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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Religionen

Indiens. Er überwarf sich mit seinem Lehrer Āruṇi, und es war für das Emporkommen des orthodoxen Brahmanentums von entscheidender Bedeutung, daß er in Dschanaka, dem Könige von Vidēha im östl. Indien, einem mächtigen Fürsten und großen Freunde der Gelehrten, einen Gönner und Patron fand. Das Centrum der brahmanischen Kultur war bis dahin das Land der Kuru-Pantschāla gewesen, das Land zwischen Ganges und Dschamna, das ind. Mesopotamien. Hier ist das Hauptgesetzbuch der brahmanischen Inder entstanden, das den Namen des Manu (s. d., Bd. 11) trägt, des Eponymos der Schule des Mānavās, die zum schwarzen Jadschurveda gehört. Für Jādschnjavalkjas Bedeutung spricht am besten, daß das zweite der Hauptgesetzbücher nach ihm genannt ist. Ein Kommentar zu diesem, der zugleich Fortsetzung und Ergänzung ist, die Mitāksharā des Vidschnjāneçvara aus dem 11. Jahrh. n. Chr., ist noch heute die Hauptautorität für das einheimische Recht in ganz Indien. Jādschnjavalkjas Wirken fällt in den Osten von Indien, und diese Verlegung des Schauplatzes ist gewiß von größerm Einfluß auf die Gestaltung des Brahmanismus gewesen, als man bis jetzt nachweisen kann.

In diese Zeit, etwa 8. bis 6. Jahrh. v. Chr., fällt die strengere Ausbildung der Lehre von den Kasten und der Seelenwanderung; jetzt suchte man auch die Fülle der Götter zu beschränken und einen unpersönlichen Gott an die Spitze zu stellen. zu dem allen lassen sich die Anfänge schon im Rigveda nachweisen. Der unpersönliche Gott, ursprünglich mit verschiedenen Namen benannt, wird zuletzt allein als bráhman (Neutrum) bezeichnet in Anknüpfung an den Namen des Zauberspruches oder Liedes, mit dem man die Götter glaubte zwingen zu können und das daher an Macht über ihnen stehen mußte. Der Götterhimmel selbst erfuhr wenig Veränderung; charakteristisch ist allein, daß der Name Asura, ursprünglich = "Herr", der im Rigveda Bezeichnung gerade der ältesten Götter ist, jetzt zur Bedeutung "Dämon" gelangt ist, während die Götter Dēva heißen. Dēvā und Asurā liegen in beständigem Kampfe, und die Dēvā siegen durch einen Kunstgriff beim Opfer. Viel wichtiger, ja von grundlegender Bedeutung für die ganze weitere Entwicklung der ind. Religion ist die Lehre von der Seelenwanderung (s. d., Bd. 14). Sichere Spuren derselben lassen sich im Rigveda zwar nicht nachweisen, aber die Bezeichnung mancher Götter mit Tiernamen, ferner daß man den Maruts eine Kuh zur Mutter giebt, und die Verehrung von Tieren, Pflanzen und Steinen weist darauf hin, daß der Glaube an die Verkörperung der Seelen in Tieren und leblosen Gegenständen ein uralter ist. Die vedische Zeit kannte neben einem Himmel, in dem der Fromme ein glückliches Leben führte, auch eine Hölle tief unter der Erde, in die der Gottlose gestürzt wurde. Die spätere Zeit hat den Höllenglauben weiter ausgebildet und die Qualen ausgemalt, die der Sünder in den Höllen, von denen später bis zu 21 aufgezählt werden, zu erdulden hat. Das Schicksal des Menschen nach dem Tode hing von seinen Thaten in diesem Leben ab. Nach der Lehre von der Seelenwanderung konnte der Gottlose durch Besserung aus der Hölle befreit werden, aber umgekehrt konnte auch der Fromme aus dem Paradiese gestürzt werden, um neue Geburten auf der Erde zu erleiden, die alle mit Leid und Schmerz verknüpft sind. Niemand wußte, welches Schicksal ihm nach dem Tode bevorstand. Diese Ungewißheit gab den Priestern eine große Macht über die Gemüter der Laien, sie mußte aber auch den Wunsch erregen nach einer Lehre, die im stande war, diesem ewigen Kreislauf der Geburten (saṃsāra; s. Sansāra, Bd. 14) ein Ende zu setzen. Und das ist das Ziel, nach dem alles Denken dieser und der unmittelbar folgenden Zeit hinstrebt. Die Beantwortung dieser Frage ist der Kernpunkt aller folgenden Systeme. Der Brahmanismus lehrte, daß von der Seelenwanderung der erlöst wird, der sich frei macht von "Nichtwissen" und "Begehren". Unter "Begehren" verstand er das Hängen an den Freuden dieser Welt, unter "Nichtwissen" aber die Unkenntnis des Brahman. Außer in den Brāhmaṇa wird diese Lehre namentlich in den Upanishad (s. d., Bd. 16) vorgetragen, oft in schwungvoller, altertümlicher Sprache. Es heißt dort z. B.: "Wie die strömenden Flüsse im Ocean verschwinden, Name und Gestalt verlierend, so der Wissende. Von Namen und Gestalt befreit geht er ein in den höchsten Atman (= Geist), den göttlichen, den höchsten. Er, der das Brahman kennt, wird selbst Brahman. Er überwindet den Kummer, er überwindet die Sünde; befreit von den Fesseln des Körpers wird er unsterblich." Den Weg zur Befreiung von der Seelenwanderung zu weisen, übernahmen auch die Philosophen, unter deren Systemen der Sāṃkhya und Yōga auf Buddhas Lehre von maßgebendem Einfluß gewesen sind. Es ist nun wohl einleuchtend, daß nicht ein jeder Mensch, der mitten im Leben stand, ohne weiteres zur Befreiung von "Nichtwissen" und "Begehren" kommen konnte. Das mußte zunächst ein Vorrecht derer sein, die Ruhe zum Nachdenken und beschaulichen Leben hatten. Und so bildete sich im Brahmanismus das Mönchstum heraus, das von hier auf die andern Religionen Indiens übergegangen ist. Sollte die Lehre von der Befreiung von der Seelenwanderung praktische Folgen haben, so mußte sie aus den Schulen der Philosophen und der Mitte der Mönchsgemeinde in das Volk getragen werden. Dem Volke mußten die Spekulationen über das Brahma unverständlich bleiben, und der Brahmanismus verschmähte auch hier nicht das Mittel der Zauberei. Wer nicht wiedergeboren werden wollte, der sollte "das Gelübde der Nacht" vollziehen, Anrufungen, durch die er die Nacht zwang, ihm zu erscheinen und ihn von der Wiedergeburt zu befreien. Auch durch äußere Kasteiungen mannigfacher Art suchte man das Ziel zu erreichen. Es gab Büßer, die sich der Sonne aussetzten und noch rings um sich vier Feuer anzünden ließen, andere, die Tag und Nacht im Wasser standen, die sich bis an den Hals in Termitenhaufen eingruben, die nur von Früchten oder Wurzeln lebten, sich nie oder unablässig wuschen; es wird von Mönchen erzählt, die den Hähnen oder Kühen in jeder Weise nachahmten u. dgl. So waren die Wege sehr verschieden, die man einschlug, und groß die Zahl der Lehrer, die in Indien herumzogen, um Heilande ihres Volks zu werden. Alte buddhistische Texte sprechen von sechs Lehrern, die gleichzeitig mit Buddha lebten und großen Zulauf fanden, darunter Skeptiker wie Makkhali Gosāla, den die Dschainas Gosāla Mankhaliputta nennen, ursprünglich einen Schüler ihres Meisters Mahāvīra sein und elend ums Leben kommen lassen. Er leugnete den freien Willen des Menschen und predigte den Fatalismus; seine Anhänger, die Ādschīvikās, waren einst sehr zahlreich. Ein anderer, Pūraṇa Kassapa, lehrte, daß es weder für Sünde eine Strafe, noch für gute Werke