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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Infektionskrankheiten
tungen im Tierkörper kaum in Betracht. Sehr wohl
ist dies dagegen der Fall bei einer andern Klasse von
Giftstoffen, die wegen der Ähnlichkeit gewisser
Reaktionen mit denen der Eiweihkörper als
Toxalbumine bezeichnet worden sind, von denen
jedoch in neuester Zeit nachgewiesen ist, daß sie in
reinem Zustande keine Epnr von Eiweißstosfen (im
landläufigen Sinne des Wortes) enthalten, sondern
vielmehr eine eigene, vorläufig chemisch nicht näher
zu definierende Klasse von Körpern bilden und
wahrscheinlich unmittelbare Abkömmlinge der Leibes-
substanz darstellen; hierher gehören das insbeson-
dere von Roux und Dersin sowie Brieger und Fränkel
studierte Diphtheritisgist (s. Diphtheritis), ferner
das von Brieger und Kitasato erforschte Tetanus-
gift; die Giftigkeit diefes letztern ist ganz enorm
und übertrifft beispielsweise die des Strychnins um
ein Vielfaches; 1 mF würde zur Tötung eines Er-
wachsenen ausreichen. Weiterhin sind die von
Büchner zuerst dargestellten Bakterienextrakte
oder Bakterienprote'ine zu nennen, die eine
fiebcrerregende Wirkung äußern; in besonders hohem
Grade zeigt sich eine solche bei einem von Ccntanni
aus verschiedenen Bakterienkulturen gewonnenen
sog. Pyrotoxin, dem möglicherweise eine ursäch-
liche Rolle für die Entstehung des Fiebers bei den
I. zukommt; auch das Kochsche Tuberkulin gehört
in diese Reihe. Alle diese Bakterienertrakte sind vor
den Toxalbuminen durch ihre bedeutende Hitzebestün-
digkeit ausgezeichnet. Endlich sind noch bei einigen
pathogenen Bakterien, insbesondere beim Cholera-
und Typhusbacillus, bei den torischen peptonisieren-
den Bakterien der Kuhmilch (s. Aussütterung der
Kinder) die Giftstoffe in der lebenden Leibessubstanz
der Bakterien selbst als Körper von außerordent-
licher Labilität gegenüber äußern Einwirkungen er-
mittelt worden, die im Organismus unter dem Ein-
fluß des lebenden Plasmas durch einen bisher
künstlich nicht nachzuahmenden eigenartigen Lösungs-
prozeß in Freiheit gesetzt und durch Resorption über
den gangen Korper verbreitet werden. Mit den so-
eben geschilderten Bakteriengiften wird der Orga-
nismus fcinerseits in zweierlei Weise fertig, einmal
durch Ausscheidung derselben durch die natürlichen
Sekretionen, Harn, Schweiß u. s. w., zweitens durch
Zerstörung derselben im Stoffwechsel; vielleicht
spielen hierbei bestimmte Organe eine wesentliche
Rolle. Inzwischen tobt an den Stellen der einzelnen
Vakterienansiedelungcn der Kampf zwischen Alerinen
und Lysinen immer weiter, die einerseits durch an-
gestachelte Thä'tiakeit der Gewebszellen und starke
Anlockung der Leukocyten, andererseits von den
neu gebildeten Mikroben immer wieder frisch gelie-
fert werden; von dem Stande diefes Kampfes hängt
es ab, ob die Bakterien endlich in ihrer Wucherung
eingedämmt werden und nun der Organismus,
seinerseits wieder bedroht, mit frischen Hilfskrästen
ihre endgültige Vernichtung bewerkstelligen kann,
oder ob, im Falle des ungünstigen Ausgangs, der
Körper, von Bakteriengiften mehr und mehr über-
schwemmt, in allen seinen Funktionen geschwächt,
auch immer weniger Verteidigungskräfte gegen die
stets wachsende Übermacht des Feindes aufzubringen
vermag und ihr endlich erliegt.
Äußere Eingriffe zu Heilzwecken können sich zu-
nächst gegen die lokalen Vakterienherde richten und
diefe durch operative Mahnahmen oder Anwendung
von Antisepticis zu beseitigen suchen; selbstverständ-
lich wird dadurch dem Organismus sein Kampf durch
Decimierung der Gegner erleichtert. Viel radikaler
aber ist noch das unmittelbare Eingreifen in diesen
Kampf mittels der auf den Principien der Immuni-
tät basierenden Heilserumbehandlung. In diesem
Falle werden Stoffe, die sich im künstlich immuni-
sierten Tier gebildet haben und die entweder die
Fähigkeit besitzen, die Lysine der Bakterien zu ver-
nicbten und diese so ihres Angriffsmittels zu be-
rauben (die Antilyfine Kruses) oder die Gifte der
Bakterien zu zerstören (Antitoxine), in den be-
sallenen Organismus eingebracht und so die Situa-
tion mit einem Schlage zu Gunsten des Organis-
mus verändert. Auf diese Weise gelingt es, künst-
lich einen Kampf, dem fönst der Körper für sich
allein nicht gewachsen wäre, siegreich zu entscheiden.
Über die praktischen Erfolge der Behandlung f. Diph-
theritis; über die Theorie s. Immunität.
Was die Verbreitungsart der I. anlangt, so
unterscheidet man kontagiöse und miasma-
tische (ektogene, ektanthrope) I., je nachdem
die Verbreitung vorwiegend oder fast ausfchliehlich
vom Kranken selbst oder indirekt durch Gebrauchs-
gegenstände des Kranken erfolgt oder ob der Infek-
tionsstosf stets von außen ohne Vermittelung eines
bereits Erkrankten aufgenommen wird; zu den ex-
quifit kontagiö'sen I. gehören z. B. Scharlach, Ma-
sern, Syphilis; das klassische Beispiel einer mias-
matischen ist die Malaria (s. d., Bd. 11). Außer-
dem kann sich eine und dieselbe Krankheit sowohl
durch Kontagion als durch Vermittelung eines
äußern Substrats verbreiten, wie z. V. die Cholera
sowohl direkt von Fall Zu Fall, als auch von einem
gemeinsamen äußern Insektionsherde, z. V. einem
infizierten Trinkwasser aus, ihre epidemische Entwick-
lung nehmen kann; man bezeichnet solche I. wohl
auch als kontagios-miasmatische. Früher
glaubte man eine strenge Scheidung zwischen beiden
Arten von I. annehmen zu müssen, in dem Sinne,
daß nur bei den kontagiösen Krankheiten der Infek-
tionsstoff den befallenen Organismus wiederum in-
fektionstüchtig verlasse und daher sogleich zur Aus-
lösung einer neuen Infektion befähigt sei, während
bei den miasmatischen I. der Krankheitsstofj den
Körper in einer unwirksamen Modifikation verlasse
und zur Erreichung der Infektionstüchtigkeit erst
einen Reisungsprozeß in einem äußern Substrat
durchmachen müsse, ehe er wieder einen andern Or-
ganismus zu befallen vermag. Diese Annahme ist
jedoch vollständig widerlegt; es ist mit Sicherheit
erwiesen, daß selbst bei der Malaria durch direkte
Übertragung des parasitenhaltigen Blutes auf einen
Gesunden die Infektion erzeugt werden kann, und
daß überhaupt bei jeder Infektionskrankheit durch
Verimpfung der Krankheitserreger eine direkte Über-
tragung möglich ist, ohne daß ein äußerer Reifungs-
prozeß nötig wäre. Praktisch werden freilich bei
verfchiedenen I. auch verschiedene Wege der Infek-
tion mit ungleicher Häufigkeit befchritten, so daß ein
bestimmter Insektionsmodus meist für bestimmte I.
typisch ist. Über die Rolle des Trinkwassers, der
Nabrungsmittel (z. B. der Milch), des Bodens, der
Lust für die Verbreitung der I. s. TrinkwaM'theorie,
Cholera, Boden, Bakterien, Milchsterilisation. End-
lich ist auch der Verbreitung der I. durch Vererbung
zu gedenken; hierbei kann es sich entweder um eine
wirkliche Übertragung des Infektionserregers durch
den Erzeuger auf die Frucht handeln, sei es schon im
Augenblick der Konzeption (konzeptionelle oder
germinative Insektion), sei es nachträglich wäh-