 zwischen beiden Häusern
zu einem ernstlichen Konflikt gekommen, der Glad-
stone kurz vor seinem Rücktritt die gewünschte Ge-
legenheit zur grundsätzlichen Erklärung gegen das
Oberhaus gab, den aber das Oberhaus beseitigte,
indem es nun selbst wieder wenigstens in den meisten
seiner Forderungen nachgab. Um dieselbe Zeit mußte
die Regierung, wegen der vom Oberhausc gemachten
Zusätze, ein Gesetz über die Haftpflicht der Arbeiter
wieder zurückziehen. Außerdem sah sie sich genötigt,
ein Gesetz für eine demokratische Reform der Parla-
mentswahlen und für die Entstaatlichung der Kirche
in Wales fallen zu lassen, und ebenso endete der Ver-
such, auch für Schottland in rein schott. Angelegen-
heiten Home-Nule einzuführen, im April 1894 mit
Vertagung der Angelegenheit. Glatt vom Ober-
haus abgelehnt wurde ein Gesetz für die Errichtung
eines Schiedsgerichtes zur Wiedereinsetzung ausge-
wiesener irischer Pächter <14. Aug. 1894).
Das Unterhaus nahm dafür in mehrern An-
trägen und Beschlüssen offene Stellung gegen die
oppositionellen Lords, und Lord Rosebery ging so
weit, 27. Okt. 1894 in einer Rede zu behaupten, daß
das gegenwärtige Oberhaus mit seiner toryistischen
Mehrheit eine nationale Bedrohung, ja eine Auf-
forderung zur Revolution sei, während Lord Salis-
bury geschickt dagegen erklärte, daß das Oberhaus
sich der Entscheidung des Volks über Home-Rule,
die in den nächsten Wahlen Zu Tage treten müßte,
unterwerfen würde.
Auch im Unterhause schmolz die Regierungsmehr-
heit bei einzelnen Abstimmungen zusammen bis
auf 13 Stimmen, wichtige Nachwahlen fielen zu
Gunsten der Konservativen aus. Dabei sah sich die
Negierung aus dem eigenen Lager von den Parnel-
liten heftig angegriffen. Als der bisherige Sprecher
des Unterhauses, Sir Arthur Peel, im April 1895
zurücktrat, wurde der liberale Parteikandidat Gully
nur mit 285 gegen 274 Stimmen gewählt.
Im Herbst 1893 hatte eine Agitation M Ver-
stärkung der engl. Flotte begonnen, die im Unter-
hause durch den frühern Admiralitätslord Hamilton
im Dezember ihren Ausdruck erhielt. Gladstone
wußte mit Hilfe seiner gefügsamen Mehrheit dieser
ihm mißliebigen Erörterung auszuweichen, dagegen
a/lb sein Nachfolger Lord Rosebery der öffentlichen
Forderung nach und ließ 1894 den Bau von sieben
Schlachtschiffen erster Klasse, sechs Kreuzern zweiter
Klasse und zwei Schaluppen, dazu eine beträchtliche
Mannschaftsvermehrung beschließen, denen in den
folgenden Jahren weitere Bewilligungen für die
Flotte folgten (s. Grohbritannisches Heerwesen), so
daß die Flotte 1889 - 96 um 105 Schiffe und 62
Torpedobootszerstörer vermehrt wurde.
Die Frage der Flottenvergröherung war natürlich
behandelt worden im Hinblick auf Englands aus-
wärtige Stellung. Neben manchen Niederlagen hatte
die Negierung doch auch eine beträchtliche Vergröße-
rung des nationalen Gebietes zu verzeichnen. Im
April 1894 wurde im Unterhause erklärt, daß nun
endgültig Uganda unter brit. Staatshoheit gestellt
sei und mit einer geordneten Verwaltung versehen
werden solle. An der Gambiamündung waren im
Februar und März nach einer anfänglichen Nieder-
lage die brit. Truppen siegreich geblieben. Der bedeu-
tendste Erfolg wurde aber in Südafrika in Matabele-
land ss. d., Bd. 11) erfochten, das 1894 nach dem Tode
des Königs Lobengula völlig unterworfen wurde.
Als dagegen England durch einen Pachtvertrag
mit dem Kongostaat vom 12. Mai 1894 sich eine
Verbindung zwischen seinen nord- und südafrik. Be-
sitzungen zu schaffen suchte, zog sich die Regierung
eine böse diplomat. Niederlage zu, indem sie die be-
treffende Bestimmung vor dem Widerspruch des ganz
ungefragt gebliebenen Deutschen Reichs fallen lassen
mußte. Schon vorher, im I. 1893, hatte England
in Ostasien dem Vordringen Frankreichs in Siam
(s. d., Bd. 14) ruhig zusehen müssen. Mit der frühern
Festigkeit behauptete es dagegen die eingenommene
Stellung in Ägypten. Während der durch den Chine-
sisch-Japanischen Krieg (s.d.) herbeigeführten Wirren
hielt sich England von der diplomat. Aktion fern, die
Rußland, Deutschland und Frankreich zu Gunsten
Chinas ins Werk setzten und die dem Reich der Mitte
die Halbinsel Liau-tung zurückverschaffte. Hierdurch
verlor Großbritannien den vorherrschenden Einfluß
in China vollkommen an Rußland und suchte nun
Ersatz dafür bei Japan, mit dem es 25. Aug. 1894
einen Handelsvertrag abschloß, bei dem es auf die
Konfulargerichtsbarkeitverzichtete. Währendhierim
Osten der alte Gegensatz engl. und russ. Internen