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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Handwerkerfrage (Allgemeine Lage)
und Betriebsgeheimnisse gegen Verrat durch Angestellte (s. Geschäftsgeheimnis). Diese Meinung vergißt, daß die Redlichkeit im wirtschaftlichen Verkehr gegenüber dem Schutz des wirtschaftlich Schwachen das höhere Interesse darstellt, ganz abgesehen davon, daß ja nicht alle Einrichtungen und Manipulationen des Geschäftsbetriebes unter den Begriff des Geschäftsgeheimnisses fallen, sondern nur die dem Betriebe des Prinzipals eigentümlichen, die in der Regel den Konkurrenten unbekannt sind, und daß der Angestellte ja nicht gehindert wird, auch die wirklichen Geschäftsgeheimnisse in seiner eigenen Unternehmung zu verwerten, er müßte sie denn durch eine gegen Gesetz oder gute Sitten verstoßende Handlung kennen gelernt haben. Aus dem Grunde kann also in dem gesetzlichen Schutz des Geschäftsgeheimnisses keine ungerechte Schädigung des Standes der Angestellten gesehen werden.
Handwerkerfrage. Allgemeine Lage. Die Lage des deutschen Kleingewerbes scheint zur Zeit verworrener als je. Um ihre Aufklärung haben sich neuerdings besonders verdient gemacht der Verein für Socialpolitik und das Reichsamt des Innern. Der erstere hat Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Großindustrie begonnen und die außerordentlich lehrreichen Ergebnisse in Bd. 62-68 seiner "Schriften" (Lpz. 1895-96) veröffentlicht. Indes sind damit die Forschungen keineswegs abgeschlossen, sondern es stehen wenigstens noch weitere drei Bände in Aussicht, die in der gleichen Weise wie die vorhergehenden Schilderungen einzelner Handwerke an verschiedenen Orten Deutschlands bringen werden. Das Reichsamt des Innern aber hat durch eine Enquete nach der bekannten Stichprobenmethode zu ermitteln gesucht, ob die örtliche Gruppierung des Handwerks ausreicht, dem Wunsche nach Zwangsinnungen zu willfahren. Man hat von der Gesamtzahl der in Deutschland betriebenen Gewerbe 70 ausgewählt, hauptsächlich solche, die dem Kleingewerbe angehören und historisch überkommen sind, außerdem aber bei 3 Gewerben, nämlich in der Schlosserei, Schmiederei und Schreinerei, noch die Specialitäten, die vorzukommen pflegen, an Zahl 28, auseinander gehalten, so daß im ganzen die Erhebung sich auf 98 Gewerbe erstreckt. Über die Verhältnisse dieser 98 Gewerbszweige hat man in einer Reihe von Bezirken verschiedener Reichsgebietsteile Untersuchungen angestellt, im ganzen in 156 Zählbezirken, wovon 130 ländliche und 26 städtische waren. Ihre Ergebnisse sind von dem kaiserl. Statistischen Amt in mustergültiger Weise tabellarisch zusammengestellt, verarbeitet und mit kartographischen Darstellungen veröffentlicht (s. unten Litteratur) worden. Die Bezirke, in denen die Erhebung vor sich ging, waren in Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen und Lübeck gewählt. Ihre Zahl war 37, so daß von den gegenwärtig vorhandenen Kreisen und entsprechenden Verwaltungsbezirken im Reiche der 27. Teil erforscht ist. Dem Flächeninhalt nach handelte es sich um 18700 qkm, d. h. um den 30. Teil der Reichsfläche. Die Einwohnerzahl belief sich auf 2292525, d. h. ungefähr den 22. Teil der Reichsbevölkerung.
Der Verein für Socialpolitik hat territorial seine Forschungen bis jetzt auf Preußen, Sachsen, Baden, Württemberg, Bayern und Elsaß-Lothringen ausgedehnt und über eine große Anzahl von Handwerken eingehende Schilderungen gesammelt. Weiß- und Lohgerberei, Tischlerei, Tapeziererei, Wollweberei, Töpferei und Thonindustrie, Schlächterei und Bäckerei nebst Konditorei, Drechslerei, Schlosserei, Schneiderei, Hut- und Mützenmacherei u. a. m. gelangen zu eingehender Darstellung. Was diesen Beschreibungen einen so hohen Wert verleiht, ist, daß in ihnen zum erstenmal eine Auseinandersetzung über die wirklichen Ursachen der Notlage angestellt wird. Was dagegen auf lokalen und provinziellen Handwerkertagen, auf allgemeinen Versammlungen aller Handwerker und denen von Fachinteressenten, in Zeitschriften und Broschüren seit mehr als 20 Jahren von den Handwerkern zur Begründung ihrer Beschwerden laut wurde, giebt eine solche nicht. Über die Veränderungen, die die ökonomische und technische Struktur des Handwerks erlitten hat, geben die Veröffentlichungen des Vereins für Socialpolitik jetzt ganz neue Aufklärung. Sie zeigen, daß die Verhältnisse im Handwerk außerordentlich verschieden liegen, örtlich und beruflich wechseln. Sie machen auf die Besonderheiten in jedem einzelnen Handwerk und die Vielheit der Ursachen zu Veränderungen aufmerksam. Hier sind es die Maschinen, dort das Kapital, hier die größere kaufmännische Überlegenheit beim Einkauf des Rohstoffs, dort die bessere Einteilung des Arbeitsprozesses, hier der veränderte Geschmack und Bedarf des Publikums, dort die gänzlich veränderte weltwirtschaftliche Organisation, die die Umwälzung im Gewerbewesen und die Verdrängung des Handwerks bedingt haben.
Zwar so weit ist man nicht, daß man ein förmliches Verzeichnis der noch lebensfähigen Handwerke und derjenigen, welche ihre Rolle ausgespielt zu haben scheinen, aufstellen kann. Daß die Kammmacherei, die Nagel- und Zeugschmiederei, die Mützen- und Hutmacherei und noch einige andere Handwerke auf dem Aussterbeetat stehen, kann freilich niemand leugnen. Auch die Schuhmacherei, die Lohgerberei, die Klempnerei, die Böttcherei, die Töpferei, die Tischlerei scheinen einen immer aussichtsloseren Konkurrenzkampf gegen die Großindustrie zu kämpfen. Dahingegen können sich andere Gewerbe wie Bäckerei und Konditorei, Schlächterei, Dachdeckerei, Schlosserei, Tapeziererei, die sämtlichen Baugewerbe und andere nicht nur halten, sondern ruhen auch auf ganz gesunden Grundlagen. Nur ist allerdings der Kreis ihrer Thätigkeit gegen früher ein anderer geworden. Was das Kleingewerbe auf einem Gebiete verloren, hat es auf einem andern gewonnen, und es kommt nur darauf an, sich darüber klar zu werden, welche Gewerbszweige unter besondern örtlichen Verhältnissen noch in der Form des Handwerks betrieben und gefördert zu werden verdienen, und bei welchen alle Bestrebungen, ihnen zu Hilfe zu kommen, von vornherein aussichtslos sind. Sowie im Laufe der Jahrhunderte Handwerke, wie das der Riemer, Täschner, Nasch- und Etaminmacher, Perückenmacher, Kerzengießer, Pergamentmacher, Plattenschläger und viele andere unmöglich und unnötig geworden sind, so werden im Laufe der nächsten Jahrzehnte noch andere Zweige schwinden müssen, weil der Bedarf an Gewerbeprodukten, den sie seither befriedigten, auf anderm Wege wohlfeiler und besser hergestellt wird.
An diesen Veranstaltungen zur Aufklärung über ihre Lage und deren Ergebnissen geben die Handwerker ziemlich teilnahmlos vorbei. Die Vornahme