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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hausindustrie
Umherziehen nicht bloß das Feilbieten mitge-
führter Waren durch Herumziehen von Haus zu
Haus. von Ort zu Ort oder an öffentlichen Orten,
sondern auch das Anbieten gewerblicher Leistungen
und das Aufsuchen von Warenbestellungen im Üm-
berziehen, aber andererseits immer uur, wenn es
außerhalb des Wohnsitzes ohne gewerbliche Nieder-
lassung geschieht. Das Hausieren im Wohnorte,
der sog. ambulante Gewerbebetrieb, wird
von der Gewerbeordnung als stehendes Gewerbe
angesehen, aber weil es, namentlich in großen
Städten, wirtschaftlich fast wie das eigentliche Wan-
dergewerbe wirkt, mit Recht den gleichen Beschrän-
kungen wie dieses unterworfen. In den letzten Jah-
ren war keine Zunahme des H. zu bemerken. Denn
1889 betrug die Zahl der für Hausierer im ganzen
Deutschen Reich ausgestellten Scheine 220511 und
1893: 226304.
u. s. w. für Handlungsreifende stieg dagegen von
50129 im I. 1889 auf 70008 im I. 1893. Über
die neuern Beschränkungen des H. im Deutschen Reich
s. Gewerbegesetzgebung.
In der österreichischen Rechtssprache wird
unter H. nach dem derzeit noch maßgebenden kaiserl.
Patent vom 4. Nov. 1852 lHausierpatent) nur der
Handel mit Waren im Umherziehen von Ort zu
Ort und von Haus zu Haus ohne bestimmte Ver-
kaufsstelle verstanden. Es fallen also hiernach unter
den Hausierbegriff uicht die Wanderlager, d. h. der
vorübergehende, aber in festen Verkaufslotalen er-
folgende Verkauf von Waren seitens Personen,
welche an dem betreffenden Ort keinen Wohnfitz
haben. Das Hausierpatent unterwirft den H. starten
Beschränkungen (zugelassen nur Österreicher, Nor-
malalter 30 Jahre, Vorzeigung des Hausierpasses
an allen Orten, wo sich eine politische oder eine
Polizeibehörde befindet). Diefelden waren zuerst,
den folgenden liberalen Anschauungen entsprechend,
durch ministerielle Auslegung und Dienstvorschrift
1855 gemildert, um ebeufo nach dem Umschwung
der wirtschaftlichen Verhältnisse 1881 wieder ver-
schärft zu werden. Da aber die Klagen und Beschwer-
den gegen den H. gleichwohl anbielten, entschloß sich
die Regierung, ein Hausiergesetz aufarbeiten zu
lassen, dessen Principien nach Vereinbarung mit
Ungarn auch auf diefes übertragen werden follte.
1894 gelangte es an den österr. Reichsrat. Die bei-
den Gegenfätze, totale Vernichtung des H. und An-
erkennung desselben als eines Erwerbszweiges für
viele fönst erwerbsarme Gegenden lediglich unter
Befchneidung der Auswüchse, gelangten zu keinem
Kompromiß. So gilt heute noch das Hausierpatent
von 1852. Das Gesetz vom 28. April 1895 dehnt
die Bestimmungen über gewerbliche Sonntagsruhe
auch auf den H. aus. - Va.l. Artitcl Hausierhandel
im "Österr. Staatswörterbuch", Bd. 1 (Wien 1895).
^Hausindustrie. Gegenüber der fabrikmäßigen
Unternehmung bietet die H. vom Standpunkte des
Arbeitgebers namhafte Vorteile. Die vergleichs-
weise Niedrigkeit des erforderlichen Betriebskapitals
und die Abwälzung des Risikos bei sinkenden Kon-
junkturen lassen es ihm in vielen Fällen angemessener
erscheinen, eine Ausdehnung seines Geschäfts auf
diesem Wege zu versuchen. Weit davon entfernt,
dem Untergange versallen zu sein, hat diese Betriebs-
sorm in neuerer Zeit das offenkundige Bestreben ge-
zeigt, sich mehr auszudehnen. In Österreich haben
die allgemeinen Verhältnisse mancher Gewerbe dazu
gedrängt, und in Deutschland scheint die Arbeiter-
schutznovelle von 1891, die der Frauen- und Kinder-
arbeit in Fabriken engere Schranken zieht, daran
schuld zu sein, daß die H. wieder mehr an Bedeu-
tung gewinnt. Dieser Umstand aber bringt gerade
die Arbeiter darauf, sie mit Erbitterung zu befehden.
Die Arbeiter sehen die H. uur als ein Mittel an, die
Löbne zu drücken, die Organisation der Arbeiter zu
erschweren, die Arbeitszeit über Gebühr zu ver-
längern, das Angebot von Arbeit künstlich großzu-
ziehen, um es hernach sich selbst zu überlassen, die
gesetzlichen Vorschriften über Arbeiterschutz und
Aldeiterversicherung zu umgehen. Dazu kommt noch,
daß das Sweatingsystem ls.d., Bd. 15) in beklagens-
wertem Maße um sich gegriffen bat, und fo wird es
verständlich, daß ein energischer Kampf gegen die H.
von mebrern Seiten begonnen hat.
Die Handwerker haben, wenigstens in Österreich,
den Feldzug angefangen, weil sie in den Hausindu-
striellen (in Österreich vielfach Sitz gesellen oder
Haus gesellen genannt) nur unliebsame Konkur-
renten erblicken, die zu niedrigern Preisen, insbeson-
dere für Magazine arbeiteten und so die Kundschaft
wegnähmen. Schon in den achtziger Jahren faßte die
Schuhmachergenossenschaft in Brunn den Beschluß,
daß kein Mitglied das Recht haben solle, Gesellen
oder Arbeiter außerhalb der Werkstätte zu beschäf-
tigen. Zur gleichen Zeit beschlossen die Schuhmacher
in Krakau die Abschaffung des Sitzgesellenwesens,
und erst neuerdings einigten sich die Täschner in
Wien (Febr. 1890) darauf, daß die Außerhausarbeit
nur dann erlaubt fein solle, wenn für sie 30 Proz.
mehr gezahlt werde; ja im März beschloß eine Ver-
sammlung von Vertretern der Meister und Gesellen
desselben Gewerbes, daß die Außerhausarbeit gänz-
lich aufgehoben werden müsse. Indes haben diese
Beschlüsse mehr agitatorische Bedeutung.
Wirksamer ist die Bewegung gewesen, sofern die
Arbeiter felbst sie in Gang gebracht haben. Die
Schneider in der Schweiz haben hier die Initiative
ergriffen. Im Jan. 1889 veröffentlichten die Züricher
Schneider einen Aufruf zur Aufstellung eines Agi-
tationsprogramms, das im August desselben Jahres
anch wirklich zu staude kam. Es lautete auf "Ein-
führung von Wertstätten auf Kosten der Arbeit-
geber und Unterstellung unter sanitärische Kontrolle,
Erstrebung einer Normalarbeitszeit, Unterstellung
der H. uuter staatliche Kontrolle". In der Folge
kam es im Inli 1890 zur Festsetzung eines "Regula-
tivs der organisierten Schneider in der Schweiz",
im Mai 1891 zur Versendung eiues Aufrufs an alle
Schneider der Schweiz und endlich zu einem Kongreß
vom 0. bis 8. Aug. 1893 in Zürich, ähnlich find in
London die Schuhmacher und Schneider 1889 und
1891 gegen die H. vorgegangen, und auf den glei-
chen Ausweg sind im Winter 1895/90 die Arbeitcr
der Kleiderkonfektion in Berlin geraten.
Das, worauf es die Arbeiter abgesehen baben,
ist die Errichtung von Centralw e r kstätte n. Sie
wollen die Arbeit aus ihren Wohnungen in einen
gemeinsamen Ranm verlegen, in dem sie unter an-
gemessenen hygieinischen Bedingungen, jeder un-
abhängig von dem andern, thätig sein und alsdann
auch höhere Löhne erlangen können. Wirklich be-
stehen derartige Eentralateliers für Schneider seit
1887 in Lausanne und in Zürich, seit 1889 in Genf.
Eine Wertstätte in Bern ist auffalleuderweife Ende
des I. 1895, nach zwölfjährigem Bestehen, wieder
geschlossen worden. Die Werlstätte besteht in Lau-
sanne aus einem großen Zimmer von 7 in Länge